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Dienstag, 16. September 2014 Drucken

Südwest

Kleine Herde, große Titel

Arbeiterwohlfahrt lässt kirchliche Splittergruppe in Kapelle eines saarländischen Altenheims – Bistum Speyer will sich nicht einmischen

Von Christoph Hämmelmann

 

St. Ingbert/Speyer. Konfessionskundler nennen sie Vaganten: selbst ernannte Seelsorger, die katholischen Pomp lieben, klangvolle Titel führen und immer neue Mini-Kirchen gründen. Eine Gruppe aus dieser schillernden Szene hat nun eine Heimat im Saarland: In einem Altenheim der Arbeiterwohlfahrt in St. Ingbert darf sie die Kapelle benutzen – so wie die etablierten Großkirchen. Die Diözese Speyer hat Bedenken, mischt sich aber nicht ein.

 

 

Rotes Gewand, goldenes Brustkreuz, violettes Scheitelkäppchen: Der Mann am Altar sieht aus wie ein hoher katholischer Geistlicher, doch mit der Papstkirche hat er nichts zu tun. Karl-Michael Soemer leitet von Paderborn aus die „Unabhängig-katholische Kirche“ (UKK), nennt sich Erzbischof und hat, was einem solchen gebührt: ein eigenes Wappen, eine Hauskapelle, einen ihm unterstellten Klerus. Neben einem Regionalbischof und einem Bischofsvikar nennt die Internet-Seite der Gemeinschaft noch einen Diakon und zwei Priester. Einer sitzt in Koblenz, der andere im Saarland. Er heißt Frank Trenz.

„Eine Handvoll“ Gläubige hat Trenz nach eigenen Angaben um sich geschart. Mit ihnen darf er eine vergleichsweise repräsentative Kapelle benutzen: Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) überlässt ihm den Andachtsraum ihres Altenheims in St. Ingbert. Und damit einen Ort, an dem auch protestantische Gottesdienste stattfinden. Und römisch-katholische. Für die ist die Diözese Speyer zuständig, zu der dieser Teil des Saarlands gehört. Offiziell will sie nichts gegen die neuen Mitbenutzer einwenden.

Ein Bistumssprecher sagt: Was in der Kapelle passiert, entscheide der Eigentümer, also die Awo. Und daran werde nicht gerüttelt. Einem irritierten Gläubigen gegenüber hatte sich ein Mitarbeiter der Diözese schon deutlich kritischer geäußert, in einer E-Mail Mitte Juli von einem „Problem“ geschrieben. Und erklärt, dass in Speyer über eine mögliche Lösung nachgedacht werde: Die Diözese könnte mit der Awo eine „Nutzungsvereinbarung“ aushandeln. Die hätte wohl festschreiben sollen, wer in die Kapelle darf – und wer nicht.

UKK-Priester Trenz bezeichnet seine Gemeinschaft am liebsten als „katholische Freikirche“. Aber er räumt ein: „Andere würden Vaganten sagen.“ Dieser Begriff steht für eine schillernde Szene immer neuer Kleinst-Kirchen. Deren Oberhäupter leiten ihre Würde aus einer Art Weihe-Kette ab, die über mehrere Stationen zu einem regulären katholischen Bischof zurückführt.

Katholische Theologen beeindrucken solche klerikalen Stammbäume nicht. Selbst wenn sie sich – wie der Hochschullehrer Burkhard Neumann – dem Dialog mit anderen christlichen Gemeinschaften verschrieben haben. Der Direktor des Paderborner Möhler-Instituts für Ökumenik sagt: „Irgendwo haben wir noch einen Ordner. Da haben wir ein bisschen was über solche Gruppen gesammelt, als es noch kein Internet gab.“ Heute verrät es das Netz: Mancher Vaganten-Geistliche wollte katholischer Priester werden, scheiterte in der Ausbildung. „Sie holen sich auf diesem Weg, was sie anders nicht bekommen konnten“, sagt Neumann. „Oft stehen dahinter tragische Schicksale. Aber das Ergebnis ist dann eher skurril.“

In München hält sich schon seit Jahrzehnten die „Freikatholische Kirche“. In Statuten hat sie detailliert geregelt, welche Zeichen ihrer jeweiligen Würde ihr Primas-Erzbischof, ihr Erzbischof-Koadjutor und ihre übrigen Bischöfe tragen. Trotzdem haben sich ihre Kirchenfürsten vor ein paar Jahren mit Vorwürfen überzogen, für abgesetzt erklärt oder bezweifelt, dass ihre jeweilige Weihe überhaupt jemals „gültig“ gewesen sei – ein Streit, in dem irgendwann auch die Stellung des damaligen UKK-Oberhaupts angezweifelt wurde.

Trenz kennt diese Geschichten. In die katholische Großkirche zieht es ihn trotzdem nicht: „Die würde uns ja nicht als Priester anerkennen.“ Außerdem wirft er ihr Heuchelei vor: „Zwei Drittel aller katholischen Priester sind homosexuell, aber das wird vertuscht.“ Die UKK segnet auch gleichgeschlechtliche Verbindungen. Und beerdigt Leute, die aus der Kirche ausgetreten waren. Ein kleines Grüppchen bleibt sie trotzdem. Trenz berichtet: „Die Angehörigen sagen hinterher Dankeschön, aber sie kommen nicht wieder.“

Doch seine Gottesdienste in der Awo-Kapelle besuchen neben den paar Anhängern auch Heimbewohner. Zu Pfingsten hat die Truppe dem Andachtsraum eine neue Orgel beschert, ihre Weihe bekam sie vom UKK-Oberhaupt Soemer. Trenz schätzt seinen Erzbischof unter anderem, weil er szenetypischen Streitereien meidet. Von der szenetypischen Titelhuberei hingegen könnte er noch weiter abrücken, meint der Saarländer. Immerhin: Abgerüstet hat der oberste UKK-Hirte schon. Sein Vorgänger begnügte sich nicht mit Brustkreuz, Scheitelkäppchen und dem Titel Erzbischof. Er ließ sich obendrein Metropolit und Primas nennen.

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