Kriminalität und Schlagzeilen
Krawalle in Schwimmbädern: Wie ein Pfälzer Hausmeister die Situation erlebt
Scheint auch was mit Vogelkunde zu tun haben, der Job als Hausmeister im Freibad, jedenfalls wenn man Manfred Platz folgt. „Ich bin jetzt 20 Jahre da“, sagt er, „ich kenn meine Hinkel an den Federn.“ Das Federkleid besteht manchmal aus Jogginghosen, und in denen stecken manchmal junge Männer mit Migrationshintergrund, und die treten manchmal in Gruppen auf. Und dann macht Platz eben das, was er wohl sehr gut kann, wenn der Schein nicht trügt: Klare Ansagen machen und dabei auf Augenhöhe bleiben. „Man muss sie halt rechtzeitig ansprechen – bevor der Adrenalinschub kommt“, sagt Platz.
Ärger in Berliner Bädern
Pöbeleien und Randale in Freibädern werden gerade wieder einmal diskutiert, und es hängt sich wieder einmal an den üblichen verdächtigen Berliner Örtlichkeiten auf, dem Columbiabad in Neukölln beispielsweise, das wegen aggressiver Gruppen von Jungmännern mal wieder geräumt und zeitweise geschlossen werden musste.
Wäre das die Blaupause für den Rest der Republik, dann müsste bei Manfred Platz eigentlich permanent die Hütte brennen. Er arbeitet im Ludwigshafener Bliesbad – und das befindet sich in der Achslage diverser, durchaus nicht unproblematischer Viertel. Im Uhrzeigersinn: Das Unterbringungsgebiet in der Bayreuther Straße, der Stadtteil West, die Ernst-Reuter-Siedlung ist auch nicht so weit und einige Hundert Meter Luftlinie entfernt, an der Wollstraße, gibt’s dann auch noch eine Flüchtlingsunterkunft. Müsste also permanent brennen, die Hütte, tut sie aber nicht. „Man merkt schon, dass wir internationaler werden“, sagt Hans-Jürgen Beringer, der Erste Vorsitzende des Vereins, der das Bliesbad betreibt, „aber es ist harmonisch.“ Stellt sich die Frage: Warum funktioniert hier, was in Berlin schiefgeht?
Thema „Nachbarschaft“
Hat schon mit der Klientel im Bad zu tun, eher ältere Leute und Familien mit Kindern, gerade verlässt eine Gruppe von Kindergartenkindern samt Bollerwagen das Gelände. Andere Bezugsgruppe als im Columbiabad also – aber auch der muss man erst mal das Gefühl geben, willkommen und sicher zu sein, selbst wenn wie am Wochenende 3500 Besucher da sind. Und dass man sich hier sicher fühlt, hat wohl viel mit dem Begriff „Nachbarschaft“ zu tun.
Die verwirklicht sich wohl im Bliesbad, und das hängt schon mit dem Betriebskonstrukt zusammen: Seit 1995 ist das Bad in Trägerschaft des Fördervereins, mit Zuschüssen der Stadt. Man kennt sich im Verein mit seinen 681 Mitgliedern, und „viele Badegäste kennt man“ auch, sagt Beringer. Nachbarschaft heißt Konfliktvermeidung durch Kommunikation, und wenn es doch zu Konflikten kommt, heißt Nachbarschaft auch: soziale Kontrolle. „Wenn sich was auf der Wiese abspielt, rufen sie (die Badegäste, d. Red.) auch bei uns an – und dann reagieren wir“, sagt Beringer.
Manfred Platz kennt „fast alle“
Manfred Platz kennt sie sowieso „fast alle“, und auch deswegen gibt es jetzt erst mal ein kleines Schwätzchen mit dem Gast, der ein wenig humpelt, er war kicken. Kommunikation ist das Herstellen von Gemeinsamkeiten, liegt dem Pfälzer sowieso in der DNA, meint Platz. Und da stellt sich die Frage, ob man angesichts der Verwerfungen in den Berliner Bädern wirklich Probleme der Zuwanderung diskutiert – oder eher die Tatsache, dass viele Berliner Milieus als ziemlich zerschossen gelten dürfen. Wahrscheinlich tut man beides.
Zunächst ist die Berliner Blase nicht das große Ganze: Für die Bäder der Vorder- und Südpfalz beispielsweise bewertet das Polizeipräsidium Rheinpfalz die Lage „insgesamt als unauffällig“. In der Westpfalz sei in den Bädern zurzeit „weder ein verstärktes Einsatzaufkommen zur Streitschlichtung zu beobachten noch zur Aufnahme von Rohheitsdelikten erforderlich“, meldet das Polizeipräsidium Westpfalz.
Mäßig viel Anlass zur Besorgnis also in der Pfalz, wenigstens beim Baden, aber natürlich offenbart sich in den teilweise erhitzen Diskussionen über Berliner Kiezbäder etwas ganz anderes: das inzwischen weit verbreitete gesellschaftliche Gefühl, sich beim Thema „Zuwanderung“ in den Jahren seit 2015 ziemlich überhoben zu haben.
Dauerbrenner Integration
Es gibt einige Punkte, in denen sich selbst Soziologen beim Thema Integration vergleichsweise einig sind, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, natürlich. In der ersten Generation an Zugewanderten sind zunächst mal keine großen Integrationsschübe zu erwarten – insbesondere dann nicht, wenn größere Gruppen jeweils einer Ethnie angehören, sich also intern Netzwerke schaffen können. Was sich dabei auch dauerhaft herausbilden kann, sind Schichtungen, die auf gemeinsamer Herkunft und gemeinsamem (oft niedrigem) Sozialstatus beruhen, und die sich, wenn verfestigt, oft nur noch schwer auflösen lassen. Jene ethnischen Schichten können durchaus in Konkurrenz zueinander treten, vielleicht ist die Randale in Berliner Freibädern ein Beispiel dafür – das müsste sich aber mal jemand genauer anschauen. Was ziemlich sicher ist: Die erfolgversprechendsten Methoden dafür, dass sich jene Schichtungen oder „Parallelgesellschaften“ gar nicht erst verfestigen, sind die Integration ins Arbeitsleben und, vor allem, Bildung und damit sozialer Aufstieg. Und da fängt das Elend eben an.
Verwerfungen im Freibad als Symbol
Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund haben deutliche schlechtere Chancen, einen Kita-Platz zu ergattern – genauso wie Kinder aus sozial schwachen oder bildungsfernen Familien, und das auch dann, wenn die Eltern ihr Kind durchaus in die Kita schicken wollen. Die Förderung von Sprach-Kitas hat der Bund gerade eingestellt – und beim Ersatz, den das Land dafür vorhält, dürften Kommunen mit vielen sozialen Problemen und hohem Anteil an Migranten nicht eben die Gewinner sein. Und das alles mündet dann, vorläufig, in etwas, das inzwischen „Grundschulkrise“ genannt wird, mit hohen Quoten an Sitzenbleibern gerade in den Kiezschulen, oft eben mangels Sprachkenntnissen.
Und so verdichten sich die Verwerfungen der Berliner Freibadsaison zum Symbol: Für die Ahnung nämlich, dass die schiere Masse an Zugewanderten die Strukturen beispielsweise in Bildung, sozialer Fürsorge oder Ordnungspolitik zurzeit heillos überfordert – Strukturen, die schon vorher gerade für sozial Schwache alles andere als ideal aufgestellt waren. Immerhin bekommt man im Bliesbad dann eben einen Hinweis darauf, was vielerorts immer noch funktioniert, wenn’s denn nicht gerade Berlin ist: Sozialer Nahbereich, Quartiere und Nachbarschaften nämlich.
Gut funktionierende Netzwerke
Das zeichnet Ludwigshafen nämlich auch aus: Die Stadt sieht zwar aus, als würde sie unter so etwas wie städtebaulicher Schuppenflechte leiden, sie verfügt aber bei genauerer Betrachtung über recht gut funktionierende soziale Netzwerke.
Und die milieuübergreifende Kommunikation, die gibts hier auch noch: In der Frühzeit des Bades, da war der Eintritt noch frei, sind öfter Besucher aus der Bayreuther Straße vorbeigekommen. „Auch mit denen kann man reden“, sagt Hausmeister Platz. Bei einer Gruppe von Kindergartenkindern aus dem Hemshof, die kein Geld mehr fürs Eis hatten, bei denen hat die Belegschaft jüngst zusammengelegt, man ist ja nicht so, hier.
Im Übrigen: Das mit den Bädern ist ja gerade wieder aus dem Sommerloch verschwunden. Am Donnerstag streifte ein Löwe um Berlin.
Leserhinweis
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Das aktualisierte E-Paper der RHEINPFALZ am SONNTAG lesen Sie sonntags ab 5 Uhr mit der RHEINPFALZ-App. Mehr dazu hier.
