Wirtschaft
Speyererin ganz oben im Verband der Unternehmerinnen
Jennifer Reckow, Informatikerin und geschäftsführende Gesellschafterin der 2002 von ihr gegründeten Beratungsgesellschaft Processline in Speyer, ist vor Kurzem in den vierköpfigen Bundesvorstand des Verbands der Unternehmerinnen (VdU) aufgestiegen. Seit 2014 war sie maßgeblich am Aufbau des Landesverbands Pfalz-Saar der bundesweiten Interessenvertretung beteiligt. Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte diese im Juni anlässlich des 65-jährigen Bestehens „die frauenpolitische Stimme der Wirtschaft“. Reckow stellte sich den Fragen von Judith Schäfer. Frau Reckow, ist der Verband deutscher Unternehmerinnen nur ein Frauenclub mehr, den keiner braucht? Der VdU zeichnet sich dadurch aus, ausschließlich Unternehmerinnen eine Plattform zum Netzwerken zu geben und zugleich die Stimme der Unternehmerinnen in Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit zu sein. Wir sind eben nicht ein Frauenclub, sondern eine wirtschaftliche Interessenvertretung und das größte Netzwerk für unternehmerisch tätige Frauen in Deutschland – aktuell sind 1800 Unternehmerinnen bei uns engagiert, die zusammen einen Jahresumsatz von 85 Milliarden Euro erwirtschaften und 500.000 Menschen beschäftigen. Warum die Geschlechtertrennung? Welche Probleme haben Unternehmerinnen, die sie in gemischt geschlechtlichen Vereinigungen nicht zur Sprache bringen könnten? Als Unternehmerinnen sind wir natürlich auch in gemischten Institutionen aktiv. Unsere Mitglieder finden es allerdings angenehm, auch mal in der Mehrheit zu sein und sich nur unter Frauen auszutauschen. Männer haben über Jahrhunderte Vereinigungen gepflegt, zu denen Frauen keinen Zutritt hatten und teilweise noch immer nicht haben. Unsere vergleichenden Umfragen mit dem Mittelstand zeigen übrigens, dass Frauen zwar überwiegend ähnlich im Unternehmertun handeln, es aber eben doch in einigen Fällen Unterschiede gibt. Da nehmen wir uns dann einfach die Freiheit, auch einmal unter Gleichen zu sein. Besonders groß scheint der Einfluss des Verbandes bisher ja nicht zu sein – zumindest macht er nicht viel von sich reden ... Der VdU hat in mehr als sechs Jahrzehnten an Gesetzesinitiativen politisch mitgewirkt wie zum Beispiel am Quotengesetz. Wir haben für eine Vertretung von Frauen in den Gremien der Wirtschaft gesorgt und sind auch international aktiv. Die Bundesregierung hat uns gebeten, gemeinsam mit dem Deutschen Frauenrat bei den G20 die frauenpolitischen Interessen zu vertreten. 2017 haben wir dann den Women20-Gipfel in Deutschland ausgerichtet und begleiten auch weiterhin diesen internationalen Dialog. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat uns im Übrigen in ihrer Begrüßungsrede zur diesjährigen Jahresversammlung als die Stimme der weiblichen Wirtschaft bezeichnet.
Verfolgt der Verband übergeordnete Ziele?
Der VdU steht seit 1954 für die frauenpolitische Perspektive in der Wirtschaft und die wirtschaftspolitische Perspektive in der Frauenpolitik. Wir haben zum einen einen Schwerpunkt bei unternehmerischen Themen wie Bürokratieabbau, Arbeitszeitgesetzgebung und Handelsfragen. Andererseits liegen uns die frauen- und familienpolitischen Themen wie Elternzeit, Betreuungsinfrastruktur und Entgeltgleichheit besonders am Herzen. Hier unterscheidet sich unsere Positionen zumeist von denen anderer Wirtschafts- wie auch Frauenverbände. Deutsche Unternehmerinnen – dürfen die eigentlich auch ausländische Wurzeln haben? Wir schauen nicht in die Geburtsurkunde! Der VdU steht für Diversität, wie auch unsere aktuelle Präsidentin Jasmin Arbabian-Vogel bestens belegt. Was sagen denn Unternehmer zu Ihrem Verband? Schon mal blöde Reaktionen gehört? Und falls ja: Fordern Sie die nicht geradezu heraus? Unternehmer sind meist etwas überrascht, dass der Anteil der selbstständigen Frauen so hoch ist. Jedes dritte Unternehmen wird aktuell von einer Frau gegründet. Frauen sind Anteilseigner ganz großer Unternehmen wie auch aktiv in der Start-up-Szene. Manche Unternehmer bedauern vielleicht, dass sie an unseren großartigen Zusammenkünften nicht teilnehmen dürfen.