Theater RHEINPFALZ Plus Artikel Hochstapler von heute: „Felix Krull“ am Nationaltheater Mannheim

Gib Gas, ich will Spaß: Annemarie Brüntjen, Matthias Breitenbach und Eddie Irle als Felix Krull, Felix Krull und Felix Krull. We
Gib Gas, ich will Spaß: Annemarie Brüntjen, Matthias Breitenbach und Eddie Irle als Felix Krull, Felix Krull und Felix Krull. Welcher der echte war? Alle. Un d keiner.

Alle halten sich für den Mittelpunkt der Welt. Eine falsche Identität im Internet ist kein Problem. Thomas Manns Romanfragment „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ passt perfekt in die Zeit. Anna-Elisabeth Frick hat den Stoff inszeniert. Sehr merkwürdig allerdings.

In den ersten Minuten wähnt man sich in dieser merkwürdig antiquiert wirkenden Quizsendung „Sag die Wahrheit“, in der Smudo von den Fantastischen Vier und drei andere Leute herauszufinden versuchen, welcher von drei Kandidaten wirklich der/die ist, für den er/sie sich ausgibt. „Mein Name ich Felix Krull, und ich werde Ihnen heute Abend meine Geschichte erzählen“, behaupten genau in diesem Stil zwei Männer (Eddie Irle und Matthias Breitenbach) und eine Frau (Annemarie Brüntjen).

Es ist eine Geschichte von Trug und Lug, von Schein und Sein. Als Irle in lachsfarbenen Pumps dasteht, Brüntjen die Hose in der gleichen Farbnuance trägt und Breitenbach die passende Krawatte, ist man zu glauben versucht, die drei könnten verschiedene Facetten einer Identität darstellen. Aber diese Lesart lässt sich nicht durchhalten. Es bleibt schlicht kein Raum für psychologisches Sezieren. Zu oft wechseln sie ihre Klamotten, tragen wilden Fummel, Tierkostüm, Astronautenanzug, „Miss Universe“-Kleid und die meiste Zeit über nur eine weiße Unterhose, die Männer auch mal gar nichts, es muss wohl sein. Felix Krull, soll das heißen, macht sich komplett nackig vor dem Publikum, lässt die Hosen runter, erzählt alles. Wie schon bei Thomas Mann, der sein von 1910 bis 1913 verfasstes Werk, um dessen Fortsetzung er sich jahrzehntelang bemühte, im Ich-Erzähler-Tonfall verfasst hat. Insofern ist Anna-Elisabeth Fricks Inszenierung eine konsequente Interpretation der Mannschen Geschichte.

Ein großer Klamauk, Devis: „Da geht noch mehr!“

Andererseits aber ist das alles einfach ein ganz großer Klamauk. Ein bisschen hat man das Gefühl, als hätten sich alle an der Inszenierung Mitwirkenden, alle Gewerke von der Beleuchtung bis zur Requisitenabteilung in der Corona-Zeit mal so richtig austoben dürfen. „Da geht noch mehr!“, schien die Devise zu lauten: noch ein Song, noch eine Tanzchoreographie, noch eine Videoinstallation und noch viel, viel mehr Kostüme. Die Opulenz auf der Bühne, der riesige Blumenschmuck, das geschmacklose Mobiliar, all das sagte aus: Seht her, das habe ich mir aus dem Nichts aufgebaut, ergaunert, alles nur geklaut. Es bestand allerdings die Gefahr, dass man sich von dem ganzen schrillen Geschehen so sehr in Bann ziehen ließ, dass man der Geschichte gar nicht mehr richtig folgte. Performance schien stets wichtiger zu sein als Handlung. Die sowieso irgendwann einfach abbrach, wie schon bei Thomas Mann. Der berühmte Film mit Horst Buchholz und Liselotte Pulver aus dem Jahr 1957 hat einen erfundenen Schluss.

Nach 80 Minuten: Ratlosigkeit

Vor sechs Wochen erst hat Detlev Buck eine Neuverfilmung des „Felix Krull“ nach einem Drehbuch von Daniel Kehlmann abgedreht. Aktuell ist der Stoff unbedingt, und die Mannheimer Inszenierung bietet zwar am Ende nicht den ganz großen Theatergenuss, aber ein paar interessante Ansätze hat sie schon.

So sieht das Publikum die ganze Zeit nicht nur die bunte Bühne, auf der Felix der Glückliche ein Leben nach seinem eigenen Skript lebt – ohne Rücksicht auf Verluste. Man sieht auch in die normalerweise unsichtbare Hinterbühne mit Technik, schmucklosen Kulissenteilen, dem Wartebereich für Schauspieler vor dem nächsten Auftritt oder der letzten Verbeugung. Der Applaus fiel diesmal spärlich aus. Was wahrscheinlich nicht nur der Tatsache geschuldet war, dass das Publikum notgedrungen sehr klein war. Sondern auch einer gewissen Ratlosigkeit nach merkwürdigen 80 Minuten.

Termine

Vorstellungen heute und morgen, 19.30 Uhr, von 3. bis 5. sowie am 12. und 26. Oktober, am 21. November, 17. und 26. Dezember.
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