Karlsruhe
Podcast „Mönchsgeflüster“ führt hin auf die große Ausstellung zur Klosterinsel Reichenau
Marvin Gedigk, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Badischen Landesmuseums und erfahrener Podcaster (Epochentrotter) hat zur großen Landesausstellung „Welterbe des Mittelalters – 1300 Jahre Klosterinsel Reichenau“, die im April 2024 beginnt, eine Reihe von Gesprächen mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen geführt.
Was aßen die Mönche im 724 gegründeten Kloster Reichenau? Gab es eine Privatsphäre? Wie sah es mit gleichgeschlechtlicher Liebe aus? Eine Fülle spannender Fragen rankt sich um das Klosterleben in einer weit entfernten Zeit. Glücklicherweise sind viele schriftliche Zeugnisse überliefert aus dem frühen Mittelalter, der Blütezeit auf der Reichenau vom 8. bis zum 11. Jahrhundert. In dieser Zeit war das Kloster ein Hort des Wissens und der Wissenschaft.
Experten aus aller Welt als Gesprächspartner
Wie lief das eigentlich in einer Zeit lange vor der Erfindung von Google? Marvin Gedigk weiß es. Er hatte die Idee, alle Aspekte zum Leben im Kloster, die in der Ausstellung einfach keinen Platz mehr finden konnten, in den 26 Podcasts aufzugreifen. „Es gibt so viele spannende Forschungsthemen. Ich spreche mit internationalen Experten über eine Frage, zum Beispiel das Essen. Darüber rede ich mit einer Archäologin und einer Forensikerin, die mit modernsten Forschungsmethoden herausgefunden haben, was die Mönche damals auf dem Teller hatten.“
Seit anderthalb Jahren ist Gedigk mit der Produktion von „Mönchsgeflüster“ schon beschäftigt. Sein Ziel: ein buntes und plastisches Bild vom Leben auf der Reichenau zu zeichnen. Sein besonderer Liebling aus dieser Zeit ist Hermann der Lahme. Gedigk beschreibt ihn als den Stephen Hawking der Reichenau: „Offensichtlich war Hermann der Lahme körperlich eingeschränkt, aber von scharfem Verstand. Er verfügte über ein umfassendes Wissen, komponierte Musik, befasste sich mit den aus dem arabischen Raum stammenden Astrolabien und betätigte sich auch als Geschichtsschreiber. Er machte die Reichenau zu einem der Wissenszentren im 11. Jahrhundert.“
Es gab auch eine Fälscherwerkstatt
Wissen zog man damals natürlich nicht aus dem Internet. Wer die Mittel hatte, konnte im Kloster eine Handschrift oder ein ganzes Buch bestellen, das dann mit der Hand geschrieben wurde. Andere Klöster schickten einige Mönche, die auf der Reichenau das Gewünschte selbst abschrieben. Es sind wundervoll verzierte Handschriften erhalten. Aber man konnte auf der Reichenau auch Urkunden fälschen lassen, das Kloster unterhielt eine echte Fälscherwerkstatt, erzählt Gedigk. Warum hat das Kloster sogar seine eigene Gründungsurkunde gefälscht? In welcher Sprache wurden damals Schriften verfasst? Und warum kann man heute die Buchstaben nicht ohne eine eigene Schulung dafür entziffern? Gedigk hat in seinen Podcasts auch mit Historikern und Sprachwissenschaftlern gesprochen.
Für jeden Podcast hat Marvin Gedigk erst einmal ein Vorgespräch geführt, damit sich die Forschenden aus Europa und sogar von der Syracuse University in New York vorbereiten konnten. „Nicht alle sind daran gewöhnt, vor einem Mikrofon zu sprechen“, hat Gedigk erfahren. Nach dem Interview erhält er die Tonspur der Gesprächspartner zugeschickt und schneidet beide Tonspuren zusammen. Dann kommt die Nachbearbeitung, Störgeräusche und Füllwörter werden herausgenommen, ohne den Duktus des Gesprächs zu ändern.
Auch ist Marvin Gedigk selbst vom Fach. Mit zwei Kollegen aus dem Kuratorenteam hat er intensiv recherchiert. „In den Podcasts gibt es viel Überraschendes zu erfahren.“ Bis zur Eröffnung der Großen Landesausstellung am 20. April und darüber hinaus gibt „Mönchsgeflüster“ jeden Montag eine halbe Stunde lang einen lebendigen Einblick in fast jeden Aspekt mittelalterlichen Klosterlebens.
Info
Der Podcast ist zu finden unter ausstellung-reichenau.de