Literatur
Der Dichter und der Neonazi: Thomas Wagners Buch über Erich Fried und Michael Kühnen
Wie das geht? Erich Fried, radikaler Linker, Jude, der Vater von der Gestapo totgetreten, die Oma in Auschwitz umgebracht, entkam den Nazis nur knapp. Mit 17. Im Londoner Exil dann wurde er Shakespeare-Übersetzer, BBC-Mitarbeiter, später Apo-Dichter, Anti-Stalinist, „Stören-Fried“, der – „Es ist, was es ist, sagt die Liebe“ – Lieblingsliebeslyriker der Deutschen eine Zeit lang. Ein rasender Welt-„Verworter“, 68er-Idol, Dutschkes Mitdemonstrant. Vater von sieben Kindern, Homme des femmes, trotzdem er sich zum Küssen bisweilen auf einen Stuhl stellen musste. Ein Wunderkind, Muskel-erkrankt. Wiens Schauspielersensation mit fünf, mit sechs die Weigerung bei einer Weihnachtsfeier ein Gedicht aufzusagen, als er mitbekommt, dass der Polizeipräsident zugegen ist, der ein Blutbad mit mehr als 80 Toten unter linken Demonstranten zu verantworten hatte. Und dann Michael Kühnen, Rechtsradikaler, NPD-Wahlkampfhelfer mit 14, Holocaustleugner, Hitlerverehrer, pädophil, schwul, erst Bundeswehr-Leutnant, dann beim „SA-Sturm 8. Mai“ mit dem Ziel, die NS-Diktatur wieder zu errichten. Einer der bekanntesten Neo-Nazis seiner Zeit.
Am Anfang, eine Talkshow
Alles fing damit an, dass Kühnen, damals 27, als Mitbegründer der Aktionsfront Nationaler Sozialisten eingeladen, am 21. Januar 1983 aus der NDR-Talkshow „3nach9“ wieder ausgeladen wurde. Thema Rechtsextremismus. Er stand schon vor dem Studio. Moderatorin Lea Rosh war in der Sendung froh. Es sei verhindert worden, „dass diese Leute sich überall artikulieren können“. Der miteingeladene Erich Fried sprach live gegen die Ausladung an: Diese Neonazis seien „Menschen mit zum Teil ganz ehrlichen Ansichten, die nur verderblich sind“. Das nur zum immer noch aktuellen Kapitel: Mit Rechten reden. Der Neonazi vor dem Bildschirm jedenfalls war begeistert. Er rief gleich den Sender an, um mit dem in der Kantine sitzenden Fried zu sprechen. Fried soll im Telefonat gesagt haben: „Wir müssen uns noch viel öfter und eingehender unterhalten, Herr Kühnen.“ 16 Briefe sind dokumentiert, die dann hin und her gegangen sind. Den ersten schrieb Kühnen am 27. Dezember 1984. Den letzten schickte er am 16. Juni 1987, eineinhalb Jahre bevor Fried am 21. November 1988 in Baden-Baden seinem Darmkrebs erlag. Dreieinhalb Jahre bevor Kühnen selbst an Aids starb.
Sogar ein Gedicht für den „lieben Michael“
Einmal hatte Fried Kühnen auch im Knast besucht. Er widmete M.K. sogar das Gedicht „… um Klarheit …“, in dem es heißt, dass Hoffnung und Wahrheit „vielleicht auch aus denen leuchten“ können, „die irren/verwirrt von der Zeit“. Frieds Frau Catherine Boswell, meinte, es sei für ihren Mann „fast ein Kreuzzug“ gewesen, Kühnen zu überzeugen. Thomas Wagner aber findet in seinem Buch andere Gründe dafür, warum Fried die außergewöhnliche Beziehung eingegangen ist. Der Dichter selbst hatte davon erzählt, wie er als Schüler in seinem Kameraden nicht nur die Hitlerjungens erlebt hat. Mutmaßlich sah er auf Kühnen, wie auf einen Sohn, dem man alles verzeiht. Vor allem aber war Fried Herzenshumanist. Einer, der, wie die Theologin Dorothée Sölle in ihrem Nachruf auf ihn, den bekennenden Atheisten, schrieb, wie kaum jemand sonst, so klar zwischen Sünde und Sünder unterschieden habe. Im Fall von Kühnen, wurde Fried dafür von der „FAZ“ allerdings als „Neu-Nazi“ beschimpft. Sein Verleger Klaus Wagenbach nannte ihn „durchgeknallt“. Und sonst: Kopfschütteln. Über Kühnen kursierten derweil übelste Karikaturen, vom Ludwigshafener Chemielaborant Ernst Tag in der Nazi-Szene verbreitet, Kühnen als „tuntige Witzfigur“ in Strapsen dargestellt, eine Kette um den Hals samt Davidstern, die als Geschenk von Erich Fried ausgewiesen war. Was die beiden hauptsächlich verbunden habe, schreibt Wagner in seinem nahegehenden Buch, sei gewesen, dem jeweils anderen eine aufrichtige Motivation zu unterstellen. Kühnen schrieb ihm: „Idealisten können sich achten.“ Trotzdem irrlichterte er auch nach Frieds Tod noch im Gericht: „Die Kopfhaut einer Judenstirn ergibt ’nen prima Lampenschirm, Fiderallala“. Den Neo-Nazi zum Guten zu bekehren, ist dem Dichter nicht gelungen.
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