Kunst
Maskiert vor Maskeraden: Die große James-Ensor-Schau in Mannheim
Der Typ mit dem Skelettkopf schaut schräg, einäugig. Grinst hämisch, amüsiert vielleicht auch. Hat eine weiße Kutte an. Die Kerze in seiner Hand kringelt Rauch. Er ist umtost von einer aufgekratzten, maskierten Gesellschaft. Ein verklärt schauender Pierrot, eine rotlippige Geigerin mit Hut, die offensichtlich lustvoll stöhnt. Jemandem mit Gesichtslarve und knospender Kopfbedeckung verzieht Verzweiflung den Mund. Am aufgewühlten Himmel, Weiß schliert ins Blaue, ganz klein, aber gut zu erkennen, steht in Fesselballon, aus dem jemand seinen Hintern streckt. Er, sagen wir es so, entleert sich auf die Szene, deren Star der Tod ist. Vielleicht auch sein karnevalesker Stellvertreter, umringt, mitten in einem Umzug. James Ensors „Der Tod und die Masken“, 1897 gemalt in herrlich leuchtenden Farben, ist von der für ihn typischen Mehrdeutigkeit. Überbordend, melancholisch, freudvoll, satirisch, böse, heiter, alles zugleich. Das Programmbild des belgischen Künstlerkauzes aus Ostende hat einmal der Kunsthalle Mannheim gehört und war Teil einer größeren Ensor-Schau, die Anfang 1928 stattfand. Jetzt hängt es wieder dort – am Kopfende einer Flucht an intensivblauer Wand. Der Fixpunkt einer Ausstellung, die mit über 60 Gemälden, 120 Arbeiten auf Papier, Tondokumenten und einigen originalen Masken aus James Ensors Besitz sein Werk überblickt.
Rückkehr und Triumph
Entliehen wurde es aus Lüttich, vom Musée des Beaux-Arts, La Boverie, was sensationell ist. In Belgien zählt das Werk zur ersten Kategorie des nationalen Kulturguts. Als es der legendäre Mannheimer Kunsthallendirektor Gustav Friedrich Hartlaub 1927 kaufte, war es Avantgarde. Zehn Jahre später dann, für die dummen Nazis: „entartet“. Es wurde zusammen mit 600 anderen Arbeiten aus der Kunsthalle beschlagnahmt. Es verschwand. Und jetzt wieder dieser heimkehrende Triumph auf Zeit. Das Haus, das, wie auch immer das gelang, 1941 und 1943 neue grafische Werke des verfemten Ensor ankaufte, pflegt augenfällig eine besondere Beziehung zu dem Künstler, zu dessen „Fans“ neben Belgiens König Leopold II. auch Kollegen wie Paul Klee, Emil Nolde oder George Grosz zählten. Die Kuratorin Inge Herold, stellvertretende Direktorin, jedenfalls hat die Ensor-Ausstellung als Herzensangelegenheit inszeniert. Mit vielen Verweisen, durchdachten Konstellationen, voller Augenlust. Fehlt eigentlich nur noch sein monumentales Hauptwerk „Einzug Christi in Brüssel“ (1888), das im Getty Museum in Los Angeles zuhause ist. Aber dafür ergibt sich in Mannheim eine einmalige Zusammenschau.
Einstein und der Hering
Wie gekreuzigt hängt das Federvieh kopfüber am Balken. Das Gemälde „Der tote Hahn“ (1894) ist von den Mannheimern in den 1950er-Jahren als „Ersatz“ für das beschlagnahmte Hauptwerk „Der Tod und die Masken“ erworben worden. Jetzt ist es, nur von einer Durchgangstür getrennt von Ensors wichtigem, auf einer Fotovorlage basierendem Bild „Das malende Skelett“ installiert, das den Künstler selbst in seinem Atelier zeigt. Mit Totenschädel und Palette in der Hand, vor einer riesigen Staffelei steht er da und arbeitet an einem winzigen Bild. Das heißt, die Borsten des Pinsels zeigen untauglich in seine Richtung. Mehrere Totenköpfe starren ihn an. An der Wand lehnt das Mannheimer Hahn-Bild, allerdings in gegenüber dem Original aufgehellten Farben. Alles ist eine Allegorie. Auf die Schaffenskraft, die versiegt, die ewige Vergänglichkeit und das Selbstbewusstsein des Großmeisters der Groteske, dass seine Werke bleiben werden. Es kontrastiert stark mit seinen karikierenden Selbstdarstellungen als Hering, Käfer, neben einer Libelle mit den Zügen einer Frau. Oder mit der Stilisierung seiner selbst als großer Einsamer und eine Art von der Kritik und Gesellschaft verfolgter Kunst-Jesus, die so weit geht, dass er sich als Gekreuzigten darstellt; mit der Inschrift Ensor statt INRI.
Ensor, der 1860 geborene Sohn eines schwermütigen, trunksüchtigen Engländers aus gutem Haus, und einer Belgierin aus einfachen Verhältnissen, war durchaus ein eigenwilliger Charakter. „Verschroben“ und „empfindlich“ zumindest, wie Kuratorin Inge Herold einräumt. In der Kunstgeschichte indes hat sich das nicht nur politisch inkorrekte Bild eines der „genialsten Kranken der Kunst“ verfestigt, von dem der Kritiker der „Neuen Mannheimer Zeitung“ schon 1928 schrieb. Fest steht, dass er, Ensor – vor allem mit seinen Werken vor der Jahrhundertwende – einflussreich von der Peripherie aus war. Vielbesucht auch von Kollegen. Erich Heckel, während des Ersten Weltkriegs in Ostende als Soldat stationiert, rettete ihn sogar aus deutscher Haft, in die er wegen Spionageverdachts geraten war. Zu Einstein soll er bei einem Treffen gesagt haben. „Herr Einstein, ich verstehe ihre Formeln nicht“. Dessen Antwort sei gewesen: „Ich ihre Farben auch nicht.“
Ensor liebte die Verfertigung vieldeutiger Stillleben, auf denen zum Beispiel der Stachel eines Rochens mit männlichem Antlitz beim Anblick einer geöffneten Muschel schlaff versagt. Er liebte die bissig-böse Gesellschaftssatire, den Gag, die Überzeichnung. Sieben Jahre bevor er starb, 1942, hieß es, er sei gestorben. Drei Tage lang lief er daraufhin mit Trauerbinde durch Ostende. Sein Hang zum Thema Tod ist überdeutlich. Seine Werke stehen wie unter Überdruck. Er ist ein glänzender Kolorist gewesen. In Mannheim wird das geradezu handfest erlebbar, ein Fest – nach den vielen fad vergangenen Monaten. Die Farben schillern tonig dunkel, hellfarbig, braungolden wie bei einem seiner Vorbilder – neben Goya, Odilon Redon, Pieter Bruegel oder Hokusai –: Rembrandt von Rijn. Und dazu dieses samtige Ensor-Rosa mit dem er auf – schon 1880 – nahezu abstrakten Landschaftsbildern die, wie er es nennt, „wunderbarhaftige Schönheit des Meeres“ festhalten wollte. Das Multitalent selbst indes ist in seinem Werk wie im Leben kaum zu fassen. Er schrieb journalistische Artikel, kunstkritische Satiren, hielt Vorträge, musizierte, komponierte, ohne Noten lesen zu können, die 1924 in Antwerpen uraufgeführte Ballettpantomime „Die Liebestonleiter“. Er war Akteur in einem Fotoroman, spielte in einem kurzen Spielfilm mit, war Tierfreund und Denkmalschützer, ewiger Junggeselle. Sein Verhältnis zur Frauenwelt, zwischen hingerissen und distanziert, bleibt ungeklärt. Fast naheliegend dagegen, woher seine Vorliebe für Masken kommt, die ihm die Kennung „Maskenmaler“ einbrachte, obwohl diese nur auf rund einem Drittel seiner Arbeiten vorkommen.
Nicht nur, dass in Ostende der Karneval zu seinen Lebzeiten eine besondere Rolle spielte und Ensor in der Jury fungierte, die die besten Kostüme prämierte. Seine Familie betrieb in zweiter Generation einen Souvenir- und Kuriositätenladen in Ostende, den er später zeitweise selbst übernahm und in dessen Dachkammer er arbeitete. Heute befindet sich dort das Ensorhaus.
Erlesene Turbulenz
Seinen Geburtsort hat er bis auf ein dreijähriges Kunststudium in Brüssel nie richtig verlassen. „Meine Kindheit war voller Wunderträume“, meinte er einmal, „die Besuche im Laden der Großmutter entsetzten mich, ganz schillernd vor Muschelreflexen, prächtigen Spitzen, merkwürdigen ausgestopften Tieren und schrecklichen Waffen von Wilden“. Dazu kam Tand aus Japan und China, Masken aus verschiedenen Kulturen, die es ihm besonders angetan hatten, einige davon sind jetzt in Mannheim zu sehen.
„Die Maske bedeutet mir: Frische des Tons, überspitzter Ausdruck, prächtiger Dekor, große unvermutete Geste, ungehemmte Bewegung, erlesene Turbulenz“, lautet seine Selbstauskunft, wieso er malerisch so gerne auf das Requisit zurückgriff. Es ermöglichte ihm, wie Inge Herold im Katalog schreibt, eine pessimistische Deutung der menschlichen Existenz mit lebensbejahender Freude und burleskem Spektakel zu koppeln. Besonders gekonnt etwa in dem in delikaten Farben verfertigen Gemälde „Intrige“, auf dem Gedränge besonders feister, maskierter Gestalten herrscht. Datiert ist das Bild auf das Jahr 1890. Apart und makaber zugleich aber auch zu erleben, wie wir heutige Besucherinnen und Besucher davorstehen, FFP2-Schutzschild auf. Maskierte vor Maskierten. Die Schau des Moments.
Info
James Ensor. Bis 3.10., www.kuma.art. Mehr Fotos auf www.rheinpfalz.de