American Football
Vor dem Super Bowl: Die Mega-Wette von Las Vegas und dem Sport
Wenige Tage nach dem Amoklauf absolvieren die Vegas Golden Knights ihr erstes Heimspiel in der US-amerikanischen Elite-Eishockeyliga NHL, ein Jahr zuvor wurde das Team überhaupt erst gegründet. „Die Menschen von Las Vegas kamen also zusammen, traumatisiert nach der Schießerei, und wir hatten dieses Team, das die Stadt zusammenbrachte“, sagt Marta Soligo der RHEINPFALZ am SONNTAG. Die Italienerin lebt seit 2015 in Las Vegas, ist Soziologin an der Universität von Nevada und erforscht den Tourismus in der Stadt. Für sie sind jene schicksalhaften Tage im Oktober 2017 eine weitere Geburtsstunde der Stadt in der Mojave-Wüste, die den steten Wandel zum Überleben braucht.
„Wir beobachten, dass Las Vegas seit Jahrzehnten als fake wahrgenommen wird“, sagt Soligo. Eine Plastikstadt und ein Sündenpfuhl, dem Glücksspiel verschrieben. Das Image gespeist durch Anekdoten rund um das „Rat Pack“ um Frank Sinatra, Hollywoodstreifen wie „Ocean’s Eleven“ oder „Hangover“. Ein Flecken Erde, irgendwo im Nirgendwo des Westens der USA. Ohne Geschichte, erst 1905 gegründet. „Als nicht authentisch, nicht einmal als richtige Stadt“, sagt die Wissenschaftlerin. Denn: „Es ist in den gesamten Vereinigten Staaten so: Erst wenn du eine Sportmannschaft hast, bist du eine richtige Stadt.“
Kein Glücksspiel, sondern Diversität
„Es ist auch ein Zeichen dafür, dass Las Vegas erwachsen geworden ist“, sagt Steve Hill, Chef von Las Vegas Convention, gewissermaßen das Vermarktungsbüro der Stadt, dieser Zeitung, „wir können mit diesen Profimannschaften umgehen.“ Die Golden Knights haben im vergangenen Sommer den Stanley Cup in der NHL gewonnen, die Aces gelten als bestes Frauen-Basketballteam der Welt. Beide Mannschaften wissen ihre Titel gebührend zu feiern – und die Menschen in der Stadt zu begeistern. 2020 zog die Football-Mannschaft der Raiders von Oakland nach Vegas. Bis sich hier auch eine Basketball-Franchise ansiedelt, scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bei den Baseballern ist es bereits beschlossene Sache.
Der Wandel hin zur Sportstadt nahm Fahrt auf, als das bundesweite Verbot von Sportwetten im Mai 2018 fiel. Mit Ausnahme von großen Boxkämpfen von Holyfield, Tyson, Lewis, Klitschko und Co. mied der Profisport aus Sorge um seine Integrität die Stadt der Sünde wie der Teufel das Weihwasser. Inzwischen ist das Spiel mit dem Sport aber in 38 Bundesstaaten sowie in der Hauptstadt Washington D.C. legal.
Bei dr Air Force One geht nichts mehr
Nach der Formel 1 im November ist an diesem Wochenende nun der Super Bowl im Allegiant Stadium zu Gast. Was andere Gastgeberstädte ins Chaos zu stürzen droht, löst in Las Vegas nur Achselzucken aus. Das Wochenende des NFL-Finals ist ohnehin die beliebteste Reisezeit, jedes Jahr kommen an die 300.000 Menschen, nun sollen es einfach noch einmal 125.000 mehr sein. Zum Kollaps kommt es nur, als neben den Kansas City Chiefs und den San Francisco 49ers, den beiden Mannschaften, die sich um die Meisterschaft duellieren, quasi zeitgleich auch noch US-Präsident Joe Biden auf Wahlkampftour in Vegas einfliegt. Als seine Air Force One auf dem Rollfeld des Flughafens steht, herrscht Hochbetrieb. Nichts geht mehr, aber nur kurz.
Spaziergang auf dem Strip, jener 6,8 Kilometer langen Vergnügungsmeile. Vom alten Ägypten ist es nicht weit zu einer Ritterburg, die Freiheitsstatue entführt den Beobachter nach New York. Überall die berühmte Leuchtreklame, überall ist die NFL präsent. Ein wenig entfernt, aber nicht zu übersehen, leuchtet auf „The Sphere“, jener 2,3 Milliarden Dollar teuren Mehrzweckhalle in Kugelform mit einem Durchmesser von 157 Metern, das Super-Bowl-Logo. Die 57,6 Millionen LEDs zeigen die Quarterbacks Patrick Mahomes und Brock Purdy und die Helme der Chiefs und 49ers im XXXXL-Format. Parken an der neuen Arena kostet während einer Veranstaltung stolze 47,50 Dollar. „Das ist Vegas, Mann“, sagt der Parkplatzwächter nur und lacht.
Problem: Der Wandel im Kopf dauert
Rolltreppen und Fußgängerbrücken machen das Flanieren auf dem Strip bequemer. Restaurant reiht sich an Restaurant, Themenhotel an Themenhotel. Unter dem Eiffelturm wähnt man sich in Paris. Und überall: Casinos. Die Versuchung des großen Gewinns bei kleinem Einsatz. Wobei: Wo früher ein Quarter reichte, verschwinden nun nur noch Scheine in den Schlitzen. Auch die NFL hat Automaten in ihrem Design mit den Helmen der 32 Teams gestaltet. Wenn schon, denn schon.
„Es gibt viel mehr als den Strip“, sagt Soziologin Marta Soligo. „Wir haben ein Musicaltheater, in dem jeden Sonntag Broadway und Ballett aufgeführt werden.“ Es gibt ein kleines Künstlerviertel – und auch außerhalb der Stadt habe Las Vegas einiges zu bieten: „Die Leute kommen aus der ganzen Welt, um im Red Rock Canyon zu wandern“, sagt sie. „Diese Vielfalt im Tourismus geht mit einem Imagewandel einher.“ Das Problem: Bis in den Köpfen der Menschen ein neues Bild der Stadt entsteht, dauert es. „Die Menschen bleiben ein Wochenende hier, gehen zwei Tage auf den Strip, fahren nach Hause und erzählen, dass Las Vegas aus Glücksspiel, Sex und nackten Frauen besteht.“
Plötzlich passieren Gondeln die Kanäle des nachgebauten Venedigs, gegenüber gibt es das Alte Rom zu entdecken – inklusive Cäsar-Statue im Hotelfoyer. Auf dem Asphalt der Straße liegen derweil Werbeflyer für Prostituierte, Männer preisen die Vorzüge ihrer Stripclubs an. Nebenan verbreiten die Wasserfontänen vor dem berühmten Bellagio geradezu romantische Stimmung.
Las Vegas, das sind auch Eindrücke und Gegensätze, die einen zunächst zu überfordern drohen. „Was in Vegas passiert, bleibt in Vegas“, lautete einst der Slogan. Inzwischen haben sie ihn abgewandelt: „Was in Vegas passiert, erlebst du nur in Vegas.“
Wahlkampf im Problemviertel
Keine 15 Autominuten vom Zentrum entfernt ist von Glitzer und Glamour kaum mehr etwas zu spüren. Im Stadtteil Historic Westside herrscht bittere Armut. Die Häuser heruntergekommen, die Gärten verwildert, die Autos auseinandergenommen. An den Straßen leben viele Obdachlose in menschenunwürdigen Verhältnissen. Rassentrennung habe hier in der Vergangenheit eine große Rolle gespielt, während der wohlhabende Familien das Viertel verlassen hätten, sagt Soligo: „Jetzt gibt es dort ernsthafte soziale Probleme.“
Mit ihren Studenten geht die Professorin in den Bezirk mit vielen Baptistenkirchen, spricht mit den Menschen, fragt, was ihnen fehlt. Sportplätze, um Jugendliche zur Bewegung zu motivieren und von Drogen fernzuhalten? Kostenlose Schulbildung? Medizinische Versorgung für Nicht-Versicherte? Soligos Projekt wird von der öffentlichen Hand unterstützt. „Wie kann man das System ändern, um Obdachlosigkeit zu verhindern?“, fragt sie: „Wenn man in einer armen Gegend geboren wird, ist man dort sozusagen gefangen.“ US-Präsident Biden hält seine Wahlkampfansprache bei seinem Vegas-Besuch in einem Gemeindezentrum in Historic Westside. Ob ihm das, was er sieht, zu denken gibt?
Während sich die Super-Bowl-Kontrahenten auf das große Spiel am Sonntag vorbereiten, empfangen die Vegas Golden Knights unter der Woche die Edmonton Oilers. Die Fans feiern ihre Mannschaft, die Stadt verkraftet auch diesen zusätzlichen Ansturm. Nebenbei präsentieren sich zwei Boxer, die bald um die Weltmeisterschaft kämpfen – und auf den Leinwänden läuft Werbung für ein Tennis-Match zwischen Rafael Nadal und Carlos Alcaraz im März.
„Haben Steuern investiert“
Das Ziel, zur globalen Sporthauptstadt zu werden, lässt sich Las Vegas einiges kosten. Die Arena der Golden Knights hat 375 Millionen Dollar verschlungen und wurde teilweise über eine Sonderabgabe bei den Hotelpreisen finanziert. Also haben auch die Fans der Auswärtsmannschaften dafür bezahlt. Ein ähnliches Vorgehen plant die Stadt bei der neuen Baseball-Arena – und um ihren 750-Millionen-Anteil am 1,9 Milliarden Dollar teuren Allegiant Stadium zu stemmen, wurde kurzerhand die Tourismus-Steuer in Süd-Nevada erhöht.
„Die Rendite der Steuergelder ist höher als die investierten Steuern“, sagt Marketingchef Steve Hill. Die Einnahmen des Stadions lägen schon jetzt über der Planung, der Super Bowl dürfte das Ergebnis weiter verbessern. Hill kontert Kritik geschickt: „Wir haben keine Steuergelder genommen. Wie haben Steuergelder investiert.“
In der Bevölkerung sehen das nicht alle so. Zwar ist die Sportbegeisterung groß, ähnlich groß ist aber auch das Unbehagen der Menschen. „Sagen Sie einem Amerikaner nie, dass er mehr Steuern zahlen muss“, sagt Soziologin Soligo. Ob sich die Stadionprojekte langfristig auszahlen und die Bevölkerung profitiert, müsse sich erst zeigen: „Ich sage nicht Nein, aber es ist knifflig. Das wissen wir erst in zehn Jahren.“ Der neuerliche Wandel ist für Las Vegas auch das, wofür die Glücksspielmetropole seit jeher bekannt ist. Die Stadt platziert eine enorme Wette. Nur, dass der Einsatz kein Geld ist, sondern die eigene Zukunft.
