Kleinfischlingen
Füchse auf Privatgrundstück machen Nachbarn das Leben schwer
„Ich weiß nicht mehr weiter“, sagt Birgit Reise resigniert. Seit gut drei Jahren beschäftigt sie ein Fuchsproblem. Die rotgefärbten Wildtiere mit dem strengen Geruch hätten es sich auf dem Nachbargrundstück gemütlich gemacht, berichtet sie. „Ich fühle mich daheim eingeschränkt in meiner Freiheit.“ Im Sommer setze sie sich nicht mehr allein auf ihre Terrasse, nur wenn ihr Mann oder Sohn dabei seien, traue sie sich noch dorthin. Dabei hat das Ehepaar erst vor fünf Jahren seinen Garten neu herrichten lassen, wie Reise erzählt. Ist sie allein, weiche sie lieber auf den Balkon aus, weil es im Garten überall raschele. Und das komme nicht von ungefähr.
Schon einige Male hat die Kleinfischlingerin Füchse gesehen, die sich vom verwilderten Nachbargelände auf ihr Grundstück verirrt haben. Reise ist sich sicher, dass es mittlerweile vier Fähen (weibliche Füchse) sind, die zwischen den Gesteinsresten einer ehemaligen Scheune einen Lebensraum gefunden haben und im Frühjahr ihre Jungen aufziehen. Von dort aus streiften die Füchse durch die Anwohnergärten, hinterließen Exkremente auf dem Hof und vor der Eingangstür. Reise erzählt: „Ich hab einmal morgens die Tür aufgemacht, da sind drei oder vier Füchse vorbeigerannt.“ Einer sei sogar hoch auf die Treppe gestiegen, da habe sie schnell wieder die Tür verschlossen. Ein anderes Mal habe sie im vergangenen Sommer bei Nachbarn auf der Terrasse gesessen, als eine Füchsin vorbeizog.
Erbin kümmere sich nicht um Grundstück
Mit ihrem Problem sind die Reises nicht allein. „Die Nachbarschaft sieht das genauso wie wir“, erzählt sie. Für alle seien die Wildtiere ein Problem. „Ich habe wirklich nichts gegen Füchse, aber auf meiner Terrasse möchte ich sie nicht haben.“ Weil die Kleinfischlingerin nicht mehr weiter weiß, hat sie sich dazu entschieden, mit der Angelegenheit an die Öffentlichkeit zu gehen. „Ich wohne gerne in unserer Gemeinde. Unser Haus steht aber leider am falschen Ort. Niemand will oder kann uns angeblich helfen“, schreibt sie in einem Brief an die Redaktion. Doch woher rührt das Fuchsproblem überhaupt?
Das Gelände, um das es geht, ist nach Reises Angaben total vermüllt. Der frühere Eigentümer sei vor einiger Zeit verstorben. Die Erbin, die nicht im Dorf wohnt, kümmere sich nur unzureichend um das Grundstück. Vor etwa zwei Jahren sei zudem der Giebel der Scheune des einstigen landwirtschaftlichen Anwesens eingestürzt. Ortsbürgermeisterin Regina von Nida berichtet auf Anfrage, dass der Giebel auf Einwirken der Gemeinde kontrolliert abgerissen worden sei.
Bald ist der Nachwuchs wieder da
„Jahrelang haben wir es im Guten versucht“, berichtet Reise. Sie habe schon so oft bei der Erbin angerufen und mit ihr geredet, doch wenn diese dann komme, passiere nicht viel. Zu dem Sachverhalt wollte sich die betroffene Eigentümerin auf Anfrage der RHEINPFALZ nicht äußern.
Reise fürchtet, dass schon bald der neue Fuchsnachwuchs da sein wird und weitere Junge durch ihren Garten streifen werden. Und nicht nur das: Sie glaubt, die Füchsin einmal gesehen zu haben, als diese die Fuchsräude hatte. Das Fell sei ganz dünn und verrupft gewesen, habe teilweise gefehlt. Die Fuchsräude ist eine Hauterkrankung, die durch die Sarcoptesmilbe verursacht wird. Diese Milben leben und vermehren sich in der Haut der Füchse und führen zu Reizungen, teilweise offenen Wunden und Fellverlust. In der Regel führt die Krankheit für den Fuchs innerhalb von drei Monaten zum Tod, sie kann jedoch auch ausheilen. Und: Die Fuchsräude ist hochansteckend und kann beispielsweise auch Hunde befallen.
Wohlfühlfaktor dank Nahrung und Deckung
Um dem verzweifelten Ehepaar Reise sowie den Nachbarn zu helfen und der Fuchsproblematik entgegenzuwirken, hat der zuständige Jagdpächter Gunter Doppler bereits eine Kastenfalle aufgestellt. Denn schießen dürfen Jäger im Ort nicht. Vier junge Füchse seien durch die Falle bereits gefangen worden, wie er sagt. An die älteren, erfahreneren Tiere heranzukommen, sei mit der Falle jedoch schwierig. Er verweist darauf, dass das bloße Wegfangen ohnehin keine Dauerlösung sei. „Das ist der optimale Lebensraum“, sagt er. „Sobald dieser frei wird, kommen die nächsten.“ Dass sich die Füchse auf dem betroffenen Grundstück so wohlfühlen, liege an zwei Faktoren: dem Nahrungsangebot und der Deckung. „Wenn das passt, kriegt man die Füchse nicht mehr weg“, erklärt der Jagdpächter. Es sei denn, der Lebensraum der Füchse würde zerstört, indem etwa aufgeräumt wird. „Wenn sie die Unruhe merken, würden sie sich was anderes suchen“, ist sich Doppler sicher. Denn ist die Fähe gedeckt, habe diese immer einen Ausweichplatz.
Verkotete Gärten und Terrassen, Verwesungsgeruch von toten Tieren, die bei der Aufzucht der Jungen angeschleppt werden – hygienisch ist der Bereich aufgrund der Problematik nicht. Reise berichtet, dass einmal eine Ratte in der Falle gewesen war, die ihrem Mann beinahe ins Gesicht gehüpft sei. Dieser habe bloß nachschauen wollen, welches Tier in der Falle war.
Subjektives Gefühl reicht für Abschuss nicht aus
Auch mit Ortsbürgermeisterin Regina von Nida stehen die Reises wegen des Fuchsproblems schon länger in Kontakt. „Die Bürgermeisterin hat sich sehr eingesetzt, aber ich glaube, irgendwo sind auch ihr die Hände gebunden“, erklärt Reise. Von Nida bestätigt auf Anfrage, dass sie bereits bei den unterschiedlichen zuständigen Ämtern bezüglich des Anliegens nachgefragt habe. Aber: „Wir kommen nicht weiter, weil es sich um ein Privatgrundstück handelt“, erklärt sie. Die Gemeinde habe sich intensiv bemüht, für das Grundstück eine optimale Lösung für alle Beteiligten zu finden. Leider bisher ohne Erfolg.
Bekannt ist der Fall sowohl dem Gesundheitsamt als auch der hiesigen Ordnungsbehörde, bestätigt die Kreisverwaltung Südliche Weinstraße auf Anfrage. „Neben den bereits mehrfach durchgeführten Versuchen, die Füchse mittels Lebendfallen einzufangen, ergeben sich keine weiteren jagdrechtlichen Möglichkeiten; insbesondere ist eine Erlaubnis zum Töten der Füchse mittels einer Schusswaffe innerhalb eines befriedeten Bezirks aus Sicherheitsgründen nicht möglich“, teilt diese mit. Das Gesundheitsamt und die Ordnungsbehörde würden erst dann tätig, „wenn aufgrund objektiver Anhaltspunkte eine konkrete Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung vorliegt.“ Der Verwaltung zufolge reicht „das subjektive Gefühl der Belästigung von Anwohnern“ dafür nicht aus.
Wann schreitet die Behörde ein?
Aber welche Gefährdung muss von einem privaten Grundstück überhaupt ausgehen, bis die Behörde einschreiten kann? „Werden Tatsachen festgestellt, die tatsächlich zum Auftreten einer übertragbaren Krankheit führen können, so trifft die zuständige Behörde die notwendigen Maßnahmen zur Abwendung der hierdurch drohenden Gefahren“, schreibt die Verwaltung. „Das schiere Vorkommen einzelner Tiere“ sei keine Befugnis, Schritte gegen den Willen des Grundstückseigentümers einzuleiten. Denn: Das Grundgesetz lege hohe Maßstäbe an, die einen behördlichen Eingriff in das Grundrecht auf Eigentum rechtfertigen.
Was lässt sich dann gegen das Fuchsproblem tun? Dazu teilt die Kreisverwaltung Folgendes mit: „Zu berücksichtigen ist, dass sich das Grundstück am Waldrand und angrenzenden landwirtschaftlichen Flächen befindet und somit ein gewisser Bestand an Wildtieren normal ist.“ Sie verweist abermals auf die beschränkten jagdrechtlichen Möglichkeiten und die Fallenjagd als einziges Mittel. Darüber hinaus gebe es in der Landesbauordnung keine Rechtsgrundlage, die einen Grundstückseigentümer verpflichten würde, sein Grundstück so einzuzäunen, dass es von keinen Tieren betreten oder verlassen werden kann. Erwähnt seien dort lediglich tierische Schädlinge wie etwa Holzwürmer, Termiten und Parkettkäfer.
Mit Wildtieren in der Nachbarschaft leben
Die Kreisverwaltung hat dafür jedoch einen anderen Ratschlag parat: Unter Einhaltung der heutigen gesetzlichen Rahmenbedingungen sei es nicht möglich, Füchse längerfristig von einem so günstigen Lebensraum wie dem Siedlungsgebiet fernzuhalten. „Längerfristig müssen wir lernen, mit den neuen Siedlungsbewohnern zu leben und einen sinnvollen Umgang mit diesen Wildtieren in unserer Nachbarschaft zu finden“, so die Verwaltung.
Reise ist über die Antwort fassungslos. „Dass die Behörde so was sagt, ohne dass jemand zu mir kommt, um sich das Ganze mal anzugucken, da fehlen mir die Worte. “
