Hintergrund
Wie Moskau Druck auf die Kulturwelt ausübt
Der 6000-Plätze-Saal ist überfüllt, auch vor den Leinwänden im Foyer drängen sich Menschen und draußen auf den Bürgersteigen. Junge Frauen tragen Blusen, Westen und Röcke in den ukrainischen Nationalfarben Blaugelb. Und die schwarzen Buchstaben auf den Plakaten für das letzte Schauspiel an der Fassade des Gogol-Zentrums wirken wie eine hastig gepinselte Straßenprotestparole: „Wahrt Eure Gesichter!“
Drinnen wird geklatscht, gejohlt, gepfiffen – wie bei einem Popkonzert. Aber viele Zuschauer weinen. „Wahrt Eure Gesichter!“ ist das letzte Stück der Saison, aber auch das letzte Stück des Gogol-Zentrums, des berühmtesten Theaters Moskaus.
Das Ende einer Institution
Hier inszenierte von 2012 bis 2021 Kirill Serebrennikow, als Kino- und Bühnenregisseur selbst ein Weltstar, für Russlands konservative Obrigkeit aber schon lange eine Unperson. Serebrennikow, bekennender Gay, setzte auf Experimente und Provokationen, wurde 2020 als mutmaßlicher Betrüger zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Die Staatsanwaltschaft warf ihm unter anderem vor, er habe das 2012 von Publikum gefeierte Schauspiel „Sommernachtstraum“ nie aufgeführt und umgerechnet 1,2 Millionen Euro staatlicher Subventionen dafür unterschlagen.
Serebrennikow hat das Gogol-Zentrum vergangenes Jahr verlassen, aber sein Nachfolger Alexej Agranowitsch teilte seine Ideen. Auch er opponierte gegen Putins „Kriegsspezialoperation“ in der Ukraine. Bezeichnend die Titel der letzten Dramen, die die Truppe auf die Bühne brachte: „Ich nehme an diesem Krieg nicht teil“ und eben „Wahrt Eure Gesichter!“. Nach dem Ausbruch der Kämpfe in der Ukraine verzichteten die Schauspieler des Gogol-Zentrums auf allen Beifall nach dem Vorhang, statt ihrer erschien auf der Bühne eine große weiße Taube.
Der Feldzug gegen die Ukraine hat auch in Russlands Kultur tiefe Frontgräben aufgerissen, Hurrapatrioten und Opportunisten attackieren friedliebende Kollegen. Sie sind keineswegs in der Mehrheit, aber die prowestliche Szene muss sich auch gegen die übermächtige Staatsmacht wehren.
Moskaus Stadtverwaltung hat das Gogol-Zentrum in Gogol-Theater zurück benannt, Agranowitsch wurde vergangene Woche entlassen. Ebenso erging es Viktor Ryschakow, dem Chef des Moskauer „Sowremennik“-Theaters. Seine Schwierigkeiten begannen, als er vergangenen Sommer das Schauspiel „Erstes Brot“ aufführen ließ, nach Ansicht von Veteranenverbänden enthielt es zu viel Kraftausdrücke und Pazifismus. Gehen muss auch Josif Raichelgaus, künstlerischen Leiter der „Schule modernen Schauspiels“. Das Theater hatte er vor 43 Jahren selbst gegründet. Raichelgaus stammt aus Odessa, war ebenfalls gegen die „Spezialoperation“.
Ersetzt werden sie durch politisch sehr leise und schöpferisch eher der Vergangenheit verpflichteten Leuten, wie dem neuen Gogol-Intendanten Anton Jakowlew. Er sagte in einem Interview, im Vergleich zu den Klassikern habe das Moderne Theater das „Niveau von Mäusen“.
Zuvor wurde im Jermolowa-Theater das gesellschaftskritische Stück „Texto“ des Schriftstellers Dmitri Gluchowski abgesetzt. Vor allem wegen seines Autors: Der mit Science-Fiction bekannt gewordene Gluchowski hatte Putin scharf kritisiert, wird wegen „Nachrichten-Fakes über die russische Armee“ per Haftbefehl gesucht. Und die Tretjakow-Galerie, Moskaus führendes Museum, brach Anfang April eine Ausstellung des russisch-amerikanischen Künstlers und Nonkonformisten Grisha Bruskin ab. Angeblich wegen technischer Defekte, das Fachportal Artgid aber vermutet: wegen einer Anordnung des Kulturministeriums, das auf die Klagen „empörter Bürger“ reagiert hätte.
Das große Z
Einige Kulturschaffende begeistern sich am Blutvergießen in der Ukraine. Etwa der nationalistische Schriftsteller Sachar Prilepin, der andersdenkende Kollegen anprangert: „Gluchowski arbeitet völlig objektiv für den Sieg der ukrainischen Streitkräfte.“ Oder Wladimir Maschkow. Der Schauspieler und Intendant des Tabakow-Theaters brüstet sich, dass er die Fassade seines Schauspielhauses mit einem großen Z schmücken ließ, „dem Symbol für das Vaterland, unsere Armee und unseren Präsidenten“.
Nikita Michalkow, Filmregisseur und mehrfacher Oscar-Preisträger, erzählt jetzt im Staatsfernsehen mit rollenden Augen von russischen Kriegsgefangenen, denen die Ukrainer vor dem Austausch Hände und Hoden abgehackt haben sollen. Und Michail Piotrowski, Direktor der Petersburger Eremitage, erklärte kürzlich der Regierungszeitung „Rossijskaja Gaseta“, pazifistische Reaktionen seien ihm fremd, entscheidend sei das Gefühl, dass „unser Land“ die Weltgeschichte umschreibe, und man daran teilnehme. „Wir sind jetzt alle Militaristen und Imperialisten.“
Aber in den sozialen Netzen hagelte es Kritik für seine Sprüche. Und die Mehrheit der Museums-, Literatur- und Theaterleute entsetze sich über das, was Putin in der Ukraine anstelle, sagt Andrej Jerofejew, Kurator für moderne Kunst und erklärter Oppositioneller. „Die Kriegsbefürworter in der Szene lassen sich an den Fingern zweier Hände abzählen. Es sind so wenige, dass man nicht einmal von einer Spaltung der Kultur reden kann.“ Und Kremldichter Prilepin schimpft: „Würde über Moskau ein ukrainischer Kampfpilot abgeschossen, 45 von 50 Theatern versteckten und verpflegten ihn.“
Tschechow aus Solidarität
Aber vergangenen Freitag erklärte nur Juri Butussow, Regisseur des Satirikon-Theaters, vor einem begeistert applaudierenden Saal, man spiele diesmal Tschechows „Möwe“ aus Solidarität mit den Gleichgesinnten des Gogol-Zentrums. Andere Intendanten oder Regisseure arbeiten mit eingezogenem Kopf weiter, auch die Mehrzahl der Schriftsteller und Musiker schweigt. Aber viele Popstars und vor allem Rapper sind ausgereist, ein Großteil der Musikszene auf YouTube umgezogen. Und Russlands Kinos droht die Einmottung, mangels spannender russischer Filme, die den versiegenden Import aus Hollywood ersetzen könnten.
„Putin und seine Gefolgschaft haben keine eigene Kultur zu bieten“, sagt Andrej Jerofejew. „Im Kreml sitzen Taliban, die die Masse der urbanen Russen unterdrücken. Ihre Ideen stammen aus der Vergangenheit, sind Mythen, aber sehr gefährlich.“ Jerofejew denkt an Ausreise, sein älterer Bruder, der Schriftsteller Viktor Jerofejew hat sich im Frühjahr in die EU abgesetzt, so wie schon vorher die meisten namhaften Literaten Russlands.
Ein Gruß aus Avignon
„Eigentlich ist unsere Lage noch relativ angenehm“, scherzt Valeri Petschejkin, Dramaturg des Gogol-Zentrums, „wenn wir die Staatsaufträge nicht erfüllen wollen, können wir einfach verschwinden. Und sie lassen uns laufen.“ Aber Andrej Jerofejew befürchtet massenhafte Repressalien. Gerade erst verabschiedete die Duma ein Gesetz über die „Kontrolle der Tätigkeit von Personen, die unter westlichen Einfluss stehen“. Es untersagt „vom Ausland unterstützten oder beeinflussten“ Menschen die Organisation öffentlicher Veranstaltungen und jede staatliche Finanzhilfe auch für kreative Tätigkeit. Schlechte Karten für alle Kulturschaffenden mit westlichen Kontakten.
Serebrennikow trat nach dem letzten Schauspiel per Video auf der Bühne des Gogol-Zentrums auf. „In Russland muss man lange leben“, sagte er. „Dann können wir hoffentlich miterleben, wie der Krieg endet und das prachtvolle Russland der Zukunft beginnt.“ Serebrennikow grüßte vom Theaterfestival in Avignon, umgeben von den Schauspielern des Berliner Thalia-Theaters. Hier in Südfrankreich inszeniert er Tschechows „Der schwarze Mönch“. Am 7. Juli ist Premiere. Russland ist für schöpferische Seelen kein guter Ort mehr.