Rheinpfalz am Sonntag
Schenken und beschenkt werden
Der mittelalterliche Chronist ist beeindruckt. „Im Palast zu Aachen wurde gefeiert: Im Juli kam Isaak mit dem Elefanten und den übrigen Geschenken des Königs der Perser und übergab sie dem Kaiser“, notieren die Reichsannalen. Das Ganze spielt im Jahr 802. Karl der Große war zwei Jahre zuvor an Weihnachten im Rom zum Kaiser gekrönt worden. Der Kalif von Bagdad brachte einen Elefanten als Geschenk auf den Weg. Der erreichte nach mehr als fünftausend Kilometern Aachen und sollte die Freundschaft festigen.
Schenken ist nicht gleich schenken: Nicht alle Kulturen kennen beispielsweise das Geburtstagsgeschenk. „Aber, wenn wir uns unter Freunden Geschenke machen, verstehen wir das als Zeichen der Wertschätzung, Zuneigung und emotionalen Nähe“, sagt Tatjana Thelen. Sie ist Professorin für Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien und hat sich wissenschaftlich mit der Gabe befasst. Die Japaner etwa kennen mehr als dreißig Begriffe für das Schenken. Irgendein Anlass findet sich immer. Ob zu Neujahr, zur Genesung oder als Beileidsbekundung.
Geldgeschenke zu machen galt in Deutschland lange als verpönt und war eher Älteren vorbehalten, denen beschwerliche Wege für Besorgungen erspart werden sollten. Schon auf türkischen Hochzeiten ist das anders. Die Geldgabe dort ist aber nicht nur ein Geschenk. Sie schmückt auch den Geber. Zu viel? Zu wenig? Hinter dem Geschenk steckt eine komplizierte Ökonomie des Tauschs. „Es gibt eine philosophische Debatte darüber, ob es überhaupt eine interesselose Gabe geben kann“, erläutert Thelen. „Für mich als Wissenschaftlerin ist interessant, unter welchen Umständen eine Spende oder ein Geschenk gesellschaftlich kritisiert wird.“
Rituale und Symbole
Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Das gilt nicht nur für die Weihnachtszeit. Schon Urvölker kennen Begrüßungsgeschenke, sie bekunden Respekt, unterstreichen aber auch die friedliche Absicht des Besuchers. Der französische Forscher Marcel Mauss hat dies um 1900 ausgiebig untersucht. Seine Beispiele findet er auf Samoa, bei den Maori oder den indigenen Völkern Nordamerikas. Sein 1923 erschienenes Buch „Die Gabe“ gilt als Standardwerk der Geschenkforschung. Geben und Nehmen sind für ihn Rituale archaischer Gesellschaften. „Der Austausch von Sachen ist zugleich ein Austausch von Friedenspfändern und Solidaritätsgefühlen“, schreibt Mauss.
Seine Studien prägen die Forschung bis heute. Weil er die innere Logik des Schenkens durchschaut. Gaben müssen erwidert werden und sind „nur theoretisch freiwillig“, schreibt Mauss und spricht von einem „zwanghaften Charakter“. Die Last von Gabe und Gegengeschenk kennen viele in diesen vorweihnachtlichen Tagen. Noch etwas notiert der Forscher: Er unterscheidet das freiwillige Geschenk vom ökonomischen Tausch im Wirtschaftsleben. Für ihn verkommt die Gabe im Kapitalismus zur schnöden Ware. Selige Zeiten, brüchige Welt. Das Geschenk wird idealisiert als Symbol einer friedlichen Urzeit.
Deutsche Missverständnisse
„Die Gabe wird abgegrenzt vom Warenhandel, der unpersönlich sein und auf Profit zielen soll“, erläutert Kulturwissenschaftlerin Thelen mit Blick auf Mauss’ Forschungen. Sie stieß im Zuge ihrer Forschungen über Gesellschaften der Nachwendezeit auch auf Missverständnisse rund um die Westpakete. Zur Erinnerung: Das sind jene Geschenke, die Bundesbürger (West) während der deutschen Teilung per Post Richtung Osten in die DDR auf den Weg brachten, meist in der Weihnachtszeit.
Das Ganze ist – zumindest im Rückblick – nicht ohne Verwerfungen abgelaufen. „In den Zeiten der Existenz zweier deutscher Staaten sollten die Gaben eine nationale Einheit symbolisieren. Sprachlich wurde dabei mit der Betonung von den ,Brüdern und Schwestern’ auf ein imaginiertes verwandtschaftliches Verhältnis zurückgegriffen“, beschreibt Thelen den halbamtlichen Auftrag der staatlich gelenkten Präsentaktion West. Die Ausgaben für Waren und Porto waren im Westen sogar steuerlich absetzbar.
Doch auch im Osten erzeugen die Geschenke im Nachhinein Irritationen. Thelen erzählt: „In der ostdeutschen Kritik der Nachwendezeit drückten die Westpakete für viele rückblickend westdeutsche Arroganz und Materialismus aus. Der Status als hilfebedürftige Empfängerinnen und Empfänger sowie die Unfähigkeit zu gleichwertig wahrgenommener Reziprozität bestätigt die These von Marcel Mauss: Die Gabe festigt Ungleichverhältnisse.“ Geschenke können auch beschämen.
Staatspräsente
Weder das Geben noch das Nehmen sind also einfach. So verhält es sich auch mit offiziellen Staatsgeschenken. Tiere gehen immer. Nicht nur bei Karl dem Großen. China schickt 1972 Pandabären in die USA, um die neuen diplomatischen Beziehungen zu unterfüttern. Später wird auch der Berliner Zoo bedacht. Von „Botschaftern guter Beziehungen“, spricht die chinesische Führung.
Wenn’s nur so unkompliziert wäre. Österreichs Außenministerin Karin Kneissl erhält 2018 zur Hochzeit blaue Saphir-Ohrringe und bedankt sich mit einem Knicks beim Geber: Russlands Staatschef Wladimir Putin.
Politisch schon damals heikel, ebenso wie der Wert des Geschenks: geschätzte rund 50.000 Euro. Der Schmuck lagert mittlerweile in Beständen der Republik Österreich.
Genauso wird mit Staatsgeschenken in Deutschland verfahren. Regelmäßig werden die Gaben zugunsten der Staatskasse versteigert. Zuletzt in diesem Sommer ein kleiner Porsche 911 in Silber vom Betriebsrat des Stuttgarter Autobauers oder ein Falke in Gold vom Herrscherhaus in Saudi-Arabien. Ablehnen solcher Gaben geht nicht, das käme einer Brüskierung gleich. Aber auch Annehmen ist schwierig. Rasch landet man bei der Korruption. Nur persönliche Geschenke darf ein Politiker behalten. Bundeskanzler Konrad Adenauer entschied deshalb: „Was persönlich ist, bestimme ich.“ Andere urteilten unnachgiebiger. Der französische Langzeitminister und gewiefte Intrigant Joseph Fouché notierte zu Beginn des 19. Jahrhunderts: „Wenn es heißt, ein Mensch sei unbestechlich, frage ich mich unwillkürlich, ob man ihm genug geboten hat.“
Spenden
Sankt Martin handelt selbstloser. Er teilt der Legende nach seinen Mantel im Winter freigiebig mit einem Bettler. Ein Beispiel der Nächstenliebe. Caritas heißt das im Lateinischen. Der Wortstamm spiegelt sich im englischen Charity wider. Doch ist es mit dem Spenden nicht so leicht. Amazon-Gründer Jeff Bezos etwa will zwar seine Milliarden spenden, zugleich aber entlässt er in diesen Tagen zehntausend seiner Beschäftigten. Die Charity sucht die Öffentlichkeit. Und so wird die großzügige Gabe nach amerikanischer Art eher zum Freikaufen. Gegeben wird reichlich, aber nach eigenem Belieben. Dafür verschont der Staat Wohlhabende vor hohen Steuern. Das Ganze folgt der Logik eines Deals.
Ganz anders verhält es sich mit der anonymen Spende. So erhielt die Stadt Görlitz jahrelang eine Millionengabe. Absender unbekannt. Die Spende kann viele Formen annehmen. „Anonymisierte Spenden an Institutionen oder Parteien. Die Kirche kennt die Kollekte. Im medizinischen Bereich gibt es die Organspende“, sagt Kulturwissenschaftlerin Thelen. „Die Anonymität soll den Altruismus betonen, also die Gabe als interesselos erscheinen lassen. Das erlaubt es dem Gebenden, sein Handeln als ethisch motiviert darzustellen.“
Stiften und beten
So verhält es sich auch mit Schenkungen. Im Mittelalter stifteten Adlige gerne ein Kloster. Salier-Kaiser Konrad II. etwa hat die Limburg oberhalb Bad Dürkheims zum Kloster umgewidmet. Der Glaube kennt die Opfergabe. Aber ganz so uneigennützig geht es auch beim Beten nicht zu. Der Anthropologe Simon Coleman hat die Motive evangelikaler Christen untersucht. Das Gottvertrauen ist ganz und gar nicht uneigennützig. Forscherin Thelen fasst die Ergebnisse so zusammen: „Die Gegenleistung ist dann durchaus materiell und nicht allein auf das Seelenheil gerichtet. Eine Beförderung etwa kann als göttliche Gegengabe für die Spende interpretiert werden. Die Grenzen zwischen materiell und immateriell sind fließend.“
Gutscheine
Bei so vielen materiellen Interessen gibt es eine neue Tendenz auf dem Gabentisch: den Zeit-Gutschein für wertvolle Stunden. Neudeutsch auch Quality-Time genannt. Thelen sieht darin nicht allein ein Abrücken vom Materiellen: „Das spiegelt deutlich die Funktion der Gabe als Kritik. Es wird eine vormoderne Zeit idealisiert, in der die Verhältnisse immaterieller gewesen sein sollen. Das greifen viele auf, wenn sie sagen: Weihnachten wollen wir nicht so materiell sein. Deshalb schenken wir uns lieber etwas anderes.“
Festgeschenke
Gaben zu Weihnachten sind relativ neu. Ursprünglich hat es die Geschenke am 6. Dezember gegeben, da feiert die katholische Kirche das Fest des heiligen Nikolaus. Der Märtyrer aus Kleinasien soll einst drei arme Schwestern mit goldenen Äpfeln bedacht haben. Deshalb gab’s zu Ehren seines Festtags am 6. Dezember Äpfel und Nüsse. Die Reformation rückt ab von Heiligen, das macht es auch für den Nikolaus schwerer. So kommt mit Martin Luther das Christkind ins Spiel. Zunächst existieren beide Gabenbringer nebeneinander. Das „Christkind oder Sanct Nicolas“ sollen bescheren, nennt Luther noch beide gleichberechtigt. Im Lauf des 16. Jahrhunderts setzt sich dann das Christkind durch: zunächst in protestantischen Regionen wie Schleswig und Holstein, ab dem späten 19. Jahrhundert dann auch in katholischen Gegenden wie Bayern, Baden und der Pfalz. Heute lässt sich der Unterschied eher semantisch erkennen. In protestantisch geprägten Landstrichen kommt eher der Weihnachtsmann, in katholischen Regionen bringt das Christkind die Geschenke.
Ehre und Rückgabe
Nach Weihnachten kommen die drei Könige. Und mit ihnen Kostbares wie Weihrauch, Gold und Myrrhe. Ein Geschenk soll auch Ehre erweisen. In heutigen Zeiten steht nach dem Fest eher der Umtausch unerwünschter Präsente an. Das führt zu der Frage: Wann dürfen Geschenke eigentlich zurückgefordert werden? Rechtlich ist das schwierig. Gesetzlich gilt: Nur bei „Verfehlung“ oder bei „grobem Undank“.
Ganz anders hielt es der französische Humanist Michel de Montaigne. Er verzichtete auf Geschenke und notierte im 16. Jahrhundert: „Ich finde, nichts kommt mich so teuer zu stehen wie das, was mir geschenkt wird und wofür mein Wille mit einer Dankesschuld belastet bleibt. Lieber nehme ich Dienste in Anspruch, die zu kaufen sind. Habe ich nicht recht? Für diese gebe ich ja nur Geld, für jene aber mich selbst!“
Forscherin Thelen sieht es übrigens privat mit dem Schenken sehr gelassen. „Wenn es die Gelegenheit zum Schenken gibt oder auch Geschenke zu bekommen, nehme ich das gerne an.“ Also, her damit! Nehmen ist seliger als Geben.