Interview
Manchmal muss man als Priester Prügel einstecken
Das war eine Überraschung bei der Kerwe, als die Pfarrer Andreas Pfautsch und Stephan Petri das Kerwebier anzapften. Pfarrer Petri war bei den Besuchern noch kaum bekannt, da er 2020 zunächst als Pater Rhabanus Petri zur Unterstützung in die Großpfarrei „Hl. Christophorus“ für Wörth und die Verbandsgemeinde Hagenbach kam, deren Leitung er inzwischen innehat. Während der Corona-Zeit waren ihm Begegnungen, die ihm sehr am Herzen liegen, kaum möglich. Deshalb stellt sich der 59-Jährige den Fragen der RHEINPFALZ zur Person und seinen neuen Aufgaben.
Wo sind Sie aufgewachsen, und wie kam es zu dieser Berufswahl des Klosterlebens in verschiedenen Einrichtungen?
Es begann schon als Kind in meinem Heimatort Sörgenloch/Rheinhessen, dass mich diese spirituelle Atmosphäre, dieses Zusammenwirken der Menschen im Gottesdienst, begleitet von Orgelmusik, Gesang und Kerzenlicht faszinierte. Und das hat sich bis heute gehalten.
Nach Abschluss der Schule wurde ich Novize in der Erzabtei St. Ottilien bei Landsberg am Lech. Und nach dem Theologiestudium wurde ich 1990 zum Priester geweiht. Es folgten Aufgaben an verschiedenen Orten: St. Ottilien, Kloster Jakobsberg bei Bingen und in der Abtei Schweiklberg in Vilshofen. Dann ließ ich mich vom Ordensleben für zwei Jahre beurlauben und entschied mich danach, den Orden zu verlassen um in die Diözese Speyer als Priester tätig zu sein
Das kling nicht nach klösterlicher Ruhe und Abgeschiedenheit. Wird man im Orden auf Positionen „abgeordnet“ oder hat man auch ein Wahlrecht?
Meine Arbeit im Kloster war sehr abwechslungsreich: Erzieher im Internat, Religionslehrer, Referent für Jugendbildung, Novizenmeister, Abt, Prior, Gästepate, es war weder langweilig, noch war ich abgeschottet. Und was den Dienst im Kloster angeht: Manches kann man wählen, anderes wird man. Zum Beispiel zum Abt gewählt, was mich im Jahre 2007 traf.
Sind diese vielen Wechsel Zeichen einer gewissen Suche nach dem richtigen Platz im Leben? Es gab für Sie ja auch eine Auszeit, ein Sabbatical.
Die wechselnden Stationen waren nie ein Bruch. Ich wurde als Erzieher gebraucht und dann als Leiter des Jugendhauses. Es kam die Frage: Kannst du dir vorstellen Novizenmeister zu werden? Diese verschiedenen Aufgaben haben mich herausgefordert, geprägt, aber auch eigene Fragen aufgeworfen. Unter anderem: Spüre ich Erfüllung in dem was ich tue oder funktioniere ich nur noch und verkümmere ich? Diesen Fragen ging ich im Sabbatical nach.
Als Mönch lebten Sie im Kloster in einem gewissen „Schonraum“ im Vergleich zur direkten „Glaubensfront“ vor Ort. Muss man sich da auch viel Unangenehmes anhören?
Das Kloster ist kein Schonraum; das klingt sehr nach Projektion. Auch in den Sprechzimmern der Klöster oder im Beichtzimmer ist man an der Glaubensfront. Und nicht zuletzt stellen Familie und Freunde nicht immer angenehme Fragen zum Thema Kirche. Die allermeisten Gespräche finden sehr respektvoll statt, wobei es aber auch Situationen gibt, da muss ich als Priester Prügel einstecken. Das kommt aber sehr selten vor.
Welche Argumente haben Sie um Menschen vom Bleiben zu überzeugen in dieser Zeit der Kritik an der Kirche.
Für mich gibt es etliche Gründe die Institution Kirche zu verlassen, aber einen Grund zu bleiben – Jesus Christus. Das Leben aus den Sakramenten, die Erfahrung einer Glaubensgemeinschaft beim Gottesdienst, das gemeinsame Singen und Beten - das rührt nicht nur mich, das rührt viele andere Herzen an, beglückt und stärkt. Das gilt aber nicht für jeden Menschen; manche sind ausgetreten, leben aber im Geiste Jesu. Das respektiere ich.
Es gibt wichtige Reformbewegungen in der Kirche, die aber von der Amtskirche wohl nicht ernst genommen werden?
Es ist positiv, dass es diese Menschen gibt, und es bedarf der Zähigkeit, denn es dauert lange, dieses große Schiff Kirche umzulenken.
Sind Sie inzwischen als Leiter der Großpfarrei St. Christophorus mit einem weiten Aufgabenfeld angekommen?
Ja, als Abt und Prior war ich auch „Manager“, da Klöster große Wirtschaftsbetriebe sind. Aufgaben wie Finanzen, Personal, Verwaltung, Repräsentation nach außen sind mir nicht fremd. Diese Erfahrungen nützen mir jetzt auch in der Leitung der Pfarrei mit sieben Orten und fünf KiTas, zumal ich große Unterstützung durch ein eingespieltes Team habe. Aber Perfektion geht nicht immer, ein Pfarrer ist „keine eierlegende Wollmilchsau“.
Was ist Ihnen in Ihrer Arbeit besonders wichtig?
Das sind die Menschen und damit verbunden meine seelsorgerischen Aufgaben: Gottesdienste gestalten, die Predigt, Gespräche zu den wichtigen Stationen im Leben wie Taufe, Hochzeit und Beerdigung, oder Einzelgespräche (auch mit „kritischen Geistern“) bei Glaubens- oder Lebensfragen.
Hat man als Ordensmann/als Pfarrer immer genug Gelassenheit und Kraft zu sagen, „es wird alles gut, der Herr wird an meiner Seite sein?“
In unserer gegenwärtigen Zeit der Krisen entwickeln viele Menschen wieder Ängste und Sorgen. In diesen Zeiten im Leben ist der Blick auf Christus ein großer Trost. Ich denke an ein Wort: Durch Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung. Da glüht wieder Hoffnung in mir, dass auch das Schwere wieder ein Ende haben wird. In dieser Haltung gilt es, dem Alltag ein hoffnungsfrohes Gesicht zu geben, und es hilft mir auch, Freude und Leid mit Menschen meines Vertrauens zu teilen.
Nicht zuletzt wurden Sie als Sänger der Boy-Group „Die Priester“ mit modern arrangierten Chorälen, Hits und liturgischen Gesängen bekannt. Werden wir hier in Zukunft wieder Ihre Stimme hören?
Das war eine gute Zeit mit wunderbaren Erfahrungen und Begegnungen, wir waren in mehreren Fernsehsendungen und auf zwei Tourneen. Aber mit meinen derzeit Aufgaben, gerade auch am Wochenende, lassen sich Veranstaltungen und Tourneen nicht vereinbaren. Wer meine Stimme hören will, den lade ich herzlich zu den Gottesdiensten ein.