American Football
Wieso der 57. Super Bowl historisch ist
Weinen musste er nicht, aber feuchte Augen hatte Doug Williams schon, als er vor eineinhalb Wochen daheim im US-Bundesstaat Virginia saß und das zweite Halbfinale der National Football League (NFL) im Fernsehen schaute. Die Kansas City Chiefs entschieden das Spiel gegen die Cincinnati Bengals mit einem Field Goal – drei Sekunden waren da noch zu spielen. „Es war emotional für mich“, sagt Williams, der diese Geschichte im Moment oft erzählen muss. Weil zuvor bereits die Philadelphia Eagles das Ticket für den Super Bowl lösten, dürfte er vor allem einen Gedanken gehaben haben: endlich.
Bei der 22. Auflage in San Diego war Williams 1988 der erste schwarze Quarterback, der im NFL-Endspiel dabei war. Er führte das Team aus Washington zu einem deutlichen 42:10-Sieg gegen die Denver Broncos und wurde als wertvollster Spieler der Partie ausgezeichnet. Nun, 35 Jahre später, stehen sich am Sonntag in Glendale, Arizona, erstmals zwei afroamerikanische Spielmacher gegenüber: Chiefs-Quarterback Patrick Mahomes (27) und Jalen Hurts (24) von den Eagles. „Historisch“ nennen beide diese Konstellation und zollen einander jede Menge Respekt. 57 Jahre hat es für diesen Moment gebraucht, so lange dauert die Super-Bowl-Ära bereits.
Den Weg geebnet
„Wir hinken in der Entwicklung viele Jahre hinterher“, sagt Williams, „aber nun ist es so weit.“ Neben ihm haben bislang erst sechs weitere afroamerikanische Quarterbacks im Super Bowl gestanden: Steve McNair, Donovan McNabb, Colin Kaepernick, Russell Wilson und Cam Newton. Für Mahomes ist es derweil das dritte Finale in den vergangenen vier Jahren, er könnte der erste Schwarze sein, der die Vince-Lombardi-Trophäe nach 2020 mehr als einmal erringt. Außer ihm und Williams siegte nur Wilson mit den Seattle Seahawks. „Ich habe mehr und mehr über die Geschichte schwarzer Quarterback gelernt, seit ich in der Liga bin, und die Jungs, die vor Jalen und mir kamen, haben uns den Weg geebnet“, sagt Mahomes.
Während knapp 60 Prozent aller Spieler in der NFL schwarz sind und sich gar 70 Prozent selbst als People of Colour sehen, sind Afroamerikaner auf der wichtigsten Position im American Football noch immer unterrepräsentiert. Kurzum: Dort, wo es physisch heftig zur Sache geht, wenn die Körper und Köpfe der Spieler miteinander kollidieren, sind schwarze Athleten mittendrin. Geht es um Führungsaufgaben auf dem Feld und darum, das Spiel relativ kontaktarm zu gestalten, sind die Weißen in der Überzahl. 2020 liefen bei 32 NFL-Teams zehn schwarze Quarterbacks für ihre Mannschaften als Stammspieler auf, was damals einen neuen Rekord für die Liga bedeutete.
Über viele Jahrzehnte habe es oft geheißen, dass schwarzen Sportlern die Intelligenz oder die akademische Ausbildung fehlen würde, um diese Position zu spielen, sagte der Politikwissenschaftler Judson L. Jeffries von der Universität in Ohio 2020 gegenüber CNN. Sie könnten gut laufen, so beschrieb er das gängige rassisische Vorurteil, aber wenn es darum ginge, Spielzüge zu lernen, gegnerische Abwehrreihen zu lesen und anspruchsvolle Strategien anzuwenden, seien sie dazu nicht in der Lage.
Vermächtnis und Wandel
In der aktuellen Saison wurde die bisherige Bestmarke übertroffen, was die Anzahl schwarzer Stamm-Quarterbacks anbelangt – und zwar um einen. „Wir haben im Moment elf schwarze Quarterbacks, die in ihrem Teams die Nummer eins auf dieser Position sind. Das sind ein paar der besten Anführer, die ich je gesehen habe“, sagte NFL-Boss Roger Goodell in der Woche vor dem großen Finale. „Die Leute reden über ihr Tempo beim Laufen, dabei sind es exzellente Spielmacher, die komplexe Angriffsstrategien umsetzen.“
Spielern wie Mahomes geht es auch um ein Vermächtnis und darum, einen Wandel voranzutreiben – auf dem Platz und vor allem im Bewusstsein der Menschen. „Ich hoffe, dass wir den Kids zeigen können, dass es möglich ist, es zu schaffen“, sagt er. Genauso wie Jalen Hurts will er nicht nur allein durch die pure Anwesenheit Geschichte schreiben. Auch sportlich ist es das Duell, auf das die Football-Welt wartet. Philadelphia und Kansas City sind die besten Mannschaften der Saison, beide haben in Hauptrunde und Play-offs 16 Siege gesammelt und nur drei Spiele verloren. Die Offensiven, angeführt von Mahomes und Hurts, haben jeweils 546 Punkte erzielt.
Die Voraussetzungen für ein großes Finale sind also gegeben – und die Leute fragen Doug Williams in den Tagen vor dem Super Bowl oft, welches Team er als Sieger erwartet, ob Mahomes oder Hurts gewinnen wird. Er verrät seinen Favoriten nicht, er sagt nur: „Ich habe bereits gewonnen, für mich selbst, weil beide dabei sind.“
