Bockenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Gisela Gall gewinnt Hauptpreis des Mundartwettstreits

Gewinnerin Gisela Gall
Gewinnerin Gisela Gall

Der 69. Mundartwettstreit in Bockenheim hat als Präsenzveranstaltung im Festzelt stattgefunden. Aus 80 Einsendungen gefiel der Beitrag von Gisela Gall Jury und Publikum am Besten. Sie widmet ihr Gedicht einem sehr intimen, heute vergessenen Ding.

Vergangenes Jahr wurde die Veranstaltung wegen der Pandemie eine Woche vor dem geplanten Termin ins Internet verlegt – daran erinnerte Ortsbürgermeister Gunther Bechtel (SPD) und betonte, dass die Freude darüber, die Dichter wieder vor Publikum zu erleben, natürlich umso größer sei. Landrat und Schirmherr Hans-Ulrich Ihlenfeld (CDU) machte das auch froh und er lobte die Atmosphäre im Festzelt, das immerhin halb gefüllt war. „Es ist verständlich, dass unser überwiegend älteres Publikum noch zurückhaltend ist“, meinte Mitorganisatorin Heike Benß dazu.

Beim Bockenheimer Mundartwettstreit werden gleiche mehrere Preise verliehen. Aus den Einsendungen zum Hauptwettbewerb wählte die Jury zehn Beiträge für die Finalrunde aus, in der die Autoren selbst ihre Werke vortragen. Danach diskutieren die neun Preisrichter intern ihr Votum, das sie später bekanntgeben. Derweil kann auch das Publikum per Stimmzettel seinen Lieblingsbeitrag küren.

Prämierter Zungenbrecher: „Blagaade-Babbe“

Für Wettbewerbs-Debütanten gibt es den „Preis fer Neie“. Den gewann diesmal Cornelius Molitor, der als Musiker der „Pälzer Cantry Bänd“ bekannt ist. Und dann wird noch der Dr.-Wilhelm-Dautermann-Preis für eine mundartliche Neuerscheinung aus Literatur, Musik oder Theater vergeben. Der ging diesmal an Matthias Zech aus Speyer für sein Buch „mol widder dehääm – Leewensbilder in Pfälzer Mundart“.

Ferner wird jährlich ein Sonderpreis für ein spezielles Thema vergeben – dieses Mal für „Pälzer Zungebrecher“. In dieser Disziplin bestimmte das Publikum den Preisträger: Wilfried Berger. Der 85-jährige Südpfälzer aus Essingen gewann mit „Blagaade-Babbe“, bei dem er sehr geschickt mit Rhythmus, Wortklang und der Mehrfachbedeutung von „Babbe“ – also kleben, Kleber und Vater – spielt. In der Zungenbrecher-Endrunde waren noch Hermann J. Settelmeyer und Maritta Reinhardt, die auch am Hauptwettbewerb teilnahm.

Große Bandbreite der Emotionen im Finale

Die Finalrunde in just diesem Wettbewerb zeigte eine große Bandbreite an Themen und Stimmungen von heiteren Spielen mit Klang und Form bis zu ernsthaften Themen. Mit nur acht Zeilen im Paarreim schilderte Hanns Stark aus Bobenheim-Roxheim seine „Dezemberimbressione“. Rudolf Kost aus Ellerstadt hat „De Gebortsdag vum Babbe“ so angelegt, dass sich die Anfangsstrophe immer weiter verlängert, dabei spielt er auf amüsante Art mit „Babbe-Schlabbe-Kabbe-Klappe“-Klängen.

Deutlich ernster klingt „Residiere grenzwerdisch“ von Barbara Franke, deren Beitrag die Jury auf Platz Drei wählte. Die Autorin aus Zweibrücken hat in zehn Strophen die Gefühle von Verlassenheit und Fremdbestimmtheit eines alten Mannes in einer Seniorenresidenz betrachtet. Mit dem Titel zeigt sie, dass „residieren“ ein großes Wort für ein trauriges Dasein ist.

Geradezu beklemmend wirkt „Aache zu“, von Matthias Zech, das den zweiten Platz erreichte. Ein Vater liegt auf dem Sterbebett. In den Strophen beschreibt der Autor die Gedanken des Sohns und des Vaters. Der Sterbende denkt an den eigenen Vater und die Ehefrau, beide schon lange tot, während der Sohn ihm die Hand hält.

„Es Sindediechel“ kennt heut kaum noch einer

Erst mit Kichern und dann mit lautem Lachen reagierten die Zuhörer auf das Prosa-Gedicht der Bad Dürkheimerin Gisela Gall, mit dem sie Publikum und Jury gleichermaßen überzeugte. Platz Eins des Wettbewerbs und den Publikumspreis gewann Gall mit „es Sindediechel“ – was heute auch im Hochdeutschen als „Sündentüchlein“ nicht mehr jeder kennt.

Es stammt aus einer Zeit, in der es keine Pille und keine Papiertaschentücher gab. „Ma hot als arisch uffbasse misse bei denne klääne Schäferstinncher... drum hot halt so en Fetze Stoff immer dabber parat soi gemisst“, erzählt es. Da gab es schon Kichern unter den wissenden Zuhörern. Und so ein Tüchlein liegt jetzt im Wäscheschrank. Das lyrische Ich des Gedichts bekennt, das „griekarierte Sackduch“, dessen Besitzer längst verstorben ist, komme jedes Jahr im Mai zum „Großoisatz“ – da stutzt das Publikum. Doch die Erklärung folgt: „fer Sparschel frisch zu halde, in ääme nasse Duuch, macht dann viel Erinnerunge bliehe“, da wurde gelacht und applaudiert.

Lob für Originalität des Themas und Vortragsart

„Des muss mer erscht mol setze losse“, sagte Moderator Michael Geib, der durch die Veranstaltung führte. Der verschmitzte Vortrag der kleinen Frau mit dem großen Hut begeisterte alle. „Die Art des Vortrags ist ein wichtiges Kriterium“ erklärte Jury-Mitglied Gertraud Ling später. Auch die Originalität des Themas habe für den Beitrag gesprochen. Die Schlusspointe und die authentische Wirkung des Vortrags rundeten den Eindruck ab.

Gisela Gall wurde 1940 in Speyer geboren, lebt aber schon lange in Bad Dürkheim. Sie hat zum zwölften Mal am Bockenheimer Wettstreit teilgenommen, zwei Mal hat sie schon erste Preise gewonnen und ein Mal auch einen Publikumspreis. „Mit dem war ich mir diesmal sicher“, verriet sie. Mit der Jury sei sie sich weniger sicher gewesen, weil sie die literarische Form des Textes „nicht so hoch angesetzt“ habe.

Das Festzelt war beim Dichterwettstreit immerhin halb gefüllt.
Das Festzelt war beim Dichterwettstreit immerhin halb gefüllt.
x