Pfalzgeschichte(n)
Landau: Die Rückkehr der Künstlerfamilie Croissant
Es war Liebe auf den ersten Blick. Als die Immobilienmaklerin, Fotografin und Galeristin Ursula Mueller das heruntergekommene Gebäude in zweiter Reihe des Anwesens Fortstraße 10 sah, spürte sie sofort die besondere Atmosphäre, die dieses Haus ausstrahlte. Also erwarb sie selbst die Bruchbude mit den erstaunlich großen und hellen Fensterfronten, um hier ein bisschen Künstlerleben einziehen zu lassen. Beim Renovieren stellte sich dann heraus, dass die Kunst hier schon einmal zu Hause war. Und wie!
Genau hier, im kaum einsehbaren Hinterhof ihres repräsentativen Wohnhauses, hatten August Croissant und seine Brüder Friedrich Wilhelm und Philipp Jakob vor über 100 Jahren ihre Atelier- und Werkräume. Zu ihren Lebzeiten muss das ein ganzer Kosmos des Kunstschaffens und ein Ort reger Betriebsamkeit gewesen sein. Die Croissants verstanden sich als Weltbürger mit starkem Heimatbewusstsein; ihre weit verzweigte Familiengeschichte reicht zurück bis ins Frankreich des 15. Jahrhunderts. Als Hugenottenflüchtlinge waren die ersten einst zunächst nach Edenkoben gekommen. Dort ergänzte der Küfer Zacharias Croissant seine Werkstatt um einen Malerbetrieb und bereitete so den Boden für seine drei Söhne. Die übernahmen 1891 ein Malergeschäft in Landau und bezogen 1905 ihr eigenes Gebäude in der Fortstraße.
August, der Tausendsassa
August (1870-1941) war zweifellos die schillerndste Figur des rührigen Brudertrios. Obgleich er stets auch in der Dekorationswerkstatt mithalf, gehörte sein Herz der Kunstmalerei. Er besuchte Kurse in Nürnberg, später in München, machte dort Bekanntschaft mit Künstlern wie Franz von Stuck und Franz von Lenbach und unternahm sogar eine Orientreise, die ihn über Pompeji nach Ägypten führte – was seine Leidenschaft für Licht und Farbe erst recht befeuerte. Mit dem Rückhalt des goldenen Handwerks gelang dem gerne als Kunstdoyen betitelten Familienvater in der Südpfalz eine erfolgreiche Künstlerbiografie.
Seine stimmungsvollen Landschaftsgemälde, Dorfansichten und Genrestudien waren äußerst beliebt, seine Porträtmalerei war ebenso gefragt. Und ganz nebenbei entwarf der Tausendsassa auch noch Möbel und Designgegenstände in schönstem Jugendstil. Sein Künstler-Gen und gewiss auch der rege Austausch mit bedeutenden Kollegen wie Max Slevogt und Heinrich Strieffler motivierten auch andere Familienmitglieder – besonders Sohn Eugen (1896-1990) und Neffe Hermann (1897-1963) – zu einem Künstlerdasein.
All das wusste Ursula Mueller noch nicht, als sie die besondere Immobilie für sich und ihre Geschäftspartnerin, die ungarische Malerin Vera Volni, entdeckte. Aber die Geschichte des Hauses und die fast vergessenen Malergeister, die hier schliefen, haben sich ihr Andenken in Windeseile zurückerobert und in den kunstaffinen neuen Besitzerinnen die perfekten Seelenretter gefunden. Beim behutsamen Renovieren nach alten Blaupausen, die sich im Stadtarchiv fanden, kamen sogar wieder Musterbordüren des Dekorationsgeschäftes samt einem verblassten Schriftzug zum Vorschein. Sie schmücken nun die hohen Wände des charmanten „Atelier Salon“, der seit einigen Jahren als Galerie und Veranstaltungsraum genutzt wird. Während im Obergeschoss neue Künstler-Ateliers für temporäre Vermietungen entstanden, reifte für den erst jüngst freigewordenen Nebentrakt die Idee für den weiteren Umgang mit dem Croissant-Erbe.
Erbe unter dem Hammer
Um dieses Erbe war es in Landau bislang nicht gut bestellt. Nach einer letzten großen Gemeinschaftsausstellung, die 1991 in der Villa Streccius „der Pfälzischen Künstlerfamilie“ gewidmet war und Arbeiten von sage und schreibe zwölf Malern und Bildhauern des Croissant-Stammbaums zusammenführte, zerstob das Gedenken an August und seinen Nachfahren wie eine geplatzte Seifenblase. Der Versuch von Familie und Stadt, in gemeinsamer Anstrengung eine Stiftung ins Leben zu rufen, scheiterte an finanziellen Hürden. So kam der Croissant-Nachlass 1993 in unzähligen Einzelpositionen im Mutterstadter Auktionshaus Henrys unter den Hammer.
Für Mueller und Volni war deshalb klar, dass zu retten galt, was es noch zu retten gab. Und sei es auch nur in digitaler Form an einem historisch verbürgten Ort. Bald reifte der Plan für ein öffentlich zugängliches Archiv, das alles dokumentiert, was sich von den Croissants finden lässt, und der Malerfamilie, die doch so eng mit Landau verbunden war, wieder eine Verankerung in der Gesellschaft gibt. Darüber hinaus soll das Archiv aber auch ein Ort der Begegnung mit zeitgenössischen Künstlern sein, junge Menschen ansprechen, frische Kunstformen herausfordern, Altes und Neues miteinander vernetzen.
In den Herzen der Pfälzer
Wo aber ist das Alte? Wer hat einen Croissant an der Wand? Ein Erinnerungsstück in der Schublade? Eine persönliche Begebenheit im Gedächtnis? Ein entsprechender Aufruf, den Mueller im Januar dieses Jahres an die Menschen in und um Landau richtete, brachte eine wahre Flut an Rückmeldungen und bescherte überraschende Entdeckungen. Es zeigte sich auf geradezu rührende Weise, wie sehr vor allem August, aber auch Hermann und Eugen Croissant in den Herzen und Wohnzimmern der Südpfälzer präsent sind. Weit über 100 Ölgemälde, Aquarelle und Zeichnungen hat Ursula Mueller in den vergangenen vier Monaten schon abfotografiert und dokumentiert, viele sehr private Geschichten notiert, manche Schenkung für das Archiv entgegengenommen. Christine Kohl-Langer, die Leiterin des Stadtarchivs, hat die Daten digitalisiert und unterstützt die für die Stadt so glückliche Privatinitiative logistisch.
Nicht nur die enorme Resonanz in der Bevölkerung, auch die Vielfalt der gehobenen Schätze ist beeindruckend. Besonders August Croissant ist immer wieder für eine Überraschung gut. Über seine bekannten Motive hinaus fanden sich zarte Kinderporträts und ungewöhnliche Stillleben, exklusive Werbeentwürfe und ein liebevoll illustriertes Poesiealbum, vermutlich als Verlobungsgeschenk für die Freundin seiner Schwester. Als kleinen, aber feinen Höhepunkt unter den bisherigen Entdeckungen steuerte der Edenkobener Hobbyhistoriker Günter Kopetschny ein kleines Skizzenbuch von August Croissant bei, das der Maler in München kaufte, mit seinem persönlichen Exlibris „stempelte“ und mit vielen volkstümlichen Szenen füllte.
Ölgemälde im Teppich
Erstaunlich auch seine völlig unprätentiöse Eingliederung in die Gesellschaft: mit Jahresbeitragskarten des Pfälzerwaldvereins beispielsweise, für die er viele Künstlerbilder schuf. Postkarten, Veranstaltungsplakate, auch das Logo zum Lustadter Handkäsfest beweisen geschäftstüchtigen Pragmatismus. So gesellig wie er war auch sein Sohn Eugen, der in einem bewusst einfachen Haus am Chiemsee lebte, nie. Es gibt von ihm beißend ironische Karikaturen und Aquarelle mit äußerst ungewöhnlichen Motiven, etwa dem Abriss der Landauer Festung.
An den Neffen, Hermann Croissant, der bis zu seinem Tod 1960 in Landau lebte, haben die Zeitzeugen natürlich noch die lebhaftesten Erinnerungen. Sein Atelierhaus „Im Löhl“ mit großem Obstgarten, der Blick von dort über die Reiterwiesen hin zum Haardtrand und viele Straßenansichten finden sich mit seinem dynamischen Pinselstrich auf unzähligen Gemälden, auch im Fundus der Stadt Landau. Und das alte Tafelklavier, das beim Verkauf seines Hauses dank Nachbarin Annemarie Hummel vor dem Sperrmüll gerettet wurde und die Zeit im Stadtarchiv überdauerte, kommt nun als Ausstattungsstück des Croissant-Archivs zu neuen Ehren.
Es passt perfekt zur kleinen Sensation der Eröffnungsausstellung: einem fulminanten Ölgemälde, das die Landauer Geschäftsfrau Christa von Nida eingerollt in einen Teppich ihrer verstorbenen Schwiegereltern fand. Die italienisch inspirierte Landschaft, die sich hier so romantisch entfaltet, ist nach Ansicht der Besitzerin eine Studie zu den Wandmalereien in der Landauer Festhalle, die bei Renovierungsarbeiten übertüncht wurden. Beide Werke tragen die Handschrift von August Croissant.
Eine besondere Bewandtnis hat es mit dem über 100 Jahre alten, gusseisernen Prunkofen als Herzstück des Croissant-Archivs. Er ähnelt stark dem Original, das Karl-Emil Croissant, ein weiterer Neffe von August, anno 1916 in einer Handzeichnung verewigte. Dessen Enkel François Croissant hat das Bild in Familienunterlagen gefunden, dem Archiv geschenkt und damit die Idee mit dem Ofenkauf gezündet.
Das rote Gründerzeit-Sofa wiederum ist für die Protagonisten der Interview-Reihe „Zu Gast im Croissant-Archiv“ reserviert. Bei diesem Format werden Menschen, die auf irgendeine Weise mit der Malerfamilie, dem Archiv oder der Gegenwartskunst zu tun haben, in kurzen Videoclips vorgestellt. In naher Zukunft soll es auch eine Archiv-App geben, die virtuelle Archivbesuche erlaubt. Es soll sogar möglich werden, sich in die Zeit von August Croissant zurückzubeamen, um ihm quasi bei der Arbeit zuzusehen. Dass die alte Malerfamilie digital so groß rauskommt, ist der jungen Fotografin und Medienfachfrau Tina van den Bongardt zu verdanken, die das Archiv-Projekt mit viel Medien-Expertise unterstützt.
Termine & Infos
- Am Samstag, 14. Mai, 11 Uhr, wird das Croissant-Archiv im Hinterhof der Fortstraße 10 in Landau erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Danach ist es bis zur Landauer Kulturnacht am 3. Juni jeden Samstag von 11 bis 15 Uhr geöffnet.
- Zur Kulturnacht wird die Eröffnungsausstellung mit Werken von August, Eugen und Herrmann Croissant um zeitgenössische Arbeiten von Gabriele Köbler erweitert und Einblick gewährt in die Offenen Ateliers der Künstlerin Inge Barié aus Annweiler und der ungarischen Malerin Vera Volni. Das Musikduo „ada & bats“ wird dem (chronisch verstimmten) Tafelklavier zu einem mitreißenden Jazzauftritt verhelfen.
- Ursula Mueller und Vera Volni freuen sich auch weiterhin über eine rege Bürgerbeteiligung. Jederzeit kann man Gemälde und Dokumente in Zusammenhang mit der Croissant-Dynastie für ihre digitale Aufnahme ins Archiv melden. Auch Spenden sind für das gemeinnützige Projekt willkommen. Kontakt: Ursula Mueller, mobil: 01520 – 2332288. Spendenkonten sind eingerichtet bei der VR Bank Südpfalz (DE 41 5486 2500 0000 2004 68) und bei der Sparkasse Südpfalz (DE 92 5485 0010 1700 2490 38).
- Weitere Infos finden sich unter www.salon-atelier.de und auf Facebook