Blickpunkt
Große Nachfrage nach 9-Euro-Tickets
Jonny Papistok, der am Fahrkartenschalter der Deutschen Bahn im Dürkheimer Hauptbahnhof seit vielen Jahren Tickets verkauft, steht dem 9-Euro-Ticket, das für einen Monat für beliebig viele Fahrten im Nahverkehr deutschlandweit genutzt werden kann, sehr skeptisch gegenüber. „Das Chaos ist vorprogrammiert, aber richtig. Denn wir haben viel zu wenig Fahrzeuge und Personal, um das Ganze abdecken zu können“, sagt Papistok. Wenn das Projekt über die drei Monate durchgezogen werde, wolle er von niemandem hören, dass der Zug zu voll war oder komplett ausgefallen sei.
„Hätte man auf die Experten, wie beispielsweise den Fahrgastverband Pro Bahn, der ,vom größten Bock aller Zeiten’ gesprochen hat, gehört, wäre das milliardenschwere Ticket nie gekommen“, erklärt Papistok, der die Tickets selbstverständlich dennoch verkauft. So viele, dass er nach eigenen Angaben kaum noch Zeit für Reiseberatungen und -planungen hat.
Städtereisen planen
Eine der ersten Kundinnen am Montag war Francoise Vincent aus Bad Dürkheim. „Ich werde das Ticket nutzen, um Deutschland ein bisschen zu erkunden und dabei auch die eine oder andere Übernachtung einplanen“, sagt die Französin. Städte wie Frankfurt, Stuttgart, Hamburg oder Berlin würden sie reizen. Aber auch Fahrten ins benachbarte Wissembourg in die französische Heimat stünden bei ihr auf dem Programm.
Brigitte Pausch aus Freinsheim ist eigentlich „nicht die Bahnfahrerin“ und will zunächst abwarten, welche Erfahrungen die Leute mit dem Ticket machen. Wenn es gut läuft, könne auch sie sich vorstellen, das Angebot der Bahn zu nutzen.
Nach Wissembourg fahren
Obwohl er „eigentlich nie“ mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sei, hat sich Björn Krüger doch zum Kauf des 9-Euro-Tickets entschlossen. „Der einzige Grund ist, dass ich mit Freunden öfter nach Wissembourg fahren möchte, um dort lecker Essen zu gehen. Wenn wir mit der Bahn unterwegs sind, sollte das eine oder andere Viertel Wein mehr drin sein“, sagt der Dürkheimer augenzwinkernd.
Steffi Altherr hatte sich in die Schlange vor dem Schalter gestellt, um für sich ein Monats- und Sohn Felix das Dreimonatsticket zu erwerben. „Da jetzt die Weinfeste wieder möglich sind, kommt das Ticket gerade recht. Das Auto bleibt zu Hause, wir können eine Schorle mehr trinken und tun auch noch etwas für die Umwelt“, sagt die Wachenheimerin. Sie rechnet schon mit überfüllten Zügen, würde sich aber die Zeit nehmen, um auf den nächsten Zug, der vielleicht etwas leerer sei, zu warten.
Vergleich mit Wochenendticket
Jonny Papistok schüttelt weiterhin den Kopf und erinnert an das Wochenendticket für fünf Personen, das Mitte der 1990er-Jahre damals für 15 D-Mark verkauft wurde und zu chaotischen Verhältnissen im Schienenverkehr geführt habe. „Das hat die Bahn nach einem halben Jahr eingestellt, die Preise angehoben und die Konditionen geändert“, erinnert sich der Experte, der eine ähnliche Entwicklung beim 9-Euro-Ticket kommen sieht. Ohne eine Verdopplung der Züge sei das Projekt zum Scheitern verurteilt.
