Fussball RHEINPFALZ Plus Artikel Ulrich Lindner: Ein halbes Jahrhundert für den Fußball

Fühlt sich wohl auf dem Sportplatz und schaut regelmäßig nach, ob alles „in der Reihe“ ist: Ulrich Lindner.
Fühlt sich wohl auf dem Sportplatz und schaut regelmäßig nach, ob alles »in der Reihe« ist: Ulrich Lindner.

Es mag sein, dass Begriffe wie Treue, Zuverlässigkeit und Kontinuität ein bisschen angestaubt klingen. Ulrich Lindner aus Bayerfeld kann darüber nur schmunzeln. Schon früh hatte er angekündigt, mit 70 aufzuhören – und hielt Wort. Wie eigentlich immer in seinem Leben.

Als ihm vor wenigen Wochen vom Südwestdeutschen Fußballverband (SWFV) der Ehrenbrief verliehen wurde, war es offiziell: Ulrich Lindner vom VfL Mannweiler-Cölln zieht sich nach mehr als 50 Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit für seinen Heimatverein und 33 Jahren für den SWFV zurück. Endgültig. Ohne Hintertürchen. Geradlinigkeit war schon immer sein Markenkern.

Ulrich Lindner ist kein Lautsprecher, keiner, der sich ständig in den Vordergrund spielen muss. Sein hintersinniger Humor, seine versöhnliche, aber immer auch verbindliche Art vermittelt seinen Mitmenschen etwas Beruhigendes. Dass sich sein Umfeld auf ihn verlassen kann, wurde bereits vor 54 Jahren deutlich: Als Heinz Weber, der damalige Schriftführer seines Vereins, aus beruflichen Gründen für drei Monate eine Vertretung gesucht hatte, hob Lindner bei der Mitgliederversammlung seine Hand. Mit 17. Aus den drei Monaten wurden 50 Jahre, ehe ihm 2018 Christian Betz im Amt nachfolgte. Ein halbes Jahrhundert hat er so die Entwicklung des VfL aktiv mitgestaltet.

Eine Herzensangelegenheit

Neben seiner Tätigkeit für das Kreisgericht und den Kreisausschuss, sechs Jahre auch als stellvertretender Kreisvorsitzender, betreute er über viele Jahre hinweg die C-Klassen als Staffelleiter. Das war seine Heimat, hier fühlte er sich wohl. „Die Vereine sind mir im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen, deshalb wollte ich auch nie andere Spielklassen.“ Er habe in der Zeit zahlreiche Freundschaften geschlossen. „Es waren viele schöne Jahre, die ich ganz sicher nicht vergessen werde“, sagt er zum Abschied.

Zusätzlich zu seiner Schriftführer-Tätigkeit war Lindner zudem neun Jahre lang Jugendleiter und 27 Jahre AH-Spielleiter seines Vereins. Und natürlich hat er auch Fußball gespielt. Das gehörte in den 1970ern auf dem Land so selbstverständlich dazu wie das samstägliche Autowaschen. Mehr als 1000 Spiele hat er bestritten, vorwiegend als Torwart, aber oft auch im Feld, weil zwei gleichwertige Keeper zur Verfügung standen. „Außer Abwehr habe ich eigentlich alles gespielt“, blickt er auf seine Vielseitigkeit zurück. Ein Glücksfall für jeden Trainer. Auch sein jugendlicher (Über-)Eifer legte sich rasch. „Nach meinem 27. Geburtstag habe ich keine Gelbe Karte mehr kassiert.“

Gegen alle Widerstände

Ulrich Lindner war neun, als sein Vater starb. Gemeinsam mit der Mutter und seinen beiden Geschwistern arrangierte sich der kleine Ulrich mit dem auf den Kopf gestellten Leben. Die Familie hat sich ohne das Oberhaupt gegen alle Widerstände durchgeboxt. „Diese Zeit hat mich geprägt“, sagt er heute, „und vielleicht auch ein bisschen abgehärtet.“ Sehr früh war für ihn klar: „Man darf nicht einfach die Brocken hinwerfen, wenn es mal etwas ungemütlicher wird.“

Dies mag auch der Grund dafür sein, dass Lindner alles, was er angefangen hat, auch zu Ende brachte. Im April 1965 begann er eine Ausbildung als Sozialversicherungsangestellter bei der AOK, wo er nach einem langen Berufsleben mit Stationen in Rockenhausen, Kirchheimbolanden und Kaiserslautern als Verwaltungsoberamtsrat in den Ruhestand getreten ist.

Familienglück

Im April dieses Jahres feierte er mit seiner Frau Hildegard Goldene Hochzeit. Sie war es auch, die ihn 1971 von Mannweiler ins zwei Kilometer entfernte Bayerfeld „entführte“. Schuld an der frühen Hochzeit war übrigens die Bundeswehr, ein „Schicksal“, das er mit vielen jungen Männern seiner Generation teilt. Die Söhne Stephan (49) und Jens (44) schenkten den Lindners Enkelkinder, Niclas kickt inzwischen in der ersten Mannschaft der SG Finkenbach/Mannweiler/Stahlberg, David spielt bei den F-Junioren des SV Enkenbach. Und Sohn Jens ist als zweiter Vorsitzender längst in die Fußstapfen des Seniors getreten. Familientradition.

Auch ohne Funktion kann Ulrich Lindner nicht ganz vom Verein lassen. Nahezu täglich ist er noch auf dem Sportplatz zu sehen. Die Stellenbeschreibung seiner neuen Funktion: „Ich schau’ nur, ob alles in der Reihe ist.“ Denn es sind die Konstanten, die sein Leben prägen, die Gartenarbeit oder der wöchentliche Stammtisch mit seinen Fußball-Kumpels. Dann reden und diskutieren sie, wie sich der Fußball gewandelt hat in den vergangenen Jahrzehnten. Über das heute fast unermessliche Freizeitangebot für junge Menschen. Und die Erinnerung an früher, als Kameradschaft und Zusammenhalt noch der Kitt waren, der die Dorfvereine zusammenhielt.

Der kleine Ausreißer

Wer nach Brüchen und Abzweigungen in Lindners Biografie sucht, wird nichts finden. Sagen wir fast nichts. Denn einmal war er tatsächlich einfach nur ein junger Fußballer, der mit seiner Mannschaft ein Entscheidungsspiel vor 500 Zuschauern gegen Alsenbrück-Langmeil mit 2:1 gewann – und diesen Sieg danach feiern wollte. „Das war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich am Montag nicht gearbeitet habe.“ Das grenzt nach seinen Maßstäben fast schon an Auflehnung. Und wer Ulrich Lindner kennt, kann sich bildhaft vorstellen, dass er danach wochenlang mit dieser Unzuverlässigkeit gehadert hat. Sie passt einfach nicht ins Bild.

Auf die Frage, was er sich für seinen Ruhestand noch als Ziel gesetzt hat, wirkt er nachdenklich. Die Bilder aus den Hochwassergebieten hallen nach. Erst recht, weil er vor sieben Jahren mit eigenen Augen in unmittelbarer Nachbarschaft miterlebt hat, welche Zerstörungswut Wasser haben kann. „Da wird Fußball auf einmal so unwichtig.“

Der heimliche Wunsch

Der Block des Chronisten ist bereits geschlossen. Ganz ohne Zukunftsplan? „Nein“, widerspricht Ulrich Lindner dann leise, „noch mal Urlaub in Italien, das wär’s!“ Und er fängt an zu schwärmen von seinem zweiten Zuhause, einem kleinen Ort an der Adriaküste, der Gastfreundschaft und dem Rauschen des Meeres. 25 Jahre lang reiste er mit seiner Frau ununterbrochen – wie könnte es auch anders sein – an den selben Ort. Vor zwei Jahren wurden sie ausgebremst, aber sie sind bereit für ein Wiedersehen. Dann darf der Sportplatz seines Vereins gerne auch mal ein paar Wochen nicht ganz so in der Reihe sein.

Die Serie: Gesichter des Sports

Sie sind unverzichtbar für jeden Verein und schwer zu finden. Menschen, die sich mit Herzblut einbringen, ohne Gegenleistung zu erwarten. Wir stellen in unserer Serie diejenigen vor, die sich in besonderem Maße ehrenamtlich engagieren und lassen sie zu Wort kommen. Kennen Sie auch so einen Arbeiter in der zweiten Reihe ihres Sportvereins, einen Macher, der sich in den Dienst der Mannschaft stellt und ohne den viele Projekte nicht möglich wären? Dann schreiben Sie uns an reddonn@rheinpfalz.de.

x