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Donnerstag, 18. Oktober 2018 Drucken

Meinung

Sarotti-Reklame: Ein Überrest aus vergangenen Tagen

Von Janine Arendt

(Foto: Capitol)

Gut, dass sich das Capitol Mannheim einer Diskussion über den "Sarotti-Mohr" an seiner Theke stellen will.

Rege Diskussionen finden sich unter den Posts auf Facebook, die sich mit dem Sarotti-Mohr im Capitol in Mannheim beschäftigen: Einige sehen in dem kleinen schwarzen Mann einen Angriff auf Dunkelhäutige, kritisieren das rassistische Bild, das durch das Aufhängen einer solchen Reklame transportiert werde und erinnern sich an Sklaverei und Kolonialismus. Andere finden die Diskussion übertrieben, der Sarotti-Mohr gehöre schließlich schon ewig dort hin und niemand interpretiere dort Rassismus hinein. Man wird ja wohl noch „Mohrenkopf“ und „Zigeunerschnitzel“ sagen dürfen…

Warum jetzt? Das dürften sich auch die Leute fragen, die seit Jahren im Capitol ein und aus gehen oder bei Veranstaltungen unbedarft ihre Getränke an der Sarotti-Theke bestellen. Keiner hat sich wohl bisher daran gestört, dass das Sarotti-Logo an der Bar angebracht ist. Seit über 40 Jahren – übrigens. Oder hat es nur niemand geäußert? Mit Sicherheit werden sich schon Menschen an der Darstellung gestört und sich vielleicht sogar diskriminiert gefühlt haben. Genauso wie es Menschen gibt, denen in all den Jahren die Reklame über der Theke völlig egal war.

Werbung als ein Stück Geschichte

Ein ähnliches Beispiel: Alte Reklameschilder sind schick. Deshalb gibt es immer mehr Bars oder Kneipen, die die Emailleschilder als Dekoration benutzen. Viele Frauen wird es da schon gegeben haben, die sich an manchen Überbleibseln aus der Werbung stören konnten. Bier, Waschmittel oder Zigarettenwerbung wurde eben nicht immer so gemacht, wie wir sie in der heutigen Zeit, in der emanzipierte Frauen nicht mehr nur fürs Wäschewaschen zuständig und Dunkelhäutige keine Sklaven mehr sind, verwenden würden. Genau das ist der Punkt – auch Werbung ist Geschichte.

Geschichte hat(te) auch die Marke „Sarotti“. Seit 1918 ist der Mohr mit Pluderhosen, Schnabelschuhen, Turban und Tablett das Markenzeichen der Schokoladenfirma. Sogar die NS-Zeit hat die Figur überdauert – bis 2004. Da verwandelt sich der Mohr in den Magier, wechselt seine Hautfarbe und jongliert von dort an mit Sternen, um das Stereotyp des dunkelhäutigen Dieners abzulegen.

Nach der „Mohrstraße“ benannt

Die Firma Sarotti muss übrigens nicht zwangsläufig an den Exotismus gedacht haben, als der kleine Mann zum ersten Mal auf der Pralinenschachtel erschien. 1872 wurde das Ladenlokal der damaligen Firma in die Mohrenstraße in Berlin verlegt. Deren Name - so erklärt es die Firma auf ihrer Website - inspirierte vermutlich auch zur Wahl des Mohren im Logo. Und selbst wenn es andere Hintergedanken gab, war das für die damalige Zeit normal. Viele Kaffee- und Schokoladensorten warben mit exotischen Figuren. Geschichte darf man nie mit heutigen Maßstäben vergleichen und Werbung nicht aus unserer Sicht heraus interpretieren.

Geschichte hat natürlich auch der Mohr selbst als Figur. Die ist auch nicht vorbei, nur weil der Sarotti Mohr jetzt ein hellhäutiger Sarotti-Magier ist. In Wappen, Gaststätten- und Straßennamen und auch bei anderen Unternehmen bleibt der Mohr fest verankert. Papst Benedikt XVI. hat einen Mohr in seinem Kardinalswappen, im Unterallgäu gibt es einen Ort „Mohrenhausen“, in vielen Städten gibt es Gaststätten „zum Mohren“. Rassismus –nein? Bei Schokolade … schon? Schließlich musste auch der „Mohrenkopf“ Platz machen für den „Schokokuss“.

Nostalgische Dekoration

Für das Capitol ist es reine Tradition, dass die Lichtreklame über der Theke hängt. Ein Überrest, der zufällig schon da war und blieb. Einer, der mit den Vorwürfen, rassistisch zu sein, nicht mal etwas zu tun haben muss.

Das Schild hat historischen, vielleicht auch nostalgischen (und sogar hohen materiellen) Wert, aber steht nicht – nur weil es dort hängen geblieben ist - im Zusammenhang mit der Philosophie des Unternehmens. Genauso wenig wie eine Bar, die alte Persil-Werbeschilder aufhängt, zwangsläufig ein eingeschränktes Frauenbild haben muss. Nicht jedes Bild oder Poster, das ich in meiner Wohnung aufgehangen habe, passt in allen Interpretationen zu meiner persönlichen Einstellung. Manche sind einfach nur schöne Deko oder haben farblich gut zur übrigen Einrichtung gepasst.

Kein „totaler Unfug“

Das Capitol will sich jetzt den unterschiedlichen Meinungen in der öffentlichen Diskussion stellen. Das ist auch gut so und funktioniert besser als über unkontrollierbare Diskussionen auf Facebook. „Totaler Unfug“ wie einige Facebook-User schreiben, ist die Debatte trotzdem nicht. Wo sich Menschen angegriffen oder verletzt fühlen, muss auch darüber gesprochen werden dürfen.