Rheinpfalz am Sonntag
Jüdischer Karnevalsclub: Falafel statt Faseküchle
Jecke. Unter jüdischen Israelis ist dieser Ausdruck geläufig. Anders als im rheinländischen Karneval bezeichnet er jedoch nicht den Jeck, der sich zwischen dem schmutzigen Donnerstag und dem Aschermittwoch regelmäßig in ein Feierbiest verwandelt. Wenn Israelis von Jeckes sprechen, dann meinen sie mit leicht spöttischem Unterton die deutschen Einwanderer, die auch in der Hitze ihrer neuen Heimat auf das Jackett, Attribut ihrer pedantischen Korrektheit, nicht verzichten wollten. Die schönsten Beispiele des jüdischen Humors finden sich in Jeckes-Witzen.
Die Jecken der „Kölsche Kippa Köpp“ sind närrisch korrekt gekleidet. Allerdings tragen sie statt einer Kippa, der runden Mütze religiöser Juden, bei den Festen das Krätzchen, die Narrenkappe der Karnevalisten. Sie leuchtet blau und weiß, wie die Flagge des Staates Israel – die in Köln erfunden wurde. Auseinandergefaltet kommen in den Krätzchen der „Kölsche Kippa Köpp“ die rot-weißen Stadtfarben Kölns zum Vorschein, der Davidstern, die Menora, also der siebenarmige Leuchter, und ein Gebet in hebräischer Sprache, das vor einer Reise gesprochen wird und den Wunsch ausdrückt, dass man gesund losgehen und ebenso wohlbehalten wiederkehren möge. Wie die Narren, wenn sie sich in den Trubel stürzen.
„Shalom - Alaaf“: Ein Lied für die jüdischen Jecken
Das erzählt Aaron Knappstein, der Präsident der „Kölsche Kippa Köpp“, der RHEINPFALZ am SONNTAG beim Telefonat aus seinem Auto. Er ist viel unterwegs in diesen tollen Tagen, es ist Fastelovend am Rhein und Köln eine leuchtende Feiermeile. Überall wird gesungen, getanzt, geschunkelt, die jüdischen Jecken sind mittendrin. Für Knappstein ist das wichtig. „Wir haben uns gegründet, um den Kölner Karneval zu feiern und nicht etwa, um jüdische Witze zu erzählen“, sagt er. „Wer den speziellen jüdischen Humor sucht, ist bei uns falsch.“
Der weltweite Medienrummel um die „Kölsche Kippa Köpp“ freut ihren Präsidenten gleichwohl. Den Musiker Rolly Brings hat die Idee so fasziniert, dass er ein Lied mit dem Titel „Shalom – Alaaf“ geschrieben hat. Die erste Strophe drückt aus, was die Jecken in Köln bewegt und was sie verbindet:
En Pappnas em Jeseech, en Kippa om Kopp: Shalom – Alaaf – Shalom!
Ov Chress udder Jüdd – hück simmer all beklopp: Shalom – Alaaf – Shalom!
Wenn et Trömmelche jeiht, dann stommer all parat: Shalom – Alaaf – Shalom!
Dann fiere mer zesamme un trecke durch uns Stadt: Shalom – Alaaf – Shalom!
Ihrem Trömmelchen folgen Kölner an vielen Orten: im Stadion, auf der Straße, in der Synagogengemeinde. Zwar wollen die „Kölsche Kippa Köpp“ normale Narren sein, klar ist aber, dass „unsere Mitglieder ihre Geschichte in das Vereinsleben mitbringen“, wie Knappstein sagt. „Wir erreichen viele Menschen, die sich sonst nicht mit dem jüdischen Leben befassen, über den Karneval.“ Das würdigen auch offizielle Vertreter des Judentums, betont Knappstein. Abraham Lehrer, der Synagogenvorstand in Köln und Vizevorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, halte den Verein für eine gute Sache und unterstütze ihn nach Kräften. Förderer seien liberale und orthodoxe Juden ebenso wie Menschen, die ihre jüdische Religion im Alltag gar nicht praktizieren.
Party im Brauhaus
Wichtigster Termin im närrischen Kalender der Kippa Köpp ist die Sause „Falafel & Kölsch“, sie steigt im Saal der Synagogengemeinde. Außerdem organisieren die Karnevalisten eine Benefizveranstaltung für das Elternheim, eine jüdische Sozialeinrichtung für Senioren. In diesem Jahr feierten die Narren erstmals eine öffentliche Party außerhalb der jüdischen Gemeinde: im Stapelhaus, einem traditionellen Brauhaus. Der Andrang, schildert Knappstein, war groß.
Um einen jüdischen Gottesdienst abzuhalten, sind laut den religiösen Vorschriften zehn erwachsene Beter nötig. Im November 2017 reichten acht Männer, um einen jüdischen Karnevalsverein ins Leben zu rufen. Fünf Jahre später zählen rund 120 Personen zu den „Kölsche Kippa Köpp“. Der Verein sei sehr gemischt, schildert Knappstein – Frauen und Männer, Juden und Nichtjuden, Kölner und Auswärtige. Es gibt rund 40 aktive Mitglieder, etwa 70 Prozent von ihnen sind Juden, während unter den 80 Fördermitgliedern das zahlenmäßige Verhältnis genau andersherum ist – „ohne dass wir das steuern“, wie der Präsident betont.
Den entscheidenden Anstoß zur Gründung der „Kölsche Kippa Köpp“ gab Christoph Kuckelkorn. Er ist als Festkomitee-Präsident zwischen dem Elften Elften und Aschermittwoch so was wie der Frank-Walter Steinmeier der Domstadt, sein Wort hat Gewicht. Kuckelkorn fand 2017, es sei höchste Zeit, den jüdischen Anteil am Kölner Karneval wieder sichtbar zu machen. Die Tradition der jüdischen Narretei ist nämlich viel älter als die „Kölsche Kippa Köpp“.
Ein Bankier als Prinzessin
In diesem Jahr feiert der organisierte Karneval in Köln 200-jähriges Bestehen, schon früh feierten die Juden der Stadt mit. Der Bankier Simon Oppenheim fuhr als Prinzessin Venetia im Rosenmontagszug mit. In Akten des Traditionsvereins „Rote Funken“ finden sich die Namen vieler jüdischer Kaufleute. 1922 rief der damals 35-jährige Textilkaufmann Max Salomon den „Kleinen Kölner Klub“ (K.K.K.) ins Leben, dessen Mitglieder alle jüdischer Herkunft waren. Der K.K.K. unterschied sich in nichts von den anderen Karnevalsgesellschaften der Stadt. Er organisierte große Prunksitzungen, geleitet von einem Elferrat, vergab Sessionsorden und pflegte Kontakte zur kölschen Kunstszene. Die Jecken gaben sich Uznamen, ihr Präsident Max Salomon hieß „de Pläät“, hochdeutsch für die Glatze, wegen seiner ausnehmend hohen Stirn.
Die jüdischen Karnevalisten waren bestens vernetzt und fühlten sich in der Stadtgesellschaft integriert. Doch dieselben Jecken, die mit jüdischen Mitbürgern gerade noch Bützchen getauscht hatten, wollten nach 1933 kein Kölsch mehr mit ihnen trinken. Schon 1934 gab es im Rosenmontagszug einen antisemitischen Motivwagen. „Die Letzten ziehen ab“, stand auf dem Transparent zu lesen. Und ab 1935 wurden Juden aus den Narrenzünften ausgeschlossen. Schluss mit lustig.
Mitglieder des „Kleinen Kölner Klubs“ wurden in den Vernichtungslagern gequält und ermordet. Anderen wie Max Salomon und seinem Bruder Willi gelang die Flucht in die USA oder nach Palästina. In Los Angeles, New York oder Tel Aviv feierten sie weiter Karneval, unbeschadet der bitteren Erinnerungen an die alte Heimat. Im israelischen Haifa gab es bis in unsere Tage die „Vereinigung ehemaliger Kölner und Rheinländer“. Der Autor dieses Beitrags hat erlebt, wie Mitglieder am Ende eines ernsten Diskussionsabends gemeinsam mit einer im Rheinland aufgewachsenen Journalistin inbrünstig das Lied „Ich möcht zo Foß noh Kölle jon“ sangen.
Beim Feiern kommen Vorurteile nicht auf
Sehr bewusst knüpfen die „Kölsche Kippa Köpp“ an die Tradition des „Kleinen Kölner Klubs“ an, auch durch den Namen mit den drei großen K. Viele Mitglieder sind laut Aaron Knappstein in anderen Vereinen aktiv und wollen Menschen unterschiedlicher Herkunft zum Feiern zusammenbringen. Auch außerhalb der Kampagne: Die „Kölsche Kippa Köpp“ treffen sich einmal im Monat zum Stammtisch, unternehmen einmal im Jahr eine Fahrt in die Sommerfrische und organisieren Stadtführungen, zu Kölns jüdischer Geschichte etwa.
Das Judentum in die Stadtgesellschaft zu tragen und umgekehrt den Karneval in die jüdische Gemeinschaft: darin sieht Aaron Knappstein das Ziel der „Kölsche Kippa Köpp“. Er sagt: „Wenn man sich kennenlernt und miteinander feiert, kommen Vorurteile erst gar nicht auf.“ Oder wie es die Band um Rolly Brings in ihrem Lied ausdrückt:
Jet danze, bütze, singe – dat deit keinem wih: Shalom – Alaaf – Shalom!