Kaiserslautern
Kulturschaffende diskutieren die Resolution des Stadtrats
Fest steht: Sollte die Landesregierung der Resolution nicht zustimmen, steht die Kultur – insbesondere die freie Kulturszene – in den nächsten Monaten wirtschaftlich vor einer noch härteren Probe, als noch im Frühjahr. Carsten Ondreka, der sich seit Jahren für die freie Kultur in Kaiserslautern engagiert, formulierte im Namen der Linken eine Stellungnahme zum mittlerweile verlängerten Lockdown light, der seiner Meinung nach ein „doppeltes Verbrechen an den Kulturinstitutionen und Künstlern“ sei. „Anstatt konsequent runterzufahren, wurde der Kunst- und Kulturbereich ohne konsistente Begründung auf Null gedreht, obwohl dieser im Gegenteil zu anderen Bereichen – zum Beispiel dem öffentlichen Nahverkehr oder den Schulen – praktisch handhabbare Hygiene-Konzepte vorweisen konnte“, beklagt Ondreka. Auch der Zeitraum des Lockdowns für die Kultur sei prekär: „Gerade die Vorweihnachtszeit ist für die Kultur, genauso wie für die Gastronomie, ein wichtiger und gewinnbringender Zeitraum.“ Doch während „die Schulen fast zwanghaft, wider besseren Wissens offengelassen werden, macht die Kultur vollkommen dicht.“
Roderick Haas, Kulturberater des Vereins Kulturnetz Pfalz, bestätigt: „Wir sind aktuell mitten im Prozess des Lernens. Es wird niemand bewusst warten gelassen. Es ist einfach das Ziel, sich einen Weg durch die ganze Situation zu bahnen und zu lernen, die Förderlogiken zu verstehen.“ Für die Frage, wie sinnvoll es sei, Kitas offen zu lassen und Kultureinrichtungen zu schließen, habe er „natürlich vollstes Verständnis. Aber ich maße mir nicht an, zu wissen, welcher Raum sicher ist und welcher nicht. Ich bin kein Virologe. Das muss von Fall zu Fall und immer im Rahmen der Verantwortung entschieden werden. Schließlich will auch niemand an den Menschen, die in der Stadt leben, vorbei veranstalten. Es gibt die, die Vertrauen zu den Hygiene-Konzepten haben und die, die trotzdem sehr vorsichtig sind.“
Flexibilität und Ideen gefragt
Dass jedoch die Kultur dadurch völlig abgeschaltet wird, glaubt Haas nicht. „Ich sehe viel Kulturgeschehen, in Form von Online-Adventskalendern, Podcasts und anderen innovativen und nachhaltigen Ideen.“ Deshalb empfiehlt der Berater, „offen zu bleiben, flexibel zu denken, keine Scheu davor zu haben neue Wege zu beschreiten, online gemeinsam miteinander kreativ zu sein, eigene Ziele zu formulieren und Pläne zu machen für die Zeit, wenn man wieder loslegen darf“. Die Frage sei: Wie lässt sich diese flexible Kreativität und Planungsarbeit monetarisieren? Die versprochenen Finanzhilfen für die Kultur seien zwar unterwegs, aber an vielen Stellen zu langsam. Haas verweist hier auf die Projektstipendien des Landes, die mit rund 2000 Euro dotiert sind und Künstlern dabei helfen sollen, die Produktionskosten für ihre Projekte in Corona-Zeiten zu decken – „schnell, einfach und unbürokratisch.“
Ein solches Stipendium haben auch die Lautrer Untiere in Anspruch genommen – unter anderem, um ihren Online-Adventskalender zu produzieren. So hält sich das Kabarettisten-Paar Wolfgang Marschall und Marina Tamassy kreativ über Wasser. Für das Duo wäre nämlich gerade im November ein großes Jubiläum angelaufen: Das 100. Programm stand in den Startlöchern – mit Thomas Freitag als Special Guest und bereits ausverkauften Plätzen. Im Oktober wurde dann klar: Das Jubiläum muss privat abgehalten werden, die Kultureinrichtungen sind dicht. Für die Kabarettisten war die Entscheidung, die Kulturstätten zu schließen, während Kindertagesstätten und Schule weiterhin geöffnet bleiben durften, eine Notlösung, die verdeutlichte, dass die Politik völlig unvorbereitet auf die zweite Jahreshälfte zusteuerte.
Politik und Verdrängung
„Man hat das Gefühl, dass die sich über den Sommer gar keine Gedanken gemacht haben“, sagt Marschall. „Viele Politiker haben scheinbar gar nicht erwartet, dass es im Herbst wieder losgeht – obwohl es alle Virologen prognostiziert hatten. Der Umgang mit der Pandemie ist teilweise beunruhigend und zeigt, dass die Verdrängungskapazitäten in der Politik sehr hoch sind.“ Die „vollmundig angekündigten“ Corona-Hilfen seien auch ein halbes Jahr später genauso „bürokratisch und kompliziert“ wie zu Beginn, die bereitliegenden Etats seien trotz Versprechen nicht genutzt und die Kitas während der Sommerpause „nicht sicherer gemacht“ worden. Und obwohl große Menschenmassen offiziell verboten waren, sei die „Black Friday“- und „Cyber Monday“-Schnäppchenhysterie an den Verkaufskassen nicht nur geduldet, sondern auf allen Kanälen praktisch angefeuert worden – bis es zu Zwangsschließungen der Läden kommen musste. Für Marschall angesichts der Lage unlogisch. „Ich persönlich hätte nichts dagegen gehabt, wenn die Politik alles auf Null gefahren hätte. Das wäre konsequent gewesen. Am Ende traf es aber wieder nur die Gastronomie und Kultur.“
Resolution als „freundliches Signal“
Die Resolution des Stadtrats wird von den Untieren als ein „freundliches Signal“ seitens der Lokalpolitik an die Kultur angesehen – aber auch nicht als mehr. „Es ist eine nette Solidaritätsbekundung“, sagt Marina Tamassy. „Aber ob diese Resolution auch in der Praxis umsetzbar ist, beziehungsweise ob sie auch in der Landesregierung durchkommt, bleibt fraglich. Auch, was am Ende bei den wirklich wirtschaftlich betroffenen Künstlern – und damit meine ich ausschließlich die freie und nicht subventionierte Szene – ankommt. Und ob das Publikum – und das ist das Wichtigste in dieser Debatte – die wieder geöffneten Kultureinrichtungen auch annimmt. Man merkte ja schon im Sommer, dass viele es gar nicht probiert hatten, zu kommen, weil sie Angst hatten. Wir können nur sagen: Wenn wieder gespielt oder gestreamt werden darf, sind wir dabei. Aber erst mal abwarten und Tee trinken!“
Kultur ist Grundbedürfnis
Auch Carsten Ondreka bleibt in seinem Kommentar zur bewilligten Resolution vorsichtig: „Natürlich ist es gut, dass die Resolution durchgegangen ist. Kultur muss den gleichen Stellenwert haben wie Bildung. Sie gehört zu den Grundbedürfnissen menschlichen Lebens und ist daher als wichtiger einzuschätzen, als der freie Zugang zu Konsumartikeln – Lebensmittel natürlich ausgenommen. Der bisherige Umgang mit Kulturbetrieben und Künstlern ist, von diesem Standpunkt aus gesehen, eine Farce und mehr als ärgerlich.“
Drei Maßnahme hält er jetzt für „wichtig und richtig“: „Erstens, ein Streaming-Konzept zu erstellen, das Kaiserslautern nach innen und außen als Kulturstadt darstellt und bewirbt – einschließlich der subventionierten und nicht subventionierten Szene. Zweitens, schnelle, unkomplizierte und breit gestreute finanzielle Hilfe – und zwar bares Geld und keine Kredite – für alle Menschen, die im Kulturbereich arbeiten und genau dies im Moment nicht können. Und drittens, entweder einen richtigen Lockdown – inklusive Arbeit und Schulen –, bis die Neuinfektionen wieder nachverfolgbar sind, oder die Öffnung der Kulturorte im Verhältnis und im gleichberechtigten Miteinander mit Schule, Arbeit und Konsum.“