Fußball
Trotz Nasenbeinbruch: Leupolz will DFB-Comeback nach Babypause
Fitnesstrainer Julius Balzmeier scheucht die deutschen Fußballerinnen auf dem DFB-Campus durch einen Parcours mit vielen koordinativen Elementen – und Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg steht wachsam dabei. Ihre Aufforderung: „Sauber arbeiten!“ Darum geht es bei den Spielen gegen die Niederlande in Sittard am Karfreitag und gegen Brasilien in Nürnberg am Ostersonntag. So viele Ungenauigkeiten wie zuletzt gegen Schweden (0:0) sollte sich der Vize-Europameister nicht leisten, um vor der WM in Australien und Neuseeland im Sommer keine größeren Zweifel an Form und Fitness zu säen.
Gerade die physischen Komponenten entwickeln sich auf internationalem Niveau rasanter als das technische Niveau. Diese These bestätigt der Sportliche Leiter Joti Chatzialexiou, der deshalb einer nach anderthalb Jahren zurückgekehrten Spielerin ein Riesenkompliment ausspricht: Melanie Leupolz, die im September zum ersten Mal Mutter wurde und seit Ende Januar für den FC Chelsea wieder Pflichtspiele bestreitet. Ihr Fitnesszustand nach der Babypause sei auf einem exzellenten Niveau, heißt es.
„Ganz wichtig war, dass ich bis kurz vor der Geburt relativ viel Sport gemacht habe“, sagt die 28-Jährige. Die Übungen hatte sie per Video mit den Chelsea-Experten durchgesprochen. Nach der Entbindung habe sich ihr Körper gut erholt: „Ich bin selbst erstaunt, dass es so schnell geklappt hat“, sagt sie. Vergangene Woche beim Einzug ins Halbfinale der Champions League gegen Olympique Lyon wurde sie zum Sinnbild der Entschlossenheit, weil sie blutüberströmt ausgewechselt werden musste. „Wenigstens passt die Farbe meiner Nägel“, schrieb sie danach in ihrer Instagram-Story. Wie erst jetzt herauskam, hatte sie sich das Nasenbein gebrochen, das am Mittwoch in Frankfurt gerichtet wurde.
Die Trainerin weiß, wie es ist
Es war der ausdrückliche Wunsch der 75-fachen Nationalspielerin, deswegen nicht abzureisen. Sie will mit Maske bald wieder trainieren. Sie hofft darauf, dass sie vor großer Kulisse gegen Brasilien im Max-Morlock-Stadion beim Abschied von Dzsenifer Marozsan zum Einsatz kommt: Beide haben bei der EM 2013 und den Olympischen Spielen 2016 gemeinsam die letzten großen Titel gewonnen.
Für ihre dritte WM unternimmt Leupolz in London so manchen Spagat. „Es ist sehr anstrengend, daraus muss ich kein Geheimnis machen“, sagt sie. Bei der Betreuung ihres Sohnes wird vieles über den Arbeitgeber geregelt und wenn sie den restlichen Tag mit ihm verbringe, gebe ihr das „enorm viel Energie“. Der Verein hat ihren Vertrag als Zeichen der Wertschätzung bis 2026 verlängert, und Teammanagerin Emma Hayes, die selbst Mutter ist, steht voll hinter Leupolz. Um Beruf und Familie zu vereinbaren, müsse noch mehr getan werden, findet die Allgäuerin, „denn es gibt inzwischen immer mehr Fußballerinnen, die diesen Weg gehen“. Man könne nach der Rückkehr „sogar besser als vor der Schwangerschaft“ sein. Leupolz möchte anderen Frauen ein Vorbild sein.
Voss-Tecklenburg sichert ihr für das Nationalteam jede Unterstützung zu – aus gutem Grund: Die 55-Jährige war mit 25 ziemlich ungeplant die erste deutsche Nationalspielerin, die nach der Geburt ihrer Tochter Dina wieder die Schuhe schnürte – damals als Alleinerziehende fast ohne Rückendeckung. „Es gab Momente, in denen ich mich gefragt habe: Martina, kannst du das noch?“, sagte die Bundestrainerin einmal. Es verging viel Zeit, bis mit der aktuell erneut schwangeren Torhüterin Almuth Schult eine zweite Nationalspielerin folgte, die nach der Geburt ihrer Zwillinge zurückkam. Melanie Leupolz ist nun die dritte in der langen Geschichte des deutschen Frauenfußballs, der auf diesem Gebiet weit weniger fortschrittlich ist als die USA oder die skandinavischen Länder.