Kaiserslautern
Wie das SOS-Kinderdorf die Kinder und Jugendlichen an Entscheidungen beteiligt
„Kinderschutz ist bei uns schon immer ein großes Thema“, sagt Corinna Pongracz, Sprecherin des SOS-Kinderdorfs in Kaiserslautern, schließlich wird dort rund um die Uhr mit jungen Menschen gearbeitet. Seit einiger Zeit gibt es aus der Geschäftsstelle in München die Empfehlung, dass jede SOS-Einrichtung eine Kinderschutzfachkraft beschäftigt, die das Thema Kinderrechte federführend in die Hand nimmt und ein eigenes Schutzkonzept aufstellt. Diese Aufgabe hat in Kaiserslautern vor gut einem Jahr Katrin Bergmann übernommen. Die Sozialpädagogin entwickelt das Kinderschutzkonzept der Einrichtung weiter.
Bergmann ist es wichtig, dass das Konzept „nicht nur eine Hochglanzbroschüre ist“, um für sich zu werben, sondern „es muss auch gelebt werden“. Achtsam sein, hinsehen und zuhören seien wichtig, betont Bergmann, „nur so lässt sich erkennen, wenn was ist“, beispielsweise psychische oder physische Grenzverletzungen. Das sei im Kinderdorf nicht anders als in Familien, in der Schule oder Vereinen. Aus pädagogischen statistischen Erhebungen sei bekannt, dass Kinder, die etwas bedrückt, sieben Anläufe bräuchten, bis ihnen jemand zuhört. „Das ist zu viel, wir müssen hellhöriger werden“, findet Bergmann. Dabei geht es nicht immer gleich um große Katastrophen, Gewalt oder Misshandlung. Es könnten auch kleinere Probleme sein.
Jugendliche an Entscheidungsfindung beteiligen
In den beiden Wohngruppen des SOS-Kinderdorfs, mit je neun Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren, werde Kinderschutz gelebt. Unter anderem, in dem man die Heranwachsenden ernst nehme, ihnen die Beteiligung an Entscheidungen ermöglicht.
Bergmann: „Bei uns ist Beteiligung sehr wichtig. Die Gruppen besprechen ihre Regeln in der Gerechten Gemeinschaft mit ihren Betreuern.“ Das komme meist gut an. Die Heranwachsenden erlebten im SOS-Kinderdorf auf diesem Weg Demokratie am eigenen Leib.
Bergmann: „Die Kinder und Jugendlichen wachsen bei uns in dem Wissen auf, dass man Missstände verändern und in seinem Umfeld etwas bewegen kann.“ So etwas würden viele der Kinderdorf-Betreuten aus ihren Familien nicht kennen. Sich aktiv einzubringen koste manche Jugendliche anfangs Überwindung. Ist das geschafft, sei auch die Hemmschwelle bei problematischen Themen nicht mehr so hoch. „Die Jugendlichen wissen, dass wir sie ernst nehmen. Wenn es dann Streit gibt oder Probleme, kommen sie eher zu ihren Betreuern, zur Bereichsleitung oder zu mir und sagen, was ihnen nicht gefällt“, sagt Bergmann.
Tipp für die Eltern
Dann werde im gemeinsamen Gespräch mit den Betroffenen eine Lösung gesucht – wieder eine neue, positive Erfahrung für viele der Betreuten. „In der Regel lässt sich das Problem lösen“, sagt Bergmann. Dass es zu Konflikten kommt, das sei nicht ungewöhnlich – schließlich gehöre es zum Erwachsenwerden, Grenzen auszutesten.
Kommt es zu schwereren Vorwürfen und Anschuldigungen beziehungsweise Beschwerden könne das SOS-Familienhilfezentrum als Kinderschutz-Beratungsstelle hinzugezogen werden. „Das kommt zum Glück selten vor“, sagt Bergmann.
Ziel des Schutzkonzepts, das neben einem Handlungsplan auch präventive Maßnahmen im Bereich der sexuellen Bildung und Medienbildung enthält, sei, dass die Jugendlichen, die ja zwangsweise in den Gruppen zusammenleben, sich wohlfühlen und auch einfach nur Jugendliche sein dürfen, die ihren Hobbys und Interessen nachgehen. Bergmann: „Es ist uns wichtig, dass alle gern hier sind. Das gilt nicht nur für die Jugendlichen, sondern auch für die Mitarbeiter.“ Dass es im Team kaum Fluktuation gebe, zeige, dass das gelinge.
Einen Tipp für Eltern hat Bergmann noch parat: „Kindern gezielt zuhören. Mal das Handy beiseitelegen und den Fernseher ausschalten. Zu oft wird nicht richtig zugehört, wenn Kinder etwas sagen. Die fühlen sich dann zu Recht nicht wahrgenommen und gehört.“