Menhire
Rätselhafte Zeichen: Hinkelstein-Tour durch die Pfalz
Das Schönste am Reisen ist es, nach dem Weg zu fragen. Hätte man nicht nach dem Weg gefragt, dann hätte man kein Schwätzchen mit dem netten Mann gehalten, der sich sein Häuschen auf den Heiligenmoscheler Berg über Otterberg bei Kaiserslautern gebaut hat, mitten in den Wald. Ziemlich einsam und ziemlich anarchisch das Ganze, genau so würde man selbst gerne wohnen. „Klar“, sagt der nette Mann, „hier oben stört einen keiner“, und dann erklärt er zum dritten Mal mit Engelsgeduld den Weg zum Otterberger Hinkelstein. „Ist aber’n Stück“, sagt der nette Mann noch, „fast schon Schneckenhausen.“ Der nette Mann wird recht behalten.
Wird also anstrengend heute, ist aber kaum zu vermeiden: Irgendwie liegen die Dinger eben selten direkt an der Autobahnausfahrt. Sondern mitten im Wald. Oder links hinten über dem Sportplatz. Oder mitten in einem Rübenacker wie der Menhir bei Einselthum im Zellertal. Hinkelstein-Tour durch die Pfalz, und wir drehen hier zunächst mal alles auf Anfang. Der liegt in der idyllischen Nordpfalz mit Blick auf den Donnersberg.
Der Kollege in Einselthum hat nämlich etwas, das den meisten seiner pfälzischen Kollegen abgeht: Kontext. Ein „Menhir“ oder „Hinkelstein“ (verballhornt von „,Hünenstein“) definiert sich im engeren Sinn als von Menschen aufgerichteter Einzelstein – aufgerichtet in vorgeschichtlicher Zeit. Was zum Grundproblem führt: Wann und zu welchem Zweck der jeweilige Stein errichtet wurde, das lässt sich meistens nicht mehr klären.
Kultplatz, Grabstele oder Wegmarke?
Kultplatz, Grabstele oder Wegmarkierung sind geläufige Vermutungen – und abgesehen davon regt die Leerstelle, die das Wissen um den Menhir ist, natürlich die Fantasie der Betrachter an. Der „zentrale Quell der Lebenskraft aller, die vom Ahn abstammen“, ist der Menhir laut einem modernen Interpreten. Keine Ahnung, was das heißt, aber deshalb folgt man ja zum Auftakt einer Menhir-Tour günstigerweise den Wirtschaftswegen, die sich nördlich von Einselthum in die Felder und Weinberge schneiden: Dem örtlichen Kalksteinblock kann man wenigstens ansatzweise ablesen, was er heißt.
Grabungen in den 1960er-Jahren haben im Umfeld des Quaders Funde gemacht, die sich der Rössener Kultur zuordnen lassen, also in etwa dem Übergang von früher zu mittlerer Jungsteinzeit, um die 4700 v. Chr. Besonders im Südwesten scheint man in jener Phase den Stein gerne in die Vertikale gezwungen zu haben: Eine noch ältere, kurze Phase bezeichnen die Archäologen als „Hinkelsteingruppe“. Sie hat vor allem in Rheinhessen Spuren hinterlassen, vielleicht eine regionale Kultgemeinschaft mit Hang zum Aufrechten. Im Umfeld des Einselthumer Steins hat man bei der Ausgrabung dann noch eine Grabstelle gefunden, vielleicht ein von Anfang an leeres Scheingrab. Die Totenruhe könnte man dort also nicht stören, aber zu nahe will man dem „Langen Stein“ ohnehin nicht treten: der liegt wie gesagt mitten in einem Rübenacker, Durchlaufen ist nicht, auf dass die Zuckerproduktion im nahen Offstein nicht zum Erliegen komme.
Geheimgang mit Knochen
Stattdessen ein kleiner Abstecher ins älteste Haus von Einselthum – und zu Helga Wähdel und Peter Waschulewski, die dort wohnen und freundlich Einlass gewähren, obwohl man mehr oder weniger unangemeldet aufgeschlagen ist. Das „Steinerne Haus“ direkt am Kirchhof stammt mutmaßlich aus dem 13. Jahrhundert, war unter anderem wohl mal ein Spital – und gibt ähnlich wie der nahe Menhir nicht alle seine Geheimnisse preis: Es gibt einen Geheimgang im Keller, der laut Volksmund bis ins nahe Zell führen soll und jedenfalls „bis unter die Kirche“ führt, so Waschulewski. Angeblich hat man im inzwischen verschütteten Gang Knochenfunde gemacht, wieder der Volksmund: Die verscharrte Leibesfrucht von Ordensfrauen nach verbotenen Liebschaften. Dem Fantasiebegabten wird jedes Loch zum Schauerroman.
Dem Fantasiebegabten wird wohl auch jener Steinquader zum Menhir: Auf der Fahrt um den Donnersberg fällt auf, wie viele aufrechte Steine es in der Gegend gibt, das Material wächst ja gleichsam vor der Haustüre. Otto Gödels Buch „Menhire“ von 1987 listet knapp 50 Hinkelsteine in der Region auf, viele bislang unentdeckte könnten dazukommen – und einige umstrittene aus der Liste fallen, weil sie natürliche Phänomene darstellen. Dazu kommt ein Kardinalproblem des großen Steins: Er wird gerne versetzt und steht dann außerhalb seines ursprünglichen Sinnzusammenhangs. Und er wird gerne umgenutzt, kann also im Lauf der Jahrtausende von der Grabstele zu Wegmarkierung oder Grenzstein werden – was seine Deutung natürlich zusätzlich erschwert.
Der „Wack“, der hinter der Verbandsgemeindeverwaltung in Alsenz steht, hat beides über sich ergehen lassen müssen: Sein eigentlicher Standort war laut Gödel etwa zwei Kilometer östlich von Alsenz, an einer alten Hochstraße Richtung Norden. 1953 hat man ihn mit einer Plakette umgewidmet und zum Kriegerdenkmal gemacht – und heute ist er angeblich beliebte Kulisse für Hochzeitsfotos, vielleicht wegen der Lebenskraft derer, die vom Ahn abstammen.
Wenige Hundert Meter weiter, am Ufer der Alsenz, liegt ein Areal, bei dessen Wiederentdeckung durch Archäologen in 2000 Jahren man wirklich gerne dabei wäre: Der Sandsteinpark, den der Historische Verein der Nordpfalz dort als Ergänzung zum nahen Steinhauermuseum angelegt hat, umfasst rund 25 Sandsteinquader aus ganz Deutschland. Man darf träumen, von Schlagzeilen wie „Deutsches Stonehenge am Donnersberg“ beispielsweise. Eigentlich geht’s hier aber um etwas ganz anderes: Regionale Sozial- und Wirtschaftsgeschichte.
Maskenpflicht: Schon früher umstritten
Um 1830, mit der zunehmenden infrastrukturellen Erschließung der Region, zieht das Geschäft mit dem örtlichen Sandstein an – ein für die Arbeiter oft ziemlich gesundheitsschädliches Geschäft. „Die Leute haben ab dem 35. Lebensjahr auf ihr Ende gewartet“, sagt Günter Müller, der das Steinhauermuseum betreut. Der Grund ist der hohe Quarzanteil im Sandstein, der, wenn bei der Bearbeitung als Staub eingeatmet, Lungenfibrose verursacht. Und der Mannesstolz vieler Steinhauer: Müller hat eine Arbeitsschutz-Vorschrift von 1895 eingesehen, die die Arbeiter eigentlich zum Tragen eines Mundschutzes verpflichtet. Der galt allerdings als unmännlich. Tröstlich immerhin: Auch beim Streit um die Maske gibt’s wenig Neues unter der Sonne.
Fährt man weiter Richtung Südwesten, Richtung Otterberg, dann bewegt man sich entlang einer auffälligen Kette von Menhiren, die vom heutigen Donnersbergkreis durch die Kaiserslauterer Senke führt und von dort am Rand der Sickinger Höhe Richtung Westen weiterläuft. Die Vermutung, die Steine dienten als Wegmarke an überregionalen Handelsrouten vielleicht schon aus Jungsteinzeit und Bronzezeit liegt da schlicht nahe. Und wie wichtig Wegmarken sind, kann man am eigenen Leib erfahren – kurz nachdem man sich von dem netten Mann vom Heiligenmoscheler Berg verabschiedet hat.
An dessen Beschreibung („auf den Sandweg und dann am Pavillon links“) beginnt man nämlich nach zwei Kilometern im Wald zu zweifeln – bis hin zu dem Punkt, an dem fraglich wird, ob „Pavillon“ auf Westpfälzisch das Gleiche heißt wie auf Vorderpfälzisch. Es gilt hier Abbitte zu leisten: Der nette Mann hatte natürlich recht, und nach gut zwei Kilometern sagen das sogar die Bäume – mit einem Hinkelsteinsymbol, weil man ab jetzt auf dem Hinkelsteinweg läuft.
Hervorragend ausgezeichnet, der Weg, was Wanderführer Jürgen Wachowski zu danken ist. Der hat ihn nämlich angelegt und zertifizieren lassen. Naheliegend, die Hinkelstein-Tour, meint er, „der Hinkelstein ist in Otterberg ziemlich bekannt“. Gut 41 Kilometer hat die Strecke, mittlere Schwierigkeit, meint Wachowski, neben dem Otterberger Hinkelstein gibt’s Grenz- und Gemarkungssteine zu sehen, dazu streift sie das Naturschutzgebiet Mehlinger Heide. Wird gut angenommen, die Route, sagt er, „es gibt den Trend, eher stille Gegenden zu besuchen“. Stiller als hier geht’s kaum: Kein anderer Wanderer auf den ziemlich genau drei Kilometern vom netten Mann zum Otterberger Hinkelstein.
Vom Grab- zum Grenzstein
Der dann ein Musterbeispiel für Umnutzung ist: Der Monolith ist auch „Dreigemärkerstein“, die Gemarkungen von Falkenstein. Kurpfalz und Schallodenbach trafen hier zusammen, deswegen die mittelalterlichen Gemarkungssteine um den eigentlichen Menhir. Eine alte Höhenstraße führt hier vorbei, Gödel vermutet wie schon ältere Autoren zudem einen Zusammenhang mit einem nahen Hügelgräberfeld aus der Eisenzeit. Ein wirklich geschichtsträchtiger Ort, mitten im Wald, beschrieben wird er schon in einer Urkunde von 891, die nach jetzigem Wissensstand älteste urkundliche Erwähnung eines pfälzischen Menhirs. Die Gemarkungsgrenze liegt demnach „ad Vasastem et inde prominet ad biuium in ualde“, also beim Römerstein an einer Weggabelung. Und eben mitten im Wald.
Kurzer Zwischenstopp noch in Queidersbach im schönen Museum Sickingerhöhe und bei Museumsleiter Alois Schneider. Dem scheint die Erklärung des Menhirs gleichsam als Straßenschild am vorgeschichtlichen Wegenetz plausibel, „sie liegen ja oft einigermaßen exponiert“, sagt er. Weiter auf dem Weg der alten Steine: Im nahen Bann gibt es einen bekannten Menhir, den „Bännerstein“, Schneider kennt dort noch einen weiteren um die 400 Meter weiter vom bekannteren Exemplar.
Wie gesagt: Das Schönste am Reisen ist es, nach dem Weg zu fragen, die freundliche wenn auch überraschte Friseurin am Ortsrand von Mittelbrunn beispielsweise („Der Menhir? Was wollen Sie denn da?“). Die Beschreibung ist glasklar und der „Lange Stein“ gut erreichbar: Liegt zwar auch mitten in einem Feld, aber der Mais ist bereits abgeerntet.
Der Mittelbrunner hat jedenfalls den Preis als malerischster Menhir des heutigen Tages verdient, weil er gleichermaßen markant wie an die Landschaft angepasst ist. Im nahen Martinshöhe gibt es ebenfalls einen, und folgte man den Hügelsatteln Richtung Westen, dann würde man bei Blieskastel auf den Gollenstein treffen, den größten Menhir Mitteleuropas. In den ist im Übrigen das Relief einer menschlichen Figur eingehauen, einer Gottheit vielleicht. Gewährsmann Gödel wollte auch am Mittelbrunner Exemplar noch die Ritzzeichnung eines Menschen erkannt haben, die ist heute allerdings nicht mehr auszumachen.
Stattdessen gibt’s noch ein spätes Beispiel für Umnutzung: Irgend jemand hat irgendwann ein Herz in den Stein gehauen und „I A M E“ in dessen Mitte geritzt. Mal gespannt, was die Archäologen in 2000 Jahren dazu sagen werden.
Menhire und Hinkelsteine – die Namen
Das Wort „Menhir“ stammt aus dem Bretonischen und heißt schlicht so viel wie „langer Stein“. In der Bretagne sind die Objekte vergleichsweise häufig zu finden, errichtet wurden sie dort wohl schon ab 6000 v. Chr. Der deutsche Ausdruck „Hinkelstein“ leitet sich wahrscheinlich vom „Hünenstein“ ab, der irgendwann zum „Hühnerstein“ oder eben „Hinkelstein“ umgedeutet wird.
Der Zeitrahmen
Zu erkennen und zu datieren sind die Steine nur, wenn ein Fundkontext vorliegt – was selten der Fall ist. Einige Menhire im Südwesten dürften aus der Übergangszeit von früher zu mittlerer Jungsteinzeit stammen, also aus der sich teilweise überlappenden regionalen „Hinkelsteingruppe“, der Großgartacher Kultur und der (großräumigeren) Rössener Kultur, also aus der ersten Hälfte des 5. Jahrtausends v. Chr. Nicht jeder Monolith muss freilich in der Steinzeit aufgerichtet worden sein: Heute als Menhire wahrgenommene Objekte könnten auch aus späterer Zeit stammen, so Grabstelen aus Hallstatt- oder Latènezeit.
Die Funktion
Gleiches Problem wie bei der Datierung: Mangels Beifunden oft kaum zu bestimmen. Steine aus dem Komplex Hinkelstein-Großgartach-Rössen hat man am Rand von Gräberfeldern gefunden. Denkbar sind auch Nutzungen als Kultplatz, Grenz- oder Wegemarkierungen. Zudem werden die Steine im Lauf der Zeit oft umgenutzt – weil sie eben auffällige Landmarken darstellen.