Sport Im deutschen Sport herrscht die Angst vor dem Herbst

DOSB-Präsident Alfons Hörmann rechnet mit einer Milliarde Euro Schaden für den deutschen Sport.
DOSB-Präsident Alfons Hörmann rechnet mit einer Milliarde Euro Schaden für den deutschen Sport.

Die deutschen Sportvereine stehen vor einer ungewissen Zukunft. Erst im Herbst dürften die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie sichtbarer werden und sich verstärken, sofern ein Wiederbeginn des Spielbetriebs und des Wettkampfsports weiterhin nicht möglich sind. Die Streitfrage: Wie groß sind die Schäden wirklich?

Im deutschen Sport herrscht die Angst vor dem Herbst. „Bis nach den Sommerferien haben sich die kleinen Vereine in ein Wachkoma versetzt. Die großen Klubs mit hauptamtlichen Mitarbeitern haben alles runtergefahren“, sagte Christoph Niessen, Vorstandsvorsitzender des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen. Wenn auch nach dem Sommer kein Wettkampfsport erlaubt sein sollte, werde es brenzlig: „Wenn der reguläre Spielbetrieb nicht wieder anläuft, wackelt das ganze System. Dann werden die Mitglieder den Vereinen untreu werden.“

Ähnlich beurteilt der Hessische Landessportbund die Lage und stellt eine trübe Perspektive für den Herbst aus. Momentan gebe es bei kleineren Vereinen „wenig Alarmstimmung“, befand Hauptgeschäftsführer Andreas Klages. Falls der Stillstand anhalten sollte, dann könne es aber an die DNA der Klubs gehen, die Kernfunktionen als Sport- und Gemeinschaftsanbieter ausüben.

Mitgliederschwund befürchtet

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hatte Ende Mai vor einem gravierenden Mitgliederschwund und Vereinssterben gewarnt. Dabei prognostizierte DOSB-Präsident Alfons Hörmann, „dass sich etwa 10 bis 15 Prozent der etwa 27 Millionen Mitglieder“ der 90.000 Sportklubs mit der Frage beschäftigten, ob die Mitgliedschaft gekündigt werde. Außerdem hatte er den drohenden Schaden für den deutschen Sport mit mehr als einer Milliarde Euro beziffert. Aber diese Hochrechnung ebenso wie die Berechnung auf Grundlage von Zahlen von vier der 16 Landessportbünde weckte nicht nur bei der Sportausschussvorsitzenden des Bundestages Zweifel. Die SPD-Politikerin Dagmar Freitag nannte sie „zumindest gewagt“.

Unterdessen bekräftigte der DOSB, dass die bisherigen Einschätzungen auf der Basis von Umfragen und professionellen Analysen erstellt worden seien. „Die Frage der gesamten Schadenshöhe wird, wie zigfach offen dargestellt, entscheidend vom weiteren Verlauf der Pandemie und den damit gegebenen Rahmenbedingungen für Sportdeutschland abhängen“, betonte Hörmann. Bei all den Berechnungen sei nicht nur der monetäre Schaden zu sehen, „sondern auch der Verlust an gesellschaftlichem Mehrwert, weil über Monate unzählige sportliche Initiativen zum Erliegen gekommen“ seien.

Noch keine verlässlichen Zahlen

Allerdings warnte der Kölner Sportökonom Christoph Breuer: „Wenn jetzt Summen genannt werden, sind sie tatsächlich selten nachvollziehbar.“ Ein Fehler dieser Befragungen sei, dass nach den Einnahmeausfällen gefragt würde, aber nicht nach eingesparten Kosten durch weniger Veranstaltungen. „Das führt zu einer deutlichen Verzerrung“, erklärte er. „Es gibt Vereine, die sich schon überlegen, wie sie sozusagen das Geld an die Mitglieder zurückgeben, etwa durch eine reduzierte Mitgliedsgebühr im kommenden Jahr.“ Breuer: „Dies alles bleibt unentdeckt, wenn man nicht die richtigen Fragen stellt.“ Überhaupt sieht er die Mehrzahl der Vereine nicht so sehr durch finanzielle Einbußen existenziell gefährdet, da sie primär ehrenamtlich organisiert seien. „Das Hauptrisiko der Sportvereine ist eher ein soziales Risiko denn ein finanzielles“, befand Breuer.

Aktuell gibt es laut Landessportbund Niedersachsen keine verlässlichen Zahlen, ob es und wenn ja in welcher Höhe zu einem „Vereinssterben“ kommt. Der LSB gehe davon aus, dass sich erst im Herbst die tatsächlichen Auswirkungen der Corona-Krise für die Sportvereine zeigen werden. Erst dann werde klar, ob und in welchem Umfang weitere Hilfsprogramme erforderlich seien.

Hoffnung auf eine Rahmenkonzeption

Unterdessen erhalten in Not geratene Profiklubs der ersten und zweiten Ligen im Basketball, Handball, Eishockey und Volleyball sowie der dritten Fußball-Liga eine Nothilfe vom Bund. Der Bundestag hat dafür 200 Millionen Euro bewilligt. Das Hilfspaket dient dazu, Vereinen, die durch die Corona-Krise in wirtschaftliche Schieflage geraten sind, zu helfen und drohende Insolvenzen zu verhindern.

Große Hoffnungen setzt der organisierte Sport auf eine Rahmenkonzeption zum Wiedereinstieg in den Wettkampfsport. Sie wird zurzeit durch eine Arbeitsgruppe der Sportministerkonferenz mit dem DOSB erarbeitet. „Wir brauchen einen bundesweiten Rahmen, das ist nicht nur eine Frage für die Fußball-Bundesliga, sondern das geht weit in den Amateurbereich hinein. Die Verbandsgrenzen machen häufig nicht an den Bundesländern halt“, erklärte Klages mit Bezug auf die unterschiedlichen Corona-Regeln. Im Laufe des Sommers hoffe man auf eine Klärung. „Wir brauchen eine belastbare Grundlage, um möglichst viel Sport zu ermöglichen, es braucht Planungssicherheit“, sagte er.