Homburg / Karlsruhe
Nach dem Aus von Michelin: Absicherung für 1500 Menschen gesucht
Fast sein gesamtes Arbeitsleben lang ist Joachim Jordan täglich aus der Pfalz nach Homburg gefahren – zum Michelin-Werk. Dort hat er sich in vier Jahrzehnten hochgearbeitet in eine Leitungsfunktion. Schließlich hat er den Vorsitz im Betriebsrat übernommen. Vor gut drei Wochen hat Jordan seinen 60. Geburtstag gefeiert. Doch die Freude war getrübt. Nie und nimmer hätte sich der Mann aus Breitenbach im Kreis Kusel träumen lassen, dass er zum Ende seiner Laufbahn als Micheliner einen Sozialplan für 850 Kollegen aushandeln muss. So viele müssen gehen, weil Michelin zwei Drittel des Werks Homburg schließt.
Der Reifenhersteller streicht darüber hinaus 600 Arbeitsplätze in Karlsruhe und 90 in Trier, weil er die dortigen Werke komplett dichtmacht. Die Belegschaften aller drei Standorte reagierten auf die Hiobsbotschaft vom November, indem sie im Februar einen Alternativplan vorlegten. Der sah vor, die Effizienz in allen drei Werken erheblich zu steigern, die Energiekosten zu senken und einen Großteil der bedrohten Arbeitsplätze zu erhalten. Mitte März, just an Jordans 60. Geburtstag, erfuhren die Michelin-Beschäftigten dann, dass das Unternehmen das Alternativkonzept ablehnt und an seinem ursprünglichen Plan festhält.
„Wir wollen den kompletten Blumenstrauß“
In diesem Moment war Jordan klar: „Jetzt kann es nur noch darum gehen, für unsere Leute das Bestmögliche herauszuholen.“ Als Mitglied des Gesamtbetriebsrats sitzt Jordan nun in der Kommission, die einen Sozialplan für die Beschäftigten aushandelt, die ihren Arbeitsplatz noch dieses oder im Laufe des kommenden Jahres verlieren. Unterm Strich trifft es rund 1500 bisherige Micheliner – und deren Angehörige.
Für die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) verhandelt deren Bezirksleiter Matthias Hille den Sozialplan mit aus. Als Ziel nennt er: „Wir wollen den kompletten Blumenstrauß.“ Sicher gehe es darum, möglichst hohe Abfindungen auszuhandeln. Aber das sei nicht alles. Es gehe vielmehr darum, jedem Beschäftigten in seiner jeweiligen Lebensphase zu helfen. Hille formuliert das so: „Ich will, dass die Leute am Ende sagen können: Ich habe eine Zukunft.“ Natürlich werde um eine „Entschädigung für den Verlust des Arbeitsplatzes“ gerungen. Aber der Ansatz sei breiter. Die Arbeitnehmerseite strebe an, „eine Absicherung für die Menschen zu erreichen“. Für den einen könne das Geld sein, für den anderen ein neuer Job, für den Dritten eine Ausbildung oder eine Qualifizierung. Für Mitarbeiter, die aufs Rentenalter zumarschieren, gehe es darum, „eine Brücke bis zur Rente zu bauen“. Für die Mittelalten, die noch 10 bis 15 Jahre Arbeitsleben vor sich haben, könne es die neue Arbeitsstelle sein. Für die Jungen, um die 30, die ein Häuschen abzubezahlen und eine Familie zu ernähren haben, könne der Wechsel in eine Transfergesellschaft, verbunden mit einer Weiterqualifizierung der Weg sein.
„Keine Völkerwanderung“ nach Bad Kreuznach
In Rheinland-Pfalz gibt es ein Michelin-Werk, das bei der Umstrukturierung des Konzerns ungeschoren bleibt. Es steht in Bad Kreuznach. Dort produzieren rund 1600 Mitarbeiter Neureifen für Personenwagen. Matthias Hille erwartet nun „keine Völkerwanderung“ von Homburg, Karlsruhe oder Trier in Richtung Bad Kreuznach. Denn erstens sei die Entfernung dann doch etwas zu weit. Und zweitens sei das Werk Bad Kreuznach so „gut aufgestellt“, dass nicht unbedingt Hunderte Mitarbeiter dringend gesucht würden. Hille rechnet damit, dass „vielleicht ein paar Dutzend, wenn es gut läuft“, aus Homburg, Trier und Karlsruhe nach Bad Kreuznach wechseln werden.
Auf Anfrage teilte Michelin mit, dass das Unternehmen das Alternativkonzept der Arbeitnehmer „sorgfältig geprüft“ habe. „Einige der Vorschläge enthalten interessante Ideen, die weiter untersucht“ würden. Andere Vorschläge, die auf den Erhalt von Arbeitsplätzen zielten, seien indes „aus wirtschaftlicher Sicht nicht tragfähig“ oder widersprächen der „Geschäftsstrategie von Michelin“.
Es war nicht der Strompreis
Doch was sind die Gründe für den harten Schnitt des Reifenherstellers der weltweit 120.000 Mitarbeiter beschäftigt? Michelin selbst argumentiert, die Produktion von Neureifen und Vorprodukten in den drei betroffenen deutschen Werken sei nicht mehr rentabel. Liegt das daran, dass der Strompreis in Deutschland zu hoch ist?
Gewerkschafter Hille sagt, natürlich fordere er von der Politik einen tragbaren Industriestrompreis. Aber zum konkreten Fall sagt er: „Ich glaube nicht, dass ein Industriestrompreis geholfen hätte, Homburg zu retten. Es geht Michelin um die Konzentration auf bestimmte Standorte.“ Zum Beispiel: Trier und Karlsruhe hätten viel für den nordamerikanischen Markt produziert. Michelin produziere Lkw-Reifen für den dortigen Markt künftig aber vor Ort in Übersee. Das sei eine jener strategischen Entscheidungen von Michelin, gegen die Arbeitnehmer in Deutschland nichts ausrichten könnten.