Geschichte
Die Ex-Sklavin, die eine Gewerkschaft gründete
Ein halbes Jahr lang, vom Oktober 1886 und bis März 1887, reist Lucy Parsons aus Chicago durch die USA, spricht, oft umweht von roten Fahnen, manchmal zweimal am Tag zweieinhalb Stunden lang vor großem Publikum. Es ist eine Herzensangelegenheit: Die 36-Jährige kämpft um nichts weniger als das Leben ihres zum Tode verurteilten Mannes.
Die „dunkle Göttin der Anarchie“, wie die Presse sie nennt, ist selbstbewusst und redegewandt, jedenfalls nimmt sie kein Blatt vor den Mund: „Ich bin Anarchistin. Ich vermute, die meisten von euch sind hierhergekommen, um zu sehen, wie eine echte, lebendige Anarchistin aussieht“, sagt sie in einer ihrer Reden.
Und weiter: „Ich vermute, einige von euch haben erwartet, mich mit einer Bombe in der einen und einer brennenden Fackel in der anderen Hand anzutreffen und sind jetzt enttäuscht. Ihr verdient es, enttäuscht zu sein! Anarchisten sind friedfertige, gesetzestreue Menschen!“
Ihr Mann, ein Weißer, kämpfte für den Süden
In Bezug auf ihren Mann Albert, dem fälschlicherweise ein Attentat vorgeworfen wird, fährt sie fort: „Wenn dieses Urteil vollstreckt wird, wird es die Totenglocke von Amerikas Freiheit sein. Ihr und eure Kinder werdet Sklaven sein. Ihr werdet nur Freiheit haben, wenn ihr sie bezahlen könnt! Wenn dieses Urteil vollstreckt wird, setzt die Fahnen unseres Landes auf Halbmast und schreibt auf jede ihrer Falten: Schande!“
Lucy Parsons kommt als Sklavin in Virginia zur Welt, ihr genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt, vermutlich im Jahr 1851. In ihrer Jugend wird sie Lucia genannt. Der 13. Zusatzartikel zur US-Verfassung, der am 18. Dezember 1865 in Kraft tritt, verändert ihr Leben für immer: Er verbietet die Sklaverei und bringt auch Lucy, ihrer Mutter und ihren jüngeren Geschwistern die Freiheit.
Ihren Mann Albert Parsons lernt Lucy in der Stadt Waco in Texas kennen. Parsons, ein Weißer, während des Bürgerkriegs Armeescout für die Konföderierten, will hier einen Neuanfang wagen. Wagen ist dabei das Schlüsselwort: Der Journalist motiviert ehemalige Sklaven, sich in das Wahlregister einzutragen.
Der Ku-Klux-Klan ist überall
Ein gefährliches Unterfangen, denn der Ku-Klux-Klan begeht beinahe täglich rassistische Lynchmorde und Vergewaltigungen und ist auch in Waco aktiv. Das bewegt Lucia dazu, ihre Herkunft zu leugnen: Um sich zu schützen, behauptet sie, sie stamme von freien Mexikanern und amerikanischen Ureinwohnern ab.
1872 heiraten Lucy und Albert und ziehen nach Chicago. Die Stadt am Lake Michigan ist gerade wie ein Phönix aus dem verheerenden Brand vom 8. Oktober 1871 neu erstanden und zieht nun nicht nur viele Amerikaner, sondern auch zahllose Einwanderer aus Europa an. Bis 1890 wird sich die Einwohnerzahl mehr als verdoppeln, auf über eine Million Menschen.
Die Parsons ziehen in die Mohawk Street im Norden, fast alle ihre Nachbarn sind Deutsche. Durch sie kommt das Paar mit sozialistischen Ideen in Berührung. Albert kandidiert mehrmals, allerdings erfolglos, für die Sozialistische Arbeiterpartei. Die beiden leben öffentlich ihre Gleichberechtigung, ziehen gemeinsam ihre beiden Kinder, Albert Junior und Lulu, auf. Lucy, wie sie ihren Namen abgewandelt hat, trägt mit einer Schneiderei, in der sie auch ihre eigene extravagante rote Kleidung entwirft, genauso zum Broterwerb bei wie Albert.
Die Polizei schießt in die Menge
Im Juli 1877 streiken in vielen großen Städten die Eisenbahner: Sie protestieren gegen Lohnkürzungen, lange Arbeitszeiten und ständige Entlassungen, es kommt zu Unruhen. In Chicago gehen Polizei und Miliz bewaffnet gegen Zehntausende Demonstranten vor, was in schwere Straßenschlachten mündet, an denen sich besonders junge Iren und Tschechen beteiligen. Die Polizei schießt immer wieder in die Menge, Dutzende Männer und auch einige Kinder sterben.
Es ist dieser hohe Blutzoll, der aus den gemäßigten Sozialisten Albert und Lucy Anarchisten macht, die den Gebrauch von Dynamit zur Selbstverteidigung propagieren. In der von ihnen im 1884 veröffentlichten Zeitung „Alarm“ ruft Lucy die 30.000 Arbeitslosen Chicagos dazu auf, lieber den Gebrauch von Sprengmaterial zu erlernen anstatt sich im Winter in ihrer zerschlissenen Kleidung und durchlöcherten Schuhen in den Michigansee zu stürzen.
Die sozialistische Bewegung, die in Chicago entsteht, ist vielschichtig. Die einen, darunter Albert, wollen vor allem den Achtstundentag durchsetzen. Die anderen, darunter Lucy, wollen gleich eine Kommune nach Pariser Vorbild errichten – zur Not auch mithilfe von Waffen. Streiken sollte man nicht vor den Fabriken, fordert Lucy, sondern in ihnen, um sie zu übernehmen.
Die falschen Angeklagten
Zum Schlüsselereignis für die Bewegung wird der 4. Mai 1886. Schon seit drei Tagen streiken die Arbeiter, immer wieder kommt es zu Übergriffen durch die Polizei, es gibt erste Tote. Am 4. Mai zündet dann auf dem Haymarket ein bis heute Unbekannter eine Bombe. Ein Polizist stirbt bei der Explosion, sieben weitere Beamte werden vermutlich im panikartigen Sperrfeuer ihrer Kollegen getötet, dem auch einige Demonstranten zum Opfer fallen.
Statt des tatsächlichen Täters werden die Anführer der Achtstundentag-Bewegung angeklagt, unter ihnen Albert Parson. Der taucht zunächst ab, stellt sich aber, als Staatsanwalt und bürgerliche Presse das Leben seiner Gefährten fordern. Zeugen bestätigen, die Kundgebung sei bis zum Vorrücken der Polizei friedlich gewesen. Unter den Angeklagten hantiert nur der junge Louis Lingg, ein Einwanderer aus dem Raum Mannheim, tatsächlich mit Dynamit, ohne etwas mit der konkreten Tat zu tun zu haben. „Ich verabscheue eure auf Macht gegründete Herrschaft! Hängt mich dafür!“, ruft Lingg den Geschworenen zu. Ihr Urteil fällt tatsächlich gegen die Angeklagten aus.
Diejenigen, die kein Gnadengesuch unterschreiben, weil es einem Schuldeingeständnis gleichkäme, werden am 11. November 1887 gehängt – darunter Albert. Lucys Antrag, sich von ihrem Mann zu verabschieden, wird mehrfach abgelehnt. Als sie in ihrer Verzweiflung androht, alles in die Luft zu sprengen, werden sie und ihre kleinen Kinder in eine Zelle gesteckt, bis die Hinrichtungen vollstreckt sind.
Der 1. Mai gedenkt den Hingerichteten
Am folgenden Trauerzug in Chicago beteiligen sich 25.000 Menschen. 1889 beschließt eine neu gegründete Sozialistische Internationale in Paris, der Hingerichteten künftig mit Maifeierlichkeiten zu gedenken. Eine Tradition, die weltweit bis heute am 1. Mai fortgeführt wird.
Die Ereignisse von Haymarket beschäftigen die USA noch über Jahre, die Gesellschaft ist in der Bewertung gespalten – bis der neue Gouverneur von Illinois, John Peter Altgeld, es 1893 genau wissen will. Der aus Selters im Rheinland stammende Rechtsanwalt studiert die Prozessakten Seite um Seite, am Ende amnestiert er die drei verbliebenen Verurteilten, die noch im Gefängnis sitzen.
Alle Angeklagten seien „Opfer von Hysterie, einer ausgesuchten Jury und eines voreingenommenen Richters gewesen, der Staat habe keinerlei Verbindung mit dem Bombenattentäter beweisen können“, erklärt Altgeld. Im selben Jahr wird in Chicago ein Denkmal für die Toten errichtet.
Ihr Sohn will in die Kolonialarmee
Lucy Parsons bleibt auch nach dem Tod ihres Mannes kämpferisch. Sie reist nach England und Schottland, um für ihre Sache zu werben, gibt eine Monatszeitschrift namens „Freedom“ heraus und schreibt Alberts Biografie. Aber sie hat auch mit Schicksalsschlägen zu kämpfen. Ihre Tochter stirbt früh, später überwirft sie sich mit ihrem Sohn.
Der will unbedingt zur Armee – just im Jahr 1899, als die USA Krieg gegen die Philippinen führen. Lucy kann das als Kriegsgegnerin nicht nachvollziehen und beantragt seine Überstellung in eine psychiatrische Anstalt, argumentiert, ihr Sohn habe sie angegriffen und sei gefährlich. Mit tragischen Folgen: Albert Junior wird die Psychiatrie nicht mehr verlassen. Er stirbt dort 20 Jahre später an Tuberkulose.
1905 wird in Chicago die Gewerkschaft „Industrial Workers of the World“, kurz IWW, gegründet. In ihr organisieren sich vor allem Frauen, Wanderarbeiter, Einwanderer und Afroamerikaner. Auch Lucy ist eine der „Wobblies“, wie die Mitglieder genannt werden.
Hühner, wenig Möbel, Unmengen Bücher
Auf der Gründungskonferenz der IWW vertritt Lucy feministische Positionen: „Wir Frauen in diesem Land haben kein Wahlrecht, selbst wenn ihr es einfordert. Wir sind die Sklaven von Sklaven. Wir werden noch schamloser ausgebeutet als Männer und dazu benutzt, die Löhne zu drücken.“ Unermüdlich spricht sie auf Versammlungen, immer wieder werden ihre Auftritte behindert oder sie wird gar von der Polizei festgesetzt. Ein Teil des liberalen Amerikas unterstützt sie aber.
Ab den 1920ern arbeitet sie für die Freiheit politischer Gefangener im kommunistisch dominierten Labour Defence Committee, tritt hier besonders für unschuldig verfolgte Afroamerikaner ein. In den verbliebenen kleinen anarchistischen Zirkeln sieht sie keine Perspektive mehr für Veränderungen. Entgegen anderslautenden Berichten tritt sie aber nicht der kommunistischen Partei bei und bleibt bis zum Lebensende ihren Freunden aus der Haymarket-Zeit treu.
Sie lebt in einem kleinen, spärlich möblierten Haus mit Unmengen an Büchern, in ihrem Hof hält sie Hühner. In ihren letzten Jahren erblindet sie. Während am Morgen des 7. März 1942 ihr zweiter Ehemann, George Markstall, Einkäufe erledigt, springt Feuer vom Holzofen auf die Küche über. George stürzt trotz der Flammen ins Haus, um Lucy zu retten, vergebens. Auch er erliegt später seinen schweren Brandverletzungen. Die Chicagoer Polizei und das FBI scheinen die streitbare Aktivistin selbst im Tod noch zu fürchten. Die Behörden lassen nach dem Brand Lucys größtenteils unversehrte Bücher und Briefe auf Nimmerwiedersehen verschwinden.
Ausgelöscht wird die Erinnerung an sie dadurch aber nicht. 2022 erscheint die deutsche Übersetzung von Jacquelines Jones umfangreicher Biografie „Göttin der Anarchie“, in der erstmals Parsons Herkunft geklärt wird. Einfühlsam wird die „amerikanische Revolutionärin“ bereits 1976 von Carolyn Ashbaugh beschrieben. Den tiefgründigsten Eindruck über Parsons vermittelt aber der Historiker James Green in „Death in the Haymarket“. Green sieht in dem Prozess gegen Albert Parsons und seine Gefährten „eine Farce, die das amerikanische Ideal der Freiheit und Gerechtigkeit für alle verriet“.