Wachenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Als sich ein Geschäft ans andere reihte

Wo Gertrud Maywald – hier mit ihrem Sohn Manfred – im Jahr 1958 ihr Geschäft in der Weinstraße 68 hatte, ist heute ein Wohnhaus.
Wo Gertrud Maywald – hier mit ihrem Sohn Manfred – im Jahr 1958 ihr Geschäft in der Weinstraße 68 hatte, ist heute ein Wohnhaus.

Historisch: „Geschäftiges Wachenheim nach 1945“ nennt Helge Kranz ihr Projekt, in dessen Fokus die Geschäftswelt nach dem Zweiten Weltkrieg mit Schwerpunkt auf die Zeit von 1950 bis 1975 steht. Ihr Fazit: Man musste den Ort nicht verlassen, um sich zu versorgen und zu amüsieren.

„Wo bin ich als Kind die Milch holen gegangen oder Brot, wo wurden unsere Schuhe zur Reparatur gebracht, wo gab es eine extra Süßigkeit für uns Kinder, wofür haben wir unser Taschengeld ausgegeben?“ Die Wachenheimerin Helge Kranz denkt zurück an die Zeit, als sich im Ortskern ein Geschäft an das andere reihte und es an der Ecke Wein- und Bürklin-Wolf-Straße eine Gendarmerie gab. Kranz' eigene Familien- und Firmengeschichte lieferte ihr die Inspiration für das Projekt.

Geplant hat sie die Erstellung einer Webseite, auf der auf einem Stadtplan Gebäude im jetzigen Zustand hinterlegt sind, kombiniert mit Bildern aus deren Vergangenheit als Geschäftshaus inklusive Kurzporträts der damaligen Inhaber. Sie möchte die Inhalte außerdem auch in einer Broschüre festhalten und Stadtrundgänge unter dem Motto „Ehemalige Wachenheimer Geschäftshäuser“ anbieten.

Erinnerung an den legendären Thing-Club

Helge Kranz, die früher Geschäftsführerin einer PR- und Event-Managementfirma war und heute im Ruhestand ist, wohnt seit 35 Jahren in dem Haus ihrer Großeltern in der Weinstraße mit dem Schriftzug „Franz Scharfenberger – Landmaschinen“ auf der Fassade. Hier beziehungsweise in der benachbarten Mühlgasse legten ihre Großeltern mit einer Schlosserei den Grundstein für einen Betrieb, der heute nach 90 Jahren ein weltweit agierendes Unternehmen ist, mittlerweile aber mit Sitz in Bad Dürkheim.

Ihr Taschengeld hat sie als Kind meistens im Kiosk von Hannes Vogt, eines kleinwüchsigen Mannes, gelassen, der auf einem Schemel stehend seine Kunden bediente, erinnert sich Kranz. Der Kiosk stand in der Burgstraße direkt an der St. Georgskirche an der Stelle, an der heute Behindertenparkplätze sind. Es gab vier Bäckereien, drei Metzgereien, fünf Friseure, drei Gärtnereien, drei Schuhmacherwerkstätten, ein Schuhgeschäft, eine Sattlerei, einen Schneidermeister, zwei Bekleidungshäuser, eine Drogerie und sechs Lebensmittelgeschäfte.

Sogar ein Kino hatte Wachenheim und den legendären Thing-Club in der Weinstraße nahe der Tankstelle. Wachenheimer, die heute um die 70 Jahre alt sind, werden sich sicher gerne an diese Stätte ihrer Jugend zurückerinnern. Der Thing-Club war eine Art Diskotheken-Vorläufer.

Manches ist lange erhalten geblieben: Auf einem Plakat anlässlich der Geschäftseröffnung des Textilhauses Hans Dieffenbach 1951 in der „Pfälzer Weinstraße 59“ ist beispielsweise gut zu erkennen, dass sich an der Hausfassade ganz wenig verändert hat. Textil Glaser war in der Weinstraße 37 zu Hause, bis vor Kurzem war das Gebäude noch das Domizil der Burg-Apotheke – aber auch das ist jetzt schon wieder Vergangenheit.

Im Moment ist Helge Kranz noch damit beschäftigt, Material und Presseberichte, Anzeigen und vor allen Dingen alte Fotos zu sammeln und zu sichten. Eile ist geboten, denn es gibt nicht mehr allzu viele Zeitzeugen, die noch etwas zu dem Thema beitragen können.

Weitere Bilder und Infos gesucht

Parallel zu den alten Fotos macht die Wachenheimerin Aufnahmen vom aktuellen Aussehen der Gebäude. Interessant findet sie , dass bei ganz vielen der heutigen Wohnhäuser noch die ehemaligen Ladeneingänge zu erkennen sind. Aber auch das wird im Zuge von Renovierungen immer mehr aus dem Stadtbild verschwinden, schätzt Kranz. Vielleicht findet der eine oder andere noch Bildmaterial und hat Wissen, das er Helge Kranz zur Verfügung stellen könnte. So hofft sie auf weiteres Material für ihr Projekt.

Kontakt

Helge Kranz, Telefon 06322 989645 (Anrufbeantworter) oder per E-Mail an helgekranz@web.de.

„Koma“, der Konsummarkt von Rudi Peter in der Bahnhofstraße 10. Heute ist dort der Friseur „Die Schere“ zu finden.
»Koma«, der Konsummarkt von Rudi Peter in der Bahnhofstraße 10. Heute ist dort der Friseur »Die Schere« zu finden.
Am ersten Standort des Textilhauses Karl Glaser in der Weinstraße 33 ist inzwischen die Eisdiele Angelo eingezogen.
Am ersten Standort des Textilhauses Karl Glaser in der Weinstraße 33 ist inzwischen die Eisdiele Angelo eingezogen.
Früher gab’s in Wachenheim vier Bäcker. Im Gebäude der Bäckerei Liebenspacher – die Aufnahme stammt aus der Zeit vor 1963 – in d
Früher gab’s in Wachenheim vier Bäcker. Im Gebäude der Bäckerei Liebenspacher – die Aufnahme stammt aus der Zeit vor 1963 – in der Burgstraße 29a ist mittlerweile ein anderes Handwerk angeommen: der Friseursalon Schnittraum.
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