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Sonntag, 14. April 2019 Drucken

Ich sehe das ganz anders

Kolumne: Die stolzen "Do-it-yourself"-Typen namens Helbert

Von Sigrid Sebald

(Karikatur: Boiselle)

„Helbert!“ rief der Patensohn meines Mannes stets mit Nachdruck, als er noch kleiner war, der Patensohn, nicht der Mann. „Helbert!“ hieß „Geh weg, ich will das selbst machen, auch und gerade, wenn ich es nicht kann, es ist mein Recht!“ Helbert Schuhe anziehen, helbert Brot schneiden, helbert aufs Klo. Er war zum Fressen, ist es immer noch. Helbert machen ist bei mir also nicht grundsätzlich negativ besetzt. Eigentlich gar nicht. Zuweilen mache ich auch gerne mal was helbert, zum Beispiel Schuhe anziehen.

Der „Do it yourself"-Typ oder auch Helbert genannt

Sachen selbst machen, ohne Hilfe von außen, ist an sich eine feine Sache. In letzter Zeit beschleicht mich aber das Gefühl, dass ein neues Gesetz herausgekommen ist, das an mir vorbeiging. Der Gesetzestext ist mutmaßlich international und lautet: „Do it yourself and tell it to all the others“. Alles wird selbst gemacht, Zäune, Sandkästen, Schränke und Papier, Essen und Dekorationen sowieso. „Das haben wir selbst gemacht“, lautet der Hinweis, seit ein paar Jahren geht das schon so.

 

Die Helberts wollen Anerkennung

Lange wusste ich nicht, was ich dazu sagen soll, außer „ach“ oder „echt?“. Inzwischen ist mir aber klar, was die Helberts wollen. So wie einst der kleine Patensohn zurecht Anerkennung erwartete, wenn sein Stinki ordnungsgemäß in der Schüssel gelandet war, so wollen nun auch erwachsene Selbermacher gelobt werden. Sie haben sich wochenlang im Keller eingesperrt bei (selbstgebackenem) Brot und Wasser aus der hauseigenen Zisterne, um sich selbst einen hölzernen Bettrahmen zu zimmern, und da ist es wohl nicht zu viel verlangt, dass Besucher die neue Schlafstatt bewundern, sich hineinlegen, hin und her wälzen und ein ums andere Mal ausrufen: „DAS hast du selbst gemacht?! Ja, Wahnsinn!!!!“ Und weiterwälzen. Die Matratze pikst, weil von der Gattin helbert mit Stroh gestopft. Das Laken muss noch genäht werden. Mit der selbstgebauten Nähmaschine.

 

Die Läden müssen schließen, wenn jeder alles selbst macht

Früher war es ja so: Leute, die sehr gut Betten und sonstiges bauen können oder auch perfekt Brot backen oder Wasser in Flaschen abfüllen, haben daraus einen Beruf gemacht. Sie verkaufen profimäßig ihre Produkte an Leute, die beruflich beispielsweise am Computer sitzen oder Schornsteine reinigen. Weil, so der Gedanke, letztere keine Zeit und vielleicht auch keine Lust haben, selbst Betten zu schnitzen und Brot zu backen oder umgekehrt. Möglicherweise wissen sie auch gar nicht, wie das geht. Also wird verkauft und gekauft, ein Kreislauf mit hohem Nutzwert für alle Beteiligten. Und jetzt kommt der springende Punkt: Wenn jeder alles selbst macht, von der Steuererklärung bis zum Schrank, dann wackelt nicht nur der Schrank, sondern das ganze System. Bäckereien müssen schließen, Nähmaschinenhersteller Konkurs anmelden, Steuerberater in Lumpen gehen. Wollt ihr das, Helberts?! Denkt mal drüber nach!

 

Ihr müsst nicht gleich alles sein lassen, aber ...

Ihr müsst ja nicht gleich alles sein lassen. Einmal Marmelade einkochen zwingt Schwartau nicht gleich in die Knie. Und wenn ihr eine innere Leere verspürt, wenn ihr die Butter nicht selbst stampft, dann bitte: Stampft, bis das selbstgedrechselte Butterfässchen wackelt und sich ein Kater auf die Oberarm-Muskeln legt. Aber leise, wenn’s geht. Erzählt nicht bei jeder Gelegenheit von der Stampferei und wie bereichernd die ist und wie gut die Butter schmeckt, die selbstgestampfte Butter, viiiieeel besser als die gekaufte, die möge man gar nicht mehr, wenn man einmal die selbstgestampfte gegessen hat, das stimmt nämlich gar nicht, das habe ich selbst probiert. Ich will eure Gefühle nicht verletzen, aber es sieht ja nun mal so aus: Gekaufte Produkte sind nicht nur volkswirtschaftlich, sondern zuweilen auch durchaus geschmacklich die bessere Wahl. Wer einmal nach dem Verzehr von selbstgemachtem Bärlauch-Pesto ahnte, was Kühe beim Grasen schmecken, weiß, wovon ich rede.

 

Gekauften Kuchen zum Kaffeekränzchen mitbringen geht gar nicht

Ich kenne eine Frau, die mal nach dem Rezept eines köstlichen Kuchens gefragt wurde. Der Kuchen war gekauft, und die Frau sagte: „Öhm, ja, das Rezept, das habe ich jetzt grad … vergessen.“ Dabei hätte sie doch selbstbewusst antworten können, dass sie den Kuchen beim Bäcker um die Ecke gekauft hat, um den guten Mann nicht arm zu machen. Ich verstehe sie aber auch. Etwas nicht selbst zu machen ist ein angstbesetzter Vorgang. „U-huu, sie hat Kuchen gekauft, geht ja GAR nicht“, raunt es da schnell mal durchs Kaffeekränzchen. Doch. Geht. Hervorragend sogar.

 

Ich mache es inzwischen so: Wenn ich was selbst mache, fülle ich es umgehend in Gläser ab oder schweiße es in Plastik ein, klebe Etiketten namhafter Hersteller drauf, und wenn dann beim Essen jemand fragt: „Ist das selbst gemacht?“ verweise ich auf die Etiketten und wehre ab „Nein, nein, alles gekauft!“ Und wenn dann jemand meint, das habe er sich schon gedacht, aber es sei ja wahrscheinlich eine Notlösung, schmettere ich ihm laut entgegen: „Helbert!“

 

Die Autorin

Sigrid Sebald (50) ist seit 2000 RHEINPFALZ-Redakteurin in Zweibrücken, wo sie mit Mann und Tochter auch lebt. Über die Beiträge für die „Zweibrücker Rundschau“ hinaus schreibt sie regelmäßig in der RHEINPFALZ-Sommererzählreihe sowie Weihnachtsgeschichten.

 

Die Kolumne

Sigrid Sebald und Christine Kamm schreiben abwechselnd in der Online-Kolumne "Ich sehe das ganz anders" über die großen und kleinen Überraschungen sowie Absurditäten des Alltags.