BASF
Fern-Lehre mit dem Laptop
Facetime, Whatsapp, Webex: die Vokabeln kommen Nicolai Bölke ganz selbstverständlich über die Lippen. Die elektronischen Kommunikationskanäle sind das große Fenster in die Arbeitswelt derzeit für den Auszubildenden zum Chemikanten im ersten Lehrjahr bei der BASF – nicht erst seit Corona: Die BASF-Ausbildung hatte bereits davor digitale Lernmodule und -methoden eingeführt. Am Standort Ludwigshafen lernen angehende Chemikanten, Anlagen- und Industriemechaniker, Elektroniker und Mechatroniker, wie Tablets und QR-Codes die Wartung von Anlagen unterstützen. Auch Virtual-Reality-Brillen, mit denen man quasi durch eine Anlage durchlaufen kann, 3D-Druck und Hololens, die dreidimensionale Projektionen in einer natürliche Umgebung erlaubt, werden in der Ausbildung eingesetzt – wie im Alltag auch.
Meist beginnt für Bölke und seine Kollegen der Tag gegen 7.30 Uhr mit einer Videokonferenz. Wäre er im Betrieb, hätte er bereits um 5.20 Uhr im Zug aus der Südpfalz Richtung Ludwigshafen gesessen. Der Ausbilder erteilt die Arbeitsaufträge, die im Lauf des Tages erledigt werden sollen – teils von jedem der Nachwuchskräfte allein, teils in der Gruppe. Hilfe untereinander erfolgt ebenfalls digital: Der Lingenfelder ist mit seinen Jahrgangskollegen per Whatsapp-Gruppe in Dauerkontakt. „Über das Smartphone, das heute praktisch alle haben, ist jeder auch privat vernetzt“, sagt der junge Mann, der sich nach dem Realschulabschluss und einer Schlosserlehre sein zweites Standbein bei der BASF schafft. Er verweist auf die menschlichen Bindungen, die sich im Lauf der gemeinsamen Ausbildungszeit ergeben haben – und die nun eben virtuell gepflegt würden statt von Angesicht zu Angesicht.
Digitalisierung nimmt in der Dualen Ausbildung zentrale Rolle ein
Die große Welt des Internet: Sie ist für die Generation von Bölke selbstverständlich. Lernen mithilfe von Tablets, der Einsatz digitaler Lernmodule und ebensolcher -methoden sowie die stärkere digitale Verknüpfung der Lernorte Schule und Ausbildungsbetrieb stellen für die Digital Natives, zu denen Bölke zählt, kein Problem dar. Und genau das steht hinter dem Projekt DidA – Digitalisierung in der dualen Ausbildung. Seit gut einem Jahr setzen vier berufsbildende Schulen in Ludwigshafen, die BASF und weitere 22 Unternehmen der Region das Projekt um. Mit im Boot sind außerdem das Ministerium für Bildung in Mainz, die Stadt Ludwigshafen sowie das Pädagogische Landesinstitut. „In der dualen Ausbildung nimmt das Thema Digitalisierung eine Schlüsselrolle ein. Denn die Berufswelt von morgen wird digitaler sein. Darauf wollen wir unsere Azubis optimal vorbereiten, indem wir sie fit machen im Umgang mit digitalen Technologien“, sagte BASF-Arbeitsdirektor Michael Heinz zum Start des Projekts. Das Unternehmen wird das Projekt über den dreijährigen Projektzeitraum hinaus weiterführen. Lern-Apps, E-Books, Simulationen und Animationen, Prüfungsfragen in Form eines Quizduells – all das soll den Abzubildenden dabei helfen, dass sie sich mit Tablets Fachwissen leichter aneignen und beim flexiblen und individuellen Lernen unterstützt werden.
Und all das kommt den Klassen, die dafür von der BASF mit Tablets ausgerüstet werden, in Corona-Zeiten extrem zugute. Nicolai Bölke gehört zu den Pilotklassen, die ab 2018 mit iPads ausgerüstet wurden. So habe es in der betrieblichen Ausbildung täglich Rundgänge durch die Anlagen gegeben mit Tablets, auf denen wichtige Daten zum Anlagenbetrieb und -zustand abgerufen werden. Bölke ist froh, mit dem elektronischen Gerät ausgestattet und im Umgang damit geübt zu sein: „Das erleichtert das Arbeiten zu Hause um Einiges“, sagt der junge Mann. So könne er beispielsweise eine Plattform für Dokumente nutzen, in der Unterlagen für alle zugänglich abgelegt sind.
Die Praxis fehlt aber doch
Dennoch fehlt dem jungen Mann ein wesentlicher Teil der beruflichen Ausbildung: die Praxis im Betrieb. „Die Theorie kann ich zu Hause lernen.“ Für den Alltag „on the job“ aber gilt das nur bedingt. Denn da gibt: Von den Älteren lernen ist ein wesentlicher Teil der Ausbildung. Und Proben ziehen, Laborarbeiten erledigen, das geht eben nur praktisch.
Bis zu seiner Zwischenprüfung im Mai 2021 hat Bölke noch viel Zeit, um das, was er jetzt versäumt, nachzuholen. Diejenigen Auszubildenden, die demnächst Zwischen- und Abschlussprüfungen vor sich haben, sind bereits seit Anfang Mai zurück auf dem Werksgelände im normalen Schichtbetrieb. Die ehrenamtlichen Prüfer der Industrie- und Handelskammer (IHK) für die Pfalz haben deswegen über einige Wochen rappelvolle Terminkalender. Denn genauso, wie auf dem Ausbildungscampus die Räumlichkeiten verändert und die Lerngruppen verkleinert wurden, damit alle den notwendigen Abstand halten können, muss darauf nun auch bei den Prüfungen geachtet werden. Weswegen es mehr davon mit jeweils weniger Prüflingen geben muss.
„Ausbilder sind sehr flexibel“
Nicolai Bölke freut sich, trotz des früheren Aufstehens aufgrund des wieder anfallenden Fahrtwegs, auf die Rückkehr in den Betrieb, das Wiedersehen mit den Kollegen, die praktische Arbeit. Aber: „Im ersten Ausbildungsjahr sind wir das letzte Glied in der Kette.“ Aber natürlich nur hinsichtlich der Rückkehr ins Unternehmen. Der Auszubildende wisse umso mehr zu schätzen, dass seine Ausbilder jederzeit für ihn erreichbar seien, wie er berichtet: „Ich fühle mich sehr gut betreut“, lobt er. Auch seien die Ausbilder flexibel, nicht zuletzt dann, wenn es technische Probleme gebe. Dann werde ein Meeting eben um ein paar Stunden verschoben.
Die Bewerbungsphase für das Ausbildungsjahr 2021 ist angelaufen, und auch für das Jahr 2020 sind noch Plätze frei. Wie in der Ausbildung selbst, läuft das Verfahren rein virtuell. Auch die Eignungstests finden online statt, ebenso wie die Bewerbungsgespräche. Einen Lichtblick aber gibt es auch in Sachen Bewerbungsverfahren: Präsenztests finden wieder vor Ort im Werk statt – mit Abstand, versteht sich.