Handball RHEINPFALZ Plus Artikel WM-Überraschung Schweden: Palicka und die jungen Wilden

Die Freude muss raus: Andreas Palicka.
Die Freude muss raus: Andreas Palicka.

Ähnlich wie die deutsche Mannschaft musste auch die schwedische vor der Handball-Weltmeisterschaft personelle Absagen verkraften. Trotzdem treffen die Skandinavier am Freitag (17.30 Uhr) im Halbfinale auf Frankreich.

Andreas Palicka läuft nicht locker und leicht durch das Teamhotel der schwedischen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Ägypten. Der Torhüter bewegt sich bedacht und zögerlich, denn Palicka muss vorsichtig sein. „Das Knie ist nach den Spielen immer noch ein bisschen dick“, sagt der Keeper von den Rhein-Neckar Löwen. Er hatte sich Ende Oktober einen Innenbandriss im Knie zugezogen, kehrte überraschend schnell Mitte Dezember aufs Spielfeld zurück und hat bei der WM in Nordafrika ebenso überraschend mit dem schwedischen Team das Halbfinale erreicht. Am Freitag (17.30 Uhr) treffen die Schweden auf Frankreich – und Palicka wird in der riesigen Kairo-Arena während der 60 Minuten seine Zurückhaltung ablegen.

Palicka braucht Pausen

Beim lockeren 35:23-Sieg im Viertelfinale gegen Katar hatte Palicka eine Viertelstunde vor Ende seine Schuldigkeit getan und durfte auf der Bank sein Gelenk und auch sich selbst schonen. Dennoch wurde er anschließend zum „Player of the match“ gewählt, weil er die Angreifer der Kataris mit Paraden zur Verzweiflung getrieben hatte. Die Ruhe gegen Ende war verdient. „Ich brauche Pausen“, sagte der Schlussmann der „Tre Kronors“. Palicka ist 34 Jahre alt und weiß um die Gefahren, denen er sich im Schatten der Pyramiden gerade aussetzt. Doch die Aussicht, ein Teil des Erfolges zu sein, auf den die Schweden gerade zusteuern, setzt in dem erfahrenen Schlussmann Kräfte frei. Vor zwei Wochen ahnte Palicka nicht, dass die Schweden das Halbfinale erreichen, auf dem Weg ungeschlagen bleiben und auch im Duell mit Frankreich nicht ohne Chance sein würden.

Schnelle Lerneffekte

„Wir haben eine ganz junge Mannschaft, viele unerfahrene Jungs sind hier dabei“, sagte Palicka während der Vorrunde. Ähnlich wie die deutsche Mannschaft musste die schwedische vor der WM einige Absagen verkraften. Torhüter Mikael Appelgren ist seit Monaten verletzt, die Stammkräfte Lukas Nilsson und Jesper Nielsen, Palickas Teamkollegen bei den Rhein-Neckar Löwen, verzichteten wegen der Corona-Pandemie auf die Reise nach Ägypten. „Wir müssen hier Erfahrungen sammeln“, erklärte Palicka. Inzwischen ist er überrascht, wie schnell die Lerneffekte voranschreiten und welche Möglichkeiten sich den Schweden bietet.

Chrintz und andere junge Wilden

Durch die Abstinenz von etablierten Akteuren drängen bislang unbekannte Spieler in den Fokus der Öffentlichkeit. Im Viertelfinale brillierte der Rechtsaußen Valter Chrintz mit acht Toren – ihm unterlief dabei kein Fehlversuch. Er bekommt in Ägypten die Chance, sich auf dem höchsten Niveau zu beweisen, weil der eigentlich auf Rechtsaußen gesetzte Niclas Ekberg vom Champions-League-Sieger THW Kiel auf die WM-Teilnahme verzichtet hatte. Der 20-Jährige Chrintz wurde vor drei Jahren mit den Schweden Junioren-Europameister und vor ein paar Monaten von den Berliner Füchsen in die Bundesliga gelotst. Neben Chrintz machen Linksaußen Lucas Pellas, Jonathan Carlsbogard, Alfred Jönsson oder Felix Claar bei einem internationalen Großturnier nachhaltig auf sich aufmerksam.

„Die Jungs geben so viel Energie“

Der schwedische Trainer Glenn Solberg hat aus der personellen Not eine Tugend gemacht und stürmt mit seiner Mannschaft bislang ungeschlagen durch das Turnier. Das sorgt bei Palicka für besondere Emotionen. „Ich war den Tränen nahe. Dieses Gefühl hatte ich erst einmal: Als wir Dänemark 2018 im EM-Halbfinale geschlagen haben“, sagte der Torwart nach dem Halbfinaleinzug: „Ich habe schon verdammt viel erlebt auf dem Handballfeld und bin in den besten Jahren meiner Karriere. Diese Jungs geben mir so viel Energie und Motivation, man fühlt sich so gut mit ihnen. In dieser speziellen Zeit ist das herrlich.“

Der Torwart war zu Beginn der Weltmeisterschaft zurückhaltend, inzwischen ist der 34-Jährige so etwas wie der Antreiber der jungen Wilden. Das sollen die favorisierten Franzosen im Halbfinale zu spüren bekommen. Das Knie kann der Torwart nach den 60 Minuten wieder schonen, im Spiel wird sich der Kapitän für seine Mannschaft aufopfern.

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