Handball
Julian Köster – das Riesenbaby bleibt ganz cool
Genau so läuft es zuweilen im Mannschaftssport. Ein Spieler ist krank, verletzt, kann nicht mitmachen. Ein anderer übernimmt seinen Platz, zeigt, was er kann, was er drauf hat. Vielleicht würden wir heute nicht über Julian Köster sprechen, wäre Juri Knorr von den Rhein-Neckar Löwen bei dieser Europameisterschaft am Start gewesen. Knorr musste, nicht geimpft, passen – und der 21-jährige Zweitliga-Spieler ergriff seine Chance. Und wie!
Köster nicht zu fassen
Julian Köster war der auffälligste Spieler beim 30:23-Sieg gegen Polen im letzten Vorrundenspiel bei der EM. Eingedenk der Umstände, neun Spieler aus dem deutschen Kader haben sich mit Corona infiziert, war das ein bemerkenswerter Auftritt der gesamten Mannschaft. Köster erzielte bei sechs Würfen sechs Tore, er war beweglich, er war von der polnischen Abwehr nicht zu fassen. Das „Riesenbaby“, Köster ist 2,01 Meter groß, blieb im Spiel ganz cool. Völlig verdient wurde er zum Spieler der Partie gewählt. „Es hat mich riesig gefreut, dass es so funktioniert hat. Dass ich gewählt wurde, war natürlich das i-Tüpfelchen“, sagte Köster am Mittwoch. „Es waren schwierige Bedingungen. Uns war klar, wir müssen als Team zusammenrücken nach den ganzen Nackenschlägen in den letzten Stunden und Tagen. Das hat super geklappt.“
Köster spürt das Vertrauen
Aber wie hat er es als 21-Jähriger geschafft, in einem so wichtigen Spiel so ruhig aufzutrumpfen? „Es hat mir unfassbar viel Spaß gemacht. Dass es so läuft, war überragend. Ich habe das extreme Vertrauen der Mannschaft gespürt. Ich habe versucht, mir keinen Kopf zu machen. Ich komme gut rein, und dann gewinnt man an Selbstvertrauen“, erklärte der Mittelmann, der ja eigentlich vor allem für die Abwehr vorgesehen war.
Denn Alfred Gislason nahm den jungen Mann nach Bratislava mit, weil er ihn in der vorgezogenen Rolle vor der Abwehr eingeplant hat, in einem 3:2:1-System. Julian Köster stellte gestern dann auch Domagoj Duvnjak als sein großes Vorbild heraus. Der Kroate ist eine Weltklasse-Regisseur – und er spielt den offensiven Part beim THW Kiel seit Jahr und Tag großartig.
Bundestrainer wusste es
Der Bundestrainer lobte Köster, war aber nicht überrascht über dessen Leistung. „Das macht er tagtäglich. Ich habe, glaube ich, alle seine Spiele in Gummersbach in den letzten anderthalb Jahren gesehen. Da wächst ein sehr kompletter Spieler bei uns heran“, erläuterte Gislason. Beim ersten Lehrgang nach der Zäsur im vergangenen November vor den Testspielen gegen Portugal war er zum ersten Mal dabei. Damals hat er sich gefreut, aber noch nicht weitergedacht, beteuerte er.
TuS SW Brauweiler, TSV Bayer Dormagen und VfL Gummersbach waren bislang die Handball-Stationen von Julian Köster. Beim VfL profitiert er von Timm Schneider, einem erfahrenen Bundesliga-Spieler und natürlich von Trainer Gudjon Valur Sigurdsson, der als Musterprofi gilt.
Erich Wudtke als Begleiter
Witzig: Seine erste Trainerin war die Mutter von Florian Wirtz, dem Fußball-Nationalspieler, mit dem er in der gleichen Schule war. In der Nationalmannschaft traf er Erich Wudtke wieder, den Assistenten von Alfred Gislason, der ihn in der U19-Nationalmannschaft betreute und ihn schon in der Kreisauswahl für das Verbandsteam sichtete.
Und nun Spanien. „Ich freue mich sehr darauf. Ich hoffe, dass wir an das tolle Spiel gegen Polen anknüpfen können, Spanien ist immer ein Favoritenteam, die Mannschaft spielt unangenehmen Handball, es wird ein schwieriges Spiel“, meinte Köster. Als er das am Mittwochmorgen sagte, da wusste der Senkrechtstarter noch nicht, dass es weitere Fälle im deutschen Team gab.