Rheinpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Gewalt gegen Rettungskräfte: „Die Achtung ist weg“

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Jörg Nießen, 43, kam über seinen Zivildienst 1995 zur Feuerwehr. Seitdem arbeitet er als Berufsfeuerwehrmann und Rettungssanitäter in Köln. Über seine Erlebnisse schreibt er.

Aggressive Betrunkene, blockierte Rettungsgassen, Alarme aus Bequemlichkeit und Herzinfarktopfer, die sich „nur noch schnell kämmen“ wollen – der Kölner Rettungssanitäter und Feuerwehrmann Jörg Nießen verliert bisweilen den Glauben an die Menschheit.

Herr Nießen, vergangenes Wochenende hat ein Betrunkener in Ludwigshafen zwei Ihrer Kollegen angegriffen, die ihm helfen wollten. Sie haben Zwölf-Stunden-Tage, fällen Entscheidungen über Leben und Tod, werden Ziel von Aggressionen, von Gaffen und Beschimpfungen. Macht es noch Spaß, Rettungssanitäter zu sein?

Natürlich, fast jeder Tag ist ein Abenteuer. Ich bekomme sehr schnell Rückmeldung dazu, ob ich etwas zum Positiven bewegt habe, und sehe die Ergebnisse meiner Arbeit. Leben retten ist etwas sehr Besonderes. Dazu kommt das Zusammengehörigkeitsgefühl auf der Wache. In meinem früheren Job hatte ich kaum Kontakt zur Außenwelt. Ich habe rasch gemerkt, dass ich Menschen um mich brauche. Das ist natürlich auch Typsache. Ich mag Menschen – auch wenn ich sie oft nicht verstehe. Aber es gibt doch sicher auch Tage, an denen nicht alles rosa ist? Klar, es gibt Langeweile, Ärger, Stress. Und Momente, in denen man sich nur noch an den Kopf fasst. Einen typischen Tag kann man kaum beschreiben. Eben noch haben Sie in einer Betonpfütze um das Leben eines abgestürzten Bauarbeiters gekämpft, zwei Stunden später stehen Sie bei Familie XY mit dreckigen Stiefeln in der Diele. Dann wird man um Mitternacht in eine Wohnung gerufen, rennt die Treppen hoch und ist mit jemandem konfrontiert, der sich gerade mal den Fingernagel eingerissen hat. Oder man fährt mit Martinshorn durch die Stadt und vor den Rettungswagen drängeln sich Autofahrer, die denken, die Rettungsgasse sei für sie persönlich gebildet worden. Stichwort Rettungsgasse: Seit Jahren wird dafür geworben, dass diese gebildet wird. Hat sich das zum Besseren gewandelt? Ja, auf Autobahnen merken wir die Wirkung dieser Kampagne. Die Gasse muss ja nicht immer wie mit dem Lineal gezogen sein. Es geht nur darum, dass wir schnell zum Unfallort kommen. Jede Sekunde, die wir bei der Anfahrt verlieren, fehlt uns. In Städten bleibt es schwierig, da wird kreuz und quer geparkt, in Einfahrten und in Halteverbotszonen. Die Rettungsgasse wird zum Labyrinth. Wir kommen nicht durch oder es ist so eng, dass wir die Türen nicht öffnen können. Oft ist es schwierig, in der Frist von acht bis zwölf Minuten am Einsatzort zu sein. Viele Treppenhäuser bräuchten ebenfalls Rettungsgassen. Da lagern Matratzen, Wandschränke, Winterreifen und Pflanzen in schweren Töpfen – wir kommen mit der Trage nicht mehr durch. Das ist gefährlich. Ich sage oft: Die Leute bauen sich ihre eigenen Scheiterhaufen. Sie sind Helfer, Schiedsrichter, Psychologe. Offenbar müssen Sie viele unterschiedliche Rollen vereinen. Ein guter Sanitäter ist Allrounder. Ich stand mal im Wohnzimmer einer älteren Dame, die einen Herzinfarkt erlitten hatte. Sie wollte sich unbedingt noch die Haare kämmen, frisch machen und eine andere Bluse anziehen, bevor wir in die Klinik losfuhren. Ich musste sie davon überzeugen, dass sie in einer halben Stunde tot sein könnte und ich sie lieber in unfrisiertem Zustand transportieren würde. Gelegentlich geraten wir in ,häusliche Situationen’, in denen wir aus dem Blickwinkel der Alarmgeber entscheiden sollen, wer Recht hat – der Fremdgeher oder seine betrogene Frau. Oder wir stehen einer Mutter gegenüber, die nicht damit zurechtkommt, dass der 16-jährige Sohn nachmittags volltrunken ist. Mich belasten die Einsätze, bei denen ich feststelle, dass unser soziales System versagt und Menschen unter unwürdigsten Bedingungen leben müssen. Man kann da in Abgründe blicken. Anfang Januar hat ein Mann im hessischen Eppstein einen Rettungswagen umgeparkt, obwohl dieser im Einsatz war. Ist der Respekt für die Arbeit der Rettungskräfte verloren gegangen? Das ist zwar schon oft thematisiert worden, aber es stimmt. Wir erfahren sicherlich weniger physische Gewalt als Polizisten, aber dennoch merke ich, dass sich in den vergangenen 23 Jahren da etwas verändert hat. Die Achtung ist weg. Früher war man bei den Guten, wenn man die rote Sanitäterhose trug. Jetzt gibt es blöde Bemerkungen, aggressive Gaffer oder Rempeleien. Der Respekt vor den Helfern in Uniform ist nicht mehr da. Das klingt so, als sei der gesunde Menschenverstand auf dem Rückzug. Leider ja. Wir fahren schon mal mit zwei Löschzügen quer durch die Stadt, weil jemand den Notruf ausgelöst hat: ein Brandmelder im Schlafzimmer habe angeschlagen! Wenn wir dann ankommen, müssen wir feststellen, dass nur der Batterie-Alarm fast abgelaufen ist und einmal in der Minute leise piept. Oder wir reanimieren jemanden in einem Restaurant zwischen den Tischen und kämpfen um sein Leben. Da gibt es doch tatsächlich Leute, die seelenruhig keinen Meter davon weiteressen und sich gestört fühlen. Warum steigt die Zahl der unberechtigten Einsätze? Es ist ein bunter Strauß von Gründen. Wir leben in einer sehr technischen Welt, aber viele haben keinen blassen Schimmer, wie einfachste Technik funktioniert. Die Menschen sind abhängig und unselbstständig geworden. Jemand hat einen Wasserschaden. Da wäre doch der erste Gedanke: Wasserhaupthahn abdrehen. Das machen aber die wenigsten. Die warten lieber, bis die Feuerwehr kommt. Günther Jauch hat mal gesagt: Bildung kann man nicht downloaden. Da ist auf jeden Fall was dran. Andere melden sich um 3 Uhr morgens, weil ihr Bauch seit vier Tagen schmerzt. Auf die Idee, den Hausarzt aufzusuchen, kommen manche gar nicht. Lieber Martinshorn und Blaulicht als eine Stunde im Wartezimmer sitzen. Da spielen auch Bequemlichkeit und Anspruchsdenken mit. Wie kann man Ihre Arbeit erleichtern? Das ist eigentlich ganz einfach. Hängt in jedem Aufzug: ,Ruhe bewahren!’ Ansonsten hilft Feuerwehrtaktik: Situation erkennen, Situation beurteilen, notwendige Handlungen daraus ableiten. Das funktioniert auch oft im restlichen Leben. Ansonsten: Bei unproblematischen Situationen öfter mal sich selbst helfen. Nicht jeder brennende Papierkorb an einer Bushaltestelle rechtfertigt einen Löscheinsatz. Manchmal tut’s auch der Eimer Wasser eines Anwohners. Jörg Nießen: „Rettungsgasse ist kein Straßenname“, Edenbooks, 240 Seiten; 9,95 Euro.

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