Kreis Kaiserslautern
14 Menschen aus dem Landkreis wurden vor 80 Jahren ins Lager Gurs deportiert
Aus der Pfalz waren davon 825 Menschen betroffen, unter ihnen 63 Kinder. In der Westpfalz wurden die meisten Juden aus der Stadt Kaiserslautern verschleppt, 46 Personen, darunter acht Kinder. Eines von ihnen, Margot Schwarzschild, erinnert sich: „Eines sehr frühen Morgens wurden wir jäh aus dem Schlaf gerissen; Stiefelgetrampel und lautes Klopfen an der Wohnungstür, Ich sah meine Eltern erbleichen, zu Tode erschrecken... In der Tür standen Gestapo-Leute in Zivil... Ich sah meinen Vater zittern, meine Mutter weinen... So standen wir, zusammen mit unserer fast 80-jährigen Großmutter, eine Stunde später übernächtigt und blaß, bereit zum Abtransport... Wir wurden dann am späten Abend auf den Güterbahnhof getrieben, durch eine Unterführung, in der die Hitlerjugend der ganzen Stadt Spalier stand, uns verhöhnte, beschimpfte und anspuckte. Wir kamen uns wie der Abschaum der Menschheit vor.“
Nur mit dem Nötigsten versehen
Ähnlich werden dies vierzehn Männer und Frauen aus dem Landkreis Kaiserslautern erlebt haben. Nachdem sie seit 1933 unter den örtlichen Nationalsozialisten gelitten haben, man ihnen ihre Existenzgrundlage genommen, ihre Wohnungen und Geschäfte im November 1938 zerstört hatte und die Männer für einige Wochen ins Konzentrationslager Dachau eingesperrt waren, mussten sie ständig mit neuen Schikanen rechnen. Nun mussten sie binnen einer Stunde abmarschbereit sein, nur mit dem Nötigsten versehen: einem Koffer, einer Wolldecke, etwas Verpflegung, Ess- und Trinkgeschirr und 100 Reichsmark.
In Landstuhl wurden sieben Personen festgenommen. Die 68 Jahre alte Klara Aron, Witwe des Metzgermeisters und Viehhändlers Emanuel Aron, ihre ebenfalls verwitwete jüngere Schwester Bertha Beiersdorf, die mit dem Pirmasenser Schuhfabrikanten Albert Beiersdorf verheiratet war, gehörten ebenso dazu wie der 72-jährige Kaufmann Emil Oppenheimer, seine Frau Flora und ihr 34 Jahre alter Sohn Erich – die Familie betrieb lange Zeit ein Manufaktur- und Modewarengeschäft in der Kaiserstraße 38 (heute 25). Der 58-jährige Viehhändler Max Reinheimer, der im Ersten Weltkrieg an vielen Schlachten teilgenommen hatte und seine ledige Schwester Klara, 61 Jahre alt, wurden ebenfalls festgenommen. Sie war krank und befand sich im Landstuhler Krankenhaus. Die NS-Schergen schreckten nicht davor zurück, sie dort abzuholen.
Aus Niederkirchen wurde der 68-jährige verwitwete Kaufmann und Landwirt Samuel Isidor Forst deportiert, aus Sembach der 72-jährige Simon Mann. Er führte ein Textilgeschäft und war vor 1933 einige Zeit stellvertretender Bürgermeister von Sembach. Seine Frau Bertha war bei den Pogromen am 10. November 1938 so schwer misshandelt worden, dass sie ein halbes Jahr später an den Verletzungen starb. In Neuhemsbach wurden der 75-jährige Metzger und Handelsmann Joseph Sonnheim, seine Frau Babette, ihr 31-jähriger Sohn Rudolf sowie Frieda Sonnheim, 68 Jahre alt, abgeholt; in Hochspeyer die 63-jährige Pauline Scholem.
Drei Tage und drei Nächte unterwegs
Sie alle wurden mit Omnibussen zum Bahnhof nach Kaiserslautern gebracht, mussten dort stundenlang warten, kamen dann in einen Zug mit unbekanntem Ziel. Erst als ihnen auf der Fahrt das Geld in Francs umgetauscht wurde, wussten sie, dass die Reise nach Frankreich geht. Drei Tage und drei Nächte waren sie unterwegs, bis sie in Oloron-Sainte-Marie am Rande der Pyrenäen ankamen. Von dort wurden sie mit Lastwagen in das 13 Kilometer entfernte Lager Gurs gebracht, das 1939 von der französischen Regierung für Flüchtlinge des Spanischen Bürgerkriegs errichtet worden war und das auf die Ankunft der vielen Menschen nicht vorbereitet war.
Schon während des Transports sind einige ältere Frauen und Männer gestorben, andere starben bald nach der Ankunft in Gurs. Die aus Brücken verschleppte Hilda Straaß schrieb am 6. Dezember 1940 an eine befreundete katholische Familie in ihrer Heimat: „In unserer Baracke sind 50 Personen, Frauen und Kinder. Wir sind hier interniert und leben hinter Stacheldraht. Wir liegen auf Strohsäcken auf dem Boden und die Decken geben nicht warm. Wir haben weder Tisch noch Stuhl und auch keine Fenster, nur Lucken. Wir haben dauernd Hunger und frieren auch sehr.“
Über die katastrophalen hygienischen Zustände und die mangelhafte Verpflegung in Gurs und den anderen Lagern liegen zahlreiche weitere erschütternde Augenzeugenberichte vor. Ohne den Einsatz internationaler Hilfsorganisationen, die Lebensmittel und Kleidung ins Lager brachten, wäre die Anzahl der Verstorbenen sicher noch höher gewesen.
Flora Oppenheimer aus Landstuhl starb im Januar 1941 in Gurs. Ab dem Frühjahr 1941 wurden viele Internierte in andere Lager verlegt. Die älteren kamen vorwiegend in die Lager Noé und Récébédou bei Toulouse. Simon Mann, Klara Reinheimer und Joseph Sonnheim verstarben in Noé. Bertha Beiersdorf und Samuel Isidor Forst starben im Lager Récébédou. Ihre Gräber finden sich auf dem jüdischen Friedhof in Portet-sur-Garonne.
Nachdem auf der Wannsee-Konferenz die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen worden war, setzten ab März 1942 auch die ersten Judentransporte aus Frankreich in den Osten ein. Babette Sonnheim und ihr Sohn Rudolf, Emil Oppenheimer und sein Sohn Erich wurden im August 1942 über das Zwischenlager Drancy bei Paris nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Auch das Leben von Max Reinheimer endete in den Gaskammern von Auschwitz.
Drei Frauen überleben die Hölle von Gurs
Drei der genannten Frauen überlebten die Hölle von Gurs: Klara Aron kam 1943 in das Lager Masseube, wo sie befreit wurde. Sie wohnte nach dem Krieg in Nizza, bis sie ihr Sohn Fritz 1946 in die USA holte. Sie starb 1965 im Alter von 93 Jahren in New York. Auch Frieda Sonnheim erlebte die Befreiung, wohnte bis 1949 in Lacaune, wanderte dann in die USA aus und starb 1968 mit 95 Jahren. Pauline Scholem überlebte die Lageraufenthalte in Gurs und Noé. Aus dem Hospiz Montauban schrieb sie am 24. Dezember 1945 in einer Kurzmitteilung über das französische Rote Kreuz an das Bürgermeisteramt Hochspeyer: „Will baldmöglichst zurückkehren. Benötige Heimatschein und Bestätigung einer Wohnmöglichkeit. Bitte höflichst um Zusendung dessen. Mein Haus Hindenburgstr. 73 aus dem 22/10. 40 vertrieben wurde, mit sämtlichem Inventar für mich freizumachen.“ Sie blieb lange ohne Antwort aus Hochspeyer. Vermutlich wusste der Bürgermeister nicht, was er ihr schreiben sollte. Das Haus war noch in ihrem Besitz, das Inventar geraubt und versteigert, in fremden Händen. 1955 kehrte Pauline Scholem in die Pfalz zurück. Sie starb 1961 im jüdischen Altersheim in Neustadt an der Weinstraße.