Kreis Kaiserslautern
Kaiserslautern: Besorgniserregende Altersstruktur bei den Hausärzten im Kreis
Droht dem Landkreis Kaiserslautern in naher Zukunft der ärztliche Notstand? Die Altersstruktur ist zumindest besorgniserregend: Rund die Hälfte der Hausärzte im Kreis wird in zehn Jahren in Rente sein oder kurz davor stehen. Ein Viertel der Allgemeinmediziner erreicht bereits 2020 das 62. Lebensjahr, das „als mittleres Austrittsalter aus der vertragsärztlichen Versorgung“ gilt.
Kaiserslautern. „Das sind alarmierende Zahlen“, findet Marcus Klein, der seit kurzem wieder ein Mandat im Mainzer Landtag innehat und dort für die CDU im Gesundheitsausschuss sitzt. Die Angaben zur Altersstruktur gehen aus einer Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage des Steinwendeners zurück. „Wenn 25 Prozent der Hausärzte im Landkreis im kommenden Jahr 62 Jahre oder älter sind, wird die absolute Zahl der Hausärzte in den kommenden Jahren noch weiter sinken. Lediglich 24 Prozent der jetzigen Vertragshausärzte werden aller Voraussicht nach im Jahre 2030 noch im Dienst sein“, sagt Klein und erinnert daran, dass etliche Mediziner über das Rentenalter hinaus arbeiteten, weil sie keinen Nachfolger für ihre Praxis fänden.
In den vergangenen fünf Jahren seien bereits 15 Hausärzte im Landkreis aus der vertragsärztlichen Versorgung ausgeschieden. „Acht Praxen wurden ganz geschlossen.“ Der CDU-Politiker sieht „die fortlaufende vertragsärztliche Versorgung im Landkreis gefährdet“ und fordert die Landesregierung auf, „dieser beunruhigenden Entwicklung sowohl kurzfristig als auch langfristig entgegenzusteuern“. Die zuständige Kassenärztliche Vereinigung (KV) tue zwar alles, um die Versorgung überall sicherzustellen. Klein: „Das kann aber nur gelingen, wenn genug ärztlicher Nachwuchs von den Universitäten kommt und sich für eine Hausarztpraxis interessiert. Das ist leider derzeit nicht der Fall.“
Kritik an Zuschnitten der KV
SPD-Landtagsabgeordneter Daniel Schäffner, der nach eigenen Angaben gemeinsam mit seinem SPD-Kollegen Thomas Wansch bereits seit Jahren mit dem Problem befasst ist, sieht die Rolle der Kassenärztlichen Vereinigung hingegen kritisch: „Die ärztlichen Bezirke, die die KV festlegt, sind mit ein Hauptproblem.“ Beispielsweise bilde die Verbandsgemeinde Otterbach-Otterberg mit der Stadt Kaiserslautern einen Bezirk. „Das passt absolut nicht. Die Probleme im Lautertal sind riesig. Aber dort findet sich kein Arzt, weil die Mediziner innerhalb dieses Bezirks alle lieber nach Kaiserslautern wollen“, spielt Schäffner auf die bislang vergebliche Suche der Ortsgemeinde Katzweiler nach einem neuen Arzt an. Der Einfluss der KV auf diese Zuschnitte „ist mir zu stark“, sagt Schäffner und sieht auch das Bundesgesundheitsministerium in der Pflicht: „Wenn das mit der Selbstverwaltung der KV nicht richtig klappt, müsste da Berlin mal drangehen.“
Derzeit ist das Problem der ärztlichen Versorgung laut Schäffners Einschätzung im Landkreis Kaiserslautern „noch nicht so akut“. Von punktuellen Problemen abgesehen gebe es „fast eine 100-prozentige Versorgung“. Gerade im Raum Landstuhl und Ramstein gebe es viele Praxen. „Und wo schon Ärzte sind, gehen auch Ärzte hin.“ Was die Zukunft angeht, teilt der Mackenbacher SPD-Landtagsabgeordnete aber die Sorge seines CDU-Kollegen. „Da bin ich schon etwas beunruhigt.“
Wie kann man das Problem lösen? „Das ist nicht leicht – zumal die Zeit immer drängender wird“, sagt Marcus Klein. „Wer heute nicht mit dem Studium anfängt, ist 2030 auch kein Hausarzt.“ Kurzfristig sei das Problem nicht zu lösen, da schlicht zu wenige junge Ärzte auf dem „Markt“ seien. Viele Ärztestellen, gerade an Krankenhäusern, würden mit qualifizierten Zuwanderern aus dem Ausland besetzt. „Das schließt dort zwar kurzfristig Lücken, ist aber für die kurzfristige Nachbesetzung in der Fläche nicht das Mittel der Wahl; es ist vielen schon fachlich und sprachlich oft nicht möglich, auf sich alleine gestellt zu praktizieren.“
Medizinstudium ohne Traumabi
Um wenigstens mittelfristig Nachfolger für Ärzte im Rentenalter zu finden, müssten mehr Studienplätze geschaffen und Bewerbern müsse der Zugang zum Medizinstudium erleichtert werde, befürworten sowohl Klein als auch Schäffner die sogenannte „Landarztquote“ – ein Gesetzentwurf der Landesregierung. Dieser sieht vor, dass Bewerber, die sich verpflichten, in einer unterversorgten Region von Rheinland-Pfalz Allgemeinarzt zu werden und dort eine Weile zu praktizieren, ab Herbst 2020 auch ohne Spitzenabitur bessere Chancen auf einen Medizinstudienplatz haben sollen. „Ich glaube ohnehin nicht, dass sich aus einem Traumabi schon darauf schließen lässt, wer am Ende ein guter Hausarzt auf dem Land werden würde“, meint der CDU-Abgeordnete – eine Meinung, die Schäffner teilt. „Die Landarztquote ist der richtige Ansatz.“ Aber auch die Arbeitsbedingungen auf dem Lande müssten stimmen, fügt der SPD-Politiker an. „Diese müssen attraktiv sein. Sonst kann man die Ärzte auf dem Land nicht dauerhaft halten.“ Hausärzte verdienten beispielsweise weniger als Fachärzte, übt er Kritik daran, dass „der Dienst am Patienten“ – beispielsweise auch Hausbesuche – zu schlecht bezahlt werde. „Doch das wird mit den Krankenkassen ausgehandelt“, sieht er hier nur wenig Einfluss der Politik. Und neben dem Geld müsse für junge Menschen heute vor allem auch die Work-Life-Balance stimmen. Eine 80-Stunden-Woche, die so mancher Landarzt stemme, komme für den Nachwuchs nicht mehr in Frage. „Aber Praxisgemeinschaften können dem entgegenwirken.“
Medizinische Versorgungszentren sehen sowohl Schäffner als auch Klein positiv: „Sie werden sicher ein wichtiger Baustein sein, um an junge Ärzte zu kommen, die die Selbstständigkeit scheuen, weil das natürlich mit finanziellem Risiko und einem hohen persönlichen und zeitlichen Einsatz verbunden ist“, sagt Klein, betont jedoch zugleich, dass solche Zentren nicht alle Allgemein- und Facharztpraxen ersetzen könnten, denn dies würde ein Abzug aus der Fläche bedeuten.
Mit Prämien Ärzte locken
Einig sind sich die beiden Landtagsabgeordneten darin, dass Anreize wichtig sind, um medizinischen Nachwuchs aufs Land zu bekommen, etwa eine finanzielle Förderung bei einer Praxisübernahme oder Entgegenkommen bei der Miete in kommunalen Gebäuden. „Manche Kommunen bezahlen Prämien bei Ansiedlung eines Arztes oder stellen einen Bauplatz zur Verfügung“, berichtet Schäffner. Andere richteten eine Raum im Bürgerhaus ein, in dem ein Arzt beispielsweise für einen Tag pro Woche Sprechstunden abhalten könne, ohne in dem Dorf gleich das Risiko einer eigenen Praxis eingehen zu müssen. Modelle wie diese würden vom Land gefördert. „Solche Anreize helfen aber halt nur dann, wenn es wenigstens Bewerber auf dem Markt gibt“, weist Klein auf das Grundproblem hin.
Trotz aller Bemühungen werde es vermutlich nicht überall in Rheinland-Pfalz gelingen, die ärztliche Versorgung vor Ort auf Dauer zu gewährleisten, wirft Schäffner einen Blick in die Zukunft: Der SPD-Politiker sieht in solchen Fällen auch die Telemedizin als Alternative „gerade für jüngere Menschen, die sich nicht eine Stunde ins Wartezimmer setzen wollen“. Derzeit gebe es diverse Modellversuche. „Aber alles ist noch in der Erprobungsphase.“
Es gebe nicht den einen Weg, um das Problem anzugehen, sagt Schäffner und fordert, dass Land und Kommunen gemeinsam nach Lösungen suchen. Für ein gemeinsames Vorgehen mit Verbänden und Interessenvertretungen setzt sich auch Marcus Klein ein: „Wir dürfen jetzt keine Zeit mehr verlieren und müssen schnellstens ärztlichen Nachwuchs gewinnen und ihn mit vielen größeren und kleineren Anreizen erst für die Fachrichtung Allgemeinmedizin und dann für die Fläche begeistern. Fangen wir jetzt an, sehen wir in zehn Jahren vielleicht Licht am Ende des Tunnels.“