Grünstadt und Leiningerland
Bürckel-Hütte: Exkursion zur historischen Aufarbeitung
Worum geht es?
Am Samstag, 17. Juni, findet eine Exkursion zum Jagdhaus „Lassmichinruh“ statt. Die Hütte liegt im nördlichen Pfälzerwald zwischen Ramsen und Rosenthal und gehörte einst dem nationalsozialistischen Gauleiter Josef Bürckel.
Wer steckt hinter der Veranstaltung?
Organisiert wird die Exkursion „Gauleiter Josef Bürckels Jagdhaus ,Lassmichinruh’ – Der Name ist Programm? Der Umgang mit Täterorten in der historisch-politischen Bildungsarbeit“ von der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz/Gedenkstätte KZ Osthofen und dem Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde (IPGV).
Warum ist die Hütte von Bedeutung?
Gauleiter Josef Bürckel hat in der Jagdhütte gern seine Freizeit verbracht, sich dort auch mit Freunden und Gästen getroffen. Die Organisatoren stellen sich die Frage: Ist die Hütte damit ein Täterort? Und: Was macht einen Täterort überhaupt aus? Welche Relevanz können Orte haben, an denen Täter aus der NS-Zeit ihre Freizeit verbrachten? Christian Decker vom IPGV und Annika Heinze von der Landeszentrale wollen diesen Fragen vor Ort auf den Grund gehen.
Warum findet eine solche Veranstaltung gerade jetzt statt?
Die Organisatoren haben nach eigenen Angaben schon seit 2019 ein gesteigertes öffentliches Interesse an der Thematik festgestellt. Immer wieder sei gefragt worden, warum am historischen Ort nicht über die Hütte informiert wird, so Annika Heinze von der Landeszentrale auf RHEINPFALZ-Nachfrage, und weiter: „Diese Diskussion haben wir zum Anlass genommen, uns mit der Jagdhütte als Täterort zu beschäftigen. Das Institut für pfälzische Geschichte und Landeskunde wurde zudem von der Forstverwaltung gebeten, einen Entwurf für eine Informationsvermittlung zu machen.“
War da nicht schon mal etwas geplant?
Ja. „Die Idee zu der Exkursion kam ursprünglich aufgrund des Halbjahresschwerpunkt der Landeszentrale zum Thema Wald auf“, so Heinze. Dieser sollte im zweiten Halbjahr 2022 stattfinden, wurde dann wegen des Krieges gegen die Ukraine kurzfristig um ein halbes Jahr nach hinten verschoben. Eigentlich sollte die Exkursion aber dennoch im September 2022 stattfinden, musste aber wetter- und krankheitsbedingt verschoben werden, sodass sie nun wie geplant im Themenschwerpunkt „Wald. Mythos, Waldsterben und Nachhaltigkeit – Was uns der Wald bedeutet“ der Landeszentrale stehe.
Der ursprüngliche Ansatz sei es gewesen, eine Veranstaltung zum Themenkomplex „Neustadt an der Weinstraße im Nationalsozialismus“ anzubieten, da die Landeszentrale dort einen neuen Lernort zum Thema „Gestapo“ einrichten möchte. Im Gespräch mit einer Kollegin sei man dann auf die Jagdhütte Bürckels gekommen. „In der weiteren Planung konkretisierte sich dann, dass man in die Metaebene einsteigen könnte und die Hütte als Täterort aufgreifen könnte“, so Heinze.
Als Kooperationspartner sei die Landeszentrale an den Bezirksverband (Pfalz) und somit an das Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde herangetreten, mit dem man schon häufiger zusammengearbeitet habe. Der Bezirksverband habe sich bereits intensiv mit Josef Bürckel beschäftigt. Er biete seit Jahren regelmäßig Gedenkfahrten ins südfranzösische Gurs an, wohin Bürckel 1940 gemeinsam mit dem Gauleiter Badens, Robert Wagner, über 6500 Jüdinnen und Juden deportieren ließ, so Heinze.
Welchen Mehrwert bietet die Exkursion?
Die Organisatoren sehen in der Veranstaltung eine zentrale Grundsatzfrage der Aufarbeitung berührt und thematisiert. Auch erhoffen sie sich, dass durch eine solche Exkursion „eine historische und wissenschaftliche Aufarbeitung und Wissensvermittlung zur Person Josef Bürckels hinsichtlich seiner Bedeutung für die Pfalz, das Saarland aber auch für Deutschland stattfinden kann.“ Christian Decker wird am 17. Juni einen Impulsvortrag halten, der sich unter anderem mit der (Selbst-) Inszenierung Bürckels und der Mythenbildung um den ehemaligen Gauleiter befasst.
Wie will man sich vor „falschem Publikum“ schützen?
„Ein absoluter Schutz vor ,unerwünschten Publikum’ ist natürlich nicht möglich. Auch im Rahmen der Veranstaltung nicht. Diese ist öffentlich und historisch-politische Bildung möchte möglichst viele Personen erreichen“, so Heinze. Sollte es während der Veranstaltung zu Zwischenfällen kommen, fühle man sich aber gut vorbereitet. „Die Biografie Bürckels und insbesondere die Liste seiner Verbrechen ist gut aufgearbeitet, sodass faktenbasiert und einordnen geantwortet werden kann“, ist Heinze überzeugt. Zudem sei man häufiger mit Publikum konfrontiert, das nicht immer wohlgesonnen sei. Daher könne man sich gegen unerwünschte oder sogar rechte Argumentationen behaupten.
Das IGPV habe dem Forstamt überdies die Möglichkeit weitergegeben, wie man eine zu dominierende Tafel an der Hütte umgehen könnte, so Heinze. So habe man etwa das Verwenden von QR-Codes oder eine Website vorgeschlagen. Die Forstverwaltung könne nun darüber entscheiden.
Gibt es keine Sorge, dass ein solcher Ort zu einem Wallfahrtsort für eine bestimmte Klientel werden könnte?
„Die Sorge, dass ein solcher Ort zu einem Wallfahrtsort werden könnte, ist sicher nicht unberechtigt. Dennoch ist dies unserer Ansicht nach kein Grund gegen eine solche Veranstaltung oder gegen Gedenkmaßnahmen in dieser Hinsicht, sondern dafür“, so Heinze.
Die Hütte sei außerdem bereits gut bekannt (etwa durch Wikipedia), auf Google Maps verzeichnet sowie vor Ort ausgeschildert. „Wer die Hütte finden will, kann dies auch unabhängig von unserer Veranstaltung“, so Heinze.
Dazu komme die Erfahrung, dass Themen, die nicht beachtet oder bespielt werden, von anderer Seite besetzt werden könnte. „Ein Beispiel hierfür ist die Vereinnahmung der Thematik der Rheinwiesenlager. Jedes Jahr am Volkstrauertag wird in Bretzenheim an der Nahe (am ,Mahnmal Feld des Jammers’) von rechts orientierten Personen und Gruppen der toten deutschen Soldaten gedacht und das unbestreitbare Leid der Internierten in den Rheinwiesenlagern instrumentalisiert“, sagt Heinze.
Wenn man bei derartigen Themenkomplexen keine informative historisch-politische Bildung betreibt, drohten die historischen Fakten im Diskurs unterzugehen. Heinze: „In Bretzenheim leistete zum Glück jahrzehntelang ein engagiertes Ehepaar diese wichtige Arbeit, die seit Herbst 2021 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge übernommen wurde. Wir wollen mit unserer Exkursion die Hütte keinesfalls zu einem Wallfahrtsort machen, wir wollen darüber informieren, dass auch ein Mensch wie Josef Bürckel, der für hunderte und tausende Tode mitverantwortlich ist, eben das war – ein Mensch.“
Die Exkursion solle zur Aufklärung beitragen, darüber dass auch die Täter des NS keine übermenschlichen Monster waren, sondern wie im Fall Bürckel auch der Lehrer von nebenan. Außerdem soll ein Bewusstsein für die Geschichte vor der Haustür geschaffen werden. Heinze: „Denn die Entscheidungen der führenden Nationalsozialisten wurden nicht ausschließlich im entfernten Berlin getroffen, sondern zum Beispiel auch hier in der Pfalz.“
Wie kann man teilnehmen?
Treffpunkt ist der „Parkplatz Kloster Rosenthal“ (neben dem Kloster St. Maria in Rosenthal) um 13 Uhr. Von hier aus führt die Wanderung etwa 30 bis 40 Minuten zur ehemaligen Jagdhütte. Die Exkursion dauert voraussichtlich drei Stunden. Die Anmeldung ist unter der Mail-Adresse info@ns-dokuzentrum-rlp.de oder telefonisch unter 06242 910810 möglich. Weitere Infos finden sich unter www.lpb.rlp.de/veranstaltungen. Das Tragen von wetterfester Kleidung und festem Schuhwerk wird empfohlen, ebenso eine Rucksack-Verpflegung.