Germersheim
Skulpturengarten im Festungsgraben von Fronte Beckers
Zwei Dutzend Jahre später ist der „geistige Hintergrund“ des denkwürdigen Künstlertreffens noch immer präsent. „Skulpturenweg“ steht auf einem bescheidenen Schildchen beim Protestantischen Kindergarten, und dort steigt man hinunter in eine andere, ruhige Welt. Zwischen Infanteriegalerie und Minengalerie erstreckt sich der Festungsgraben der Fronte Beckers. Hier kann der Spaziergänger auf wenigen hundert Metern besichtigen, was damals schwitzende Künstler mit Hammer, Meißel und Fäustel aus großen Sandsteinbrocken schlugen.
Da ist zum Beispiel die „Kniende Figur“ von Georg Ahrens, eine der größten Skulpturen des Wegs, die etwas erhöht auf einem kleinen Hügel steht. Tonnenschwer kommt sein Geschöpf daher, das Gewicht des Steins scheint sich auch in der Körperhaltung widerzuspiegeln. Die menschliche Statur ist zwar erkennbar, aber aufs Äußerste reduziert.
Geselliger Typ aus dem Norden des Landes
Der Spaziergänger, der dem Weg folgt, kann eine kniende oder sitzende Gestalt wahrnehmen, wenn auch stark abstrahiert. Sobald er aber den archaisch dargestellten Körper näher erkunden will und die Skulptur umrundet, löst sich das Motiv immer mehr auf und der Betrachter erlebt aus jeder Perspektive eine andere Ausdrucksform. Mal sieht man den fast unbearbeiteten Stein – Urgestein im wirklichen Sinn des Wortes – mal einen glatten Block, in dem noch die Ausbohrungen des Gesteins zu erkennen sind.
Georg Ahrens, der aus Weibern-Wabern ganz im Norden von Rheinland-Pfalz kommt, ist dem künstlerischen Leiter des Symposiums, Karl-Heinz Deutsch, als geselliger Typ in Erinnerung, der sich nach einem harten Arbeitstag abends am Pfälzer Wein erfreute und schon mal eine ganze Runde im Gasthaus unterhielt.
Kosmisches Jahrhundertereignis
Im Gegensatz zu dem Knienden, der eine schwere Last zu tragen scheint, hat der italienische Teilnehmer am Symposium, Villi Bossi, Bewegung abgebildet. Er ließ sich inspirieren vom Kometen Hale-Bopp, der damals zu Zeiten des Symposiums die Menschheit faszinierte, entzückte und ängstigte – ein kosmisches Jahrhundertereignis. Der leuchtend helle Schweifstern, der Monate lang mit bloßem Auge zu sehen war und erst in gut 2000 Jahren wieder in Erdnähe kommt, ist größer als jeder andere bekannte Komet. Abergläubischen Menschen galt er als Vorbote kommenden globalen Unglücks.
Man erkennt in Villi Bossis Werk, das „Sotto (unter) Hale-Bopp“ betitelt ist, eine sanft geschwungene Erdzone wie eine Art Gefäß für den Kugelleib und Schweif des Kometen, der realistisch dargestellt ist. Beim Betrachten könnte man ins Philosophieren kommen – etwa über die Kurzlebigkeit der Menschen und der Erde angesichts der Unendlichkeit des Universums.
80 Tonnen Stein in Graben gehievt
Klaus Raithel, früherer Kulturamtsleiter von Germersheim, und der Jockgrimer Künstler Karl-Heinz Deutsch, die das Symposium organisiert hatten, erinnern sich noch lebhaft an die fünf Wochen, als zehn Bildhauer aus Deutschland, Italien, Kroatien und Luxemburg in Fronte Beckers tätig waren. Deutsch, der selbst mithämmerte, hatte zuvor in einem Steinbruch bei Kaiserslautern zehn große rote Sandsteinblöcke ausgesucht. Gesamtgewicht: 80 Tonnen. Der schwerste Brocken wog elf Tonnen. Dann rollten Tieflader an, und ein Riesenkran hievte in einer spektakulären Aktion die Steine auf ihren Platz im Festungsgraben.
Nun machten sich die zehn Männer ans Werk, jeder auf seine Art und mit seinem speziellen Charakter. Raithel und Deutsch erinnern sich an „den Revoluzzer“, der allen auf die Nerven ging, an ruhige Zeitgenossen und fröhliche Alleinunterhalter. Die Bildhauer blieben nicht allein. Schulklassen und Kindergartengruppen tauchten in der Festung auf, und die jungen Besucher machten große Augen. „Die Kinder haben zum Teil kleine Brocken mitgenommen und selber gehämmert“, erinnert sich Deutsch. Viele Germersheimer kamen fast täglich vorbei, um die Fortschritte zu bestaunen. Eine ältere Dame brachte jeden Morgen Kaffee in der Thermoskanne. Sogar bei Sauwetter.
Ein Kunstführer ist in Planung
Während die Bildhauer noch ihre schweißtreibende Arbeit taten, wurde in der Verwaltung überlegt, wo die Skulpturen in Zukunft aufgestellt werden sollten. „Der damalige Bürgermeister wollte sie überall im Stadtgebiet verteilen“, erzählt Deutsch. „Dann sind wir Künstler mit ihm spazieren gegangen und haben ihm gezeigt, dass diese Kunst hier im Festungsgraben bleiben muss.“ Tatsächlich kann man sich kaum eine interessantere Umgebung für die steinernen Kunstwerke vorstellen: die Ruhe abseits vom städtischen Getriebe und die gewaltigen Backsteinmauern als Hintergrund.
Die Stadt sei stolz auf ihren Skulpturenweg, sagt Raithel. Doch auch im weniger ruhigen Teil der Stadt hat Kunst ihren Platz. „Germersheim gehört, bezogen auf die Einwohnerzahl, zu den deutschen Städten mit den meisten Kunstwerken im öffentlichen Raum“, erklärt der ehemalige Kulturamtschef. In wenigen Wochen soll ein bebilderter Kunst- und Skulpturenführer erscheinen, der diese Vielfalt darstellen wird. Wenn die Corona-Lage es zulässt, soll es auch wieder Führungen geben, in denen Informationen über die Festung und über die Kunstwerke vermittelt werden.
Tipp: Stimmungsvolles Bild bei Nacht
Deutsch hat einen besonderen Tipp für Kunstflaneure: Am Abend, wenn die Fronte Beckers beleuchtet ist, kann man oberhalb des Grabens auf dem sogenannten gedeckten Weg entlang spazieren und einen traumhaften Blick auf die Skulpturen genießen. „Unsere Germersheimer Kultstätte“, sagt der Künstler und lächelt.