Wirtschaft
Bangen bei Bosch in Homburg: Jobs für viele Westpfälzer in Gefahr
Kurz nach der Jahrtausendwende brummte Bosch: 7300 Menschen standen damals im saarländischen Homburg in Lohn und Brot. Die meisten keine Saarländer, sondern Westpfälzer. Ohne Bosch wären in vielen Dörfern im Kreis Kusel ganze Neubaugebiete nie entstanden. Heute beschäftigen Bosch und Bosch-Rexroth noch 4600 Menschen in Homburg. Und Betriebsräte und Gewerkschaft fürchten, dass es bald weiter bergab geht.
Das hat zwei Gründe. Erstens Wasserstoff und zweitens Einspritzer. Die Homburger Belegschaft hatte vor der Corona-Krise erfolgreich dafür gekämpft, dass das deutsche Weltunternehmen Robert Bosch GmbH mit 430.000 Mitarbeitern und 91 Milliarden Euro Jahresumsatz eine Entwicklungsabteilung für den Bereich Wasserstoff in der Saarpfalz ansiedelt. Vor zwei Jahren führte Bosch im Werk Homburg dann ein Kleinkraftwerk von der Größe eines Gefrierschranks vor, das – wasserstoffbetrieben – eine Neubausiedlung oder eine Firma mit Energie versorgen kann. Es sollte in Serienfertigung gehen, mit wichtigen Komponenten „made in Homburg“. Um die 130 Leute arbeiten im Werk Ost schon im Bereich Wasserstoff.
Wasserstoffmotor stottert
Die Hoffnung von Werksleitung, Betriebsrat und der Industriegewerkschaft (IG) Metall war: Wasserstoff wird zur wichtigen Brückentechnologie zwischen dem Zeitalter des Verbrennungsmotors und Antrieben und Energielieferanten der Zukunft. Wasserstoff sollte auch das Zauberwort für die Transformation der Homburger Bosch-Werke sein. Die Idee: Wenn nach und nach die Anzahl der Beschäftigten in den Werkshallen sinkt, in denen Teile für den Verbrennungsmotor hergestellt werden, dann kann sie parallel dort steigen, wo sich alles um Wasserstoff dreht.
Doch die Entwicklung beim Wasserstoff stockt. Bosch begründet das damit, dass Deutschland die Infrastruktur für diese Technologie nicht schnell genug schafft. Bei Bosch ist davon die Rede, dass sich dadurch die Wasserstoffprojekte des Unternehmens um zwei bis drei Jahre verzögern. Laut Betriebsrat hat Bosch erklärt, den gesamten Bereich „auf den Prüfstand zu stellen“.
Pfälzer Betriebsratsspitze alarmiert
Das alarmiert Christian Rübel, den Vize-Betriebsratsvorsitzenden. „Wir gehen davon aus, dass die Wasserstoff-Komponente in Homburg in Gefahr ist“, sagt der 37-Jährige. „Wir haben die begründete Befürchtung, dass Bosch den Bereich nach China verlagern will.“
Neben Rübel führt ein weiterer Pfälzer den Bosch-Betriebsrat: Oliver Simon (62). Rübel wohnt in Konken, Simon in Dunzweiler, beides Dörfer im Kreis Kusel. Laut Betriebsratsboss Simon streicht Bosch derzeit Stellen von Spezialisten, nach denen das Unternehmen lange gesucht hatte: Ingenieure und IT-Fachleute. Für Simon ist das nur ein Zeichen von vielen dafür, dass Bosch damit liebäugelt, Produkte rund um Wasserstoff künftig in Asien zu entwickeln und zu fertigen.
„Billig, billig, billig – das kann doch nicht der Weg für Bosch sein“
Hier hakt IG-Metall-Sekretär Salvatore Vicari ein. „Billig, billig, billig – das kann doch nicht der Weg für Bosch sein“, kritisiert er. Das Unternehmen stehe in der Tradition seines Gründers Robert Bosch. Dieser habe Wert auf qualitativ hochwertigste Produkte gelegt, in Deutschland gefertigt von überdurchschnittlich entlohnten Mitarbeitern. Vicari gesteht den Werkleitern in Homburg zu, sich sehr für den Standort und die hier Beschäftigten einzusetzen. Das Problem aber befinde sich in der Zentrale des Konzerns in Stuttgart. Vicari wirft dem Spitzenmanagement vor, zu international zu denken und dabei die Werte und die Tradition von Robert Bosch zu vergessen.
Der zweite Grund, weswegen die Beschäftigten einen Stellenabbau in Homburg befürchten, ist mit dem Einspritzer, heute Injektor genannt, verbunden. Bei Dieselfahrzeugen sorgte früher eine Einspritzpumpe dafür, dass die richtige Menge Kraftstoff mit dem nötigen Druck zur Verbrennung in den Motor gelangt. Neben der Nockenwelle (für Benzinmotoren) hatte die Einspritzpumpe die Homburger Bosch-Werke groß und erfolgreich gemacht. Die Einspritzpumpe wurde von der sogenannten Common-Rail-Einspritzung abgelöst. Bei Bosch in Homburg macht die Herstellung dieser Einspritzer oder Injektoren bis heute einen wesentlichen Teil des Geschäfts aus.
Verlagerung nach China und in die Türkei?
Doch auch hier fürchten Betriebsrat und Gewerkschaft eine Verlagerung. Laut Betriebsratsvize Christian Rübel verlegt Bosch die Produktion der Injektoren für Motoren von Personenwagen schleichend ins Bosch-Werk Bursa in der Türkei. Das führe dazu, dass in Homburg nur noch etwa 200 Mitarbeiter in der Pkw-Injektoren-Fertigung tätig seien. Für Betriebsratschef Simon verstößt die Verlagerung der Produktion in die Großstadt südlich von Istanbul gegen Betriebsvereinbarungen. Und Simons Vize Rübel fürchtet nun sogar, dass Bosch in absehbarer Zeit auch damit beginnt, die Fertigung von Lkw-Injektoren leise in die Türkei zu verlegen. Für Homburg sicherte gerade der Lkw-Bereich Hunderte Arbeitsplätze. Rübel schätzt, dass 75 Prozent der Injektorenproduktion in Homburg auf solche für Lkw entfällt.
Simons Appell: Gemeinsam Lösungen finden
Für Betriebsratschef Volker Simon hat Bosch eine rote Linie überschritten. Das Unternehmen baue überall in Deutschland massiv Stellen ab und stärke dafür Standorte im Ausland. Das gefährde langfristig den Erfolg von Bosch. Simon fordert, dass Bosch „eine zweite Brücke der Transformation“ in Homburg baut. Wenn die erste Brücke, Wasserstoff, nicht oder nicht schnell genug trage, müsse eine andere Technologie her. Simon: „Dem Unternehmen geht’s gut, Bosch verdient richtig viel Geld“, der Konzern stehe deshalb in der Pflicht, seiner Verantwortung für die Beschäftigten gerecht zu werden. Simon fordert den Stopp der Verlagerung von Produktion nach Bursa und die Aufnahme von Gesprächen über die Zukunft der Werke in Homburg. Mit Blick auf das Aus für den Verbrennermotor sagt er: „Wir wollen klären: Was passiert bis 2035 am Standort? Welche Produkte stellen wir hier her? Und was passiert danach? Welche Produkte machen wir dann?“ Lösungen ließen sich nur gemeinsam finden.
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