Rheinland-Pfalz
Wenn der Staat baut: Warum deutsche Brücken so schnell bröckeln
Wir planen und wir bauen falsch, sagen ein Forscher und ein Ingenieur, die im Karlsruher Innovations-Zentrum „Prävention im Bauwesen“ an Lösungen unseres Infrastruktur-Dilemmas arbeiten. Das stimmt, sagen ein Bürgermeister aus Baden und ein Experte für Vergaberecht aus Rheinland-Pfalz.
„Allen muss klar sein, dass es nicht normal ist, wenn eine Brücke nach 30 Jahren instandgesetzt werden muss.“ Das ist ein Satz, der harmlos klingt, aber wie Donner hallen sollte in einem Land, in dem es absolut normal erscheint, dass an Brücken so gut wie nichts mehr geht. Sie werden – ob älter oder noch gar nicht so alt – gerade reihenweise saniert, sind eingeschränkt passierbar oder gleich ganz gesperrt. Die Rheinbrücken bei Wörth, Speyer, Mannheim oder Wiesbaden frustrieren südwestdeutsche Pendler massiv, von den maroden Hochstraßen in Ludwigshafen gar nicht zu reden.
„Der Appell, diesen Wahnsinn nicht als normal hinzunehmen, stammt von Andreas Gerdes, Professor für Bauchemie an der Hochschule Karlsruhe und Leiter eines Innovationslabors am Institut für Technologie (KIT). Er beschäftigt sich zum Beispiel mit Beton – jenem Material, das an deutschen Brücken so gerne bröckelt. Gerdes bringt ein Problem des deutschen Bauwesens so auf den Punkt: „Es nützt nichts, den Beton noch etwas fester zu machen. Wir müssen die Bauwerke dauerhafter machen.“
„Dinge mal auf den Kopf stellen“
„Studien zeigen, dass bei 80 Prozent der Instandsetzungen von Autobahnbrücken bereits nach acht Jahren wieder Schäden zu beobachten sind,“ sagt der Ingenieur Jürgen Gänßmantel mit einem Büro im pfälzischen Landau und einem im baden-württembergischen Dormettingen. „Was uns fehlt, ist, dass man die Dinge mal auf den Kopf stellt.“ Um genau das zu tun, arbeiten Gerdes und Gänßmantel im „KIT Innovation Hub – Prävention im Bauwesen“ zusammen, ein Forschungs- und Praxis-Zentrum, das sich dem Umdenken verschrieben hat: Wie planen und bauen wir Brücken, Gebäude, Straßen, Schienen, Leitungen so, dass sie die geplante Lebensdauer auch erreichen?
Die beiden Kardinalfehler
Im Innovation Hub findet sich von der wissenschaftlichen Grundlagenforschung bis zur praktische Umsetzung erstaunlich vieles zusammen. Doch das ist zurzeit noch nicht der spannendste Aspekt des Projekts – auch wenn der Chemiker Gerdes Methoden der preiswerten Oberflächenbehandlung von Beton entwickelt hat, die dessen Lebensdauer drastisch erhöhen, wie er sagt. Der Beton werde so besser vor seinen natürlichen Feinden geschützt: Streusalz und Frost.
Noch erstaunlicher am Zentrum und an dessen Ergebnissen ist aber, wie schlicht und grundlegend die Fehler sind, die wir in Deutschland beim Planen und Bauen machen.
Fehler Nummer 1:
Es werden bei Bauvorhaben vorwiegend oder gar ausschließlich die Investitionskosten in den Blick genommen. Das billigste Angebot wird gewählt. Völlig außer acht gelassen wird die Lebensdauer eines Bauwerks, der „Lebenszyklus“. „Wirtschaftlichkeit wird immer als preiswert im Invest definiert, nicht über die Dauer der Nutzung“, sagt Gänßmantel. Dabei machen er und Gerdes eine einfache Rechnung auf: Würden kommunale Bauherren nur zehn Prozent mehr Geld in die Qualität der Baustoffe investieren, ließe sich die Lebensdauer einer Brücke aus Beton verdoppeln – von 35 auf 70 Jahre. Und da das Material in der Regel nur zehn Prozent der Gesamtkosten ausmache, spreche man hier von einer Kostenerhöhung von gerade mal einem Prozent. Die Zusatz-Investition werde nicht gemacht, weil in Deutschland bislang stur nach Routinen verfahren werde und so auch Innovationen zu langsam in die Praxis eingeführt würden, sagt Gerdes. Auch wenn genau dieses Vorgehen das Land an den Rand des Infrastruktur-Kollapses gebracht hat.
Nur ein Prozent Mehrkosten, doppelte Lebensdauer: Im Moment kann man diesen Berechnungen nur Glauben schenken, weil noch nicht ausreichend Zeit vergangen ist, um sie zu beweisen. Gerdes sieht seine Einschätzung allerdings durch die wissenschaftliche Begleitung und die ersten Erfahrungen gesichert. „Besseres Material hält länger“ – grundsätzlichen Widerspruch wird er für diese Aussage ohnehin kaum ernten. Gerdes’ Lieblingsbeispiel ist das kommunale Schwimmbad, das saniert werden muss, weil das Badewasser den Fugenmörtel der Fliesen viel zu schnell zerstört hat. Viele Kommunen hätten ihr Bad erneuert und dabei das gleiche Fugenmaterial noch mal verwendet – obwohl es auch Fugenmörtel gibt, der resistenter und nur etwas teurer ist.
Fehler Nummer 2:
Fehlendes Begleitendes Qualitätsmanagement – sowohl während des Baus als auch sofort ab Fertigstellung. Das wäre laut Gerdes und Gänßmantel für einen Preis in Höhe von etwa zwei Prozent der Baukosten zu haben.
Zum einen, erklärt der Chemiker Gerdes, werde den Baufirmen nicht immer ausreichend auf die Finger geschaut: „Was nützt das beste Material, wenn es nicht korrekt verarbeitet wird?“ Außerdem krankt laut Gänßmantel das deutsche Bauwesen an der irrigen Vorstellung, alles, was fertiggestellt sei, halte ewig, und ohnehin habe man erst einmal ein paar Jahre Garantie – da passiere also eh nichts. Das Gegenteil sei wahr: „Nichts hält ewig“, sagt Ingenieur Gänßmantel. Vielmehr sei es entscheidend für die Lebensdauer eines Bauwerks, so früh wie möglich, also schon mit der Fertigstellung, regelmäßige und aussagekräftige Kontrollen am Bauwerk vorzunehmen, um sofort – und preiswert – reagieren zu können. Werde der Schaden einfach nur gemäß DIN 1076 erfasst (das heißt: „einfache Prüfung“ nach drei Jahren, „Hauptprüfung“ nach sechs Jahren), indem zum Beispiel der Beton abgeklopft wird, „kann es vielleicht schon zu spät sein“.
Die Modellgemeinde gibt es schon – in Baden
Die 15.000-Einwohner-Gemeinde Malsch, 20 Kilometer südlich von Karlsruhe gelegen, ist ein lebendes Labor für die Wissenschaftler um Andreas Gerdes. Malsch kooperiert als Modellgemeinde mit dem KIT Innovation Hub und setzt seit einigen Jahren bei ihren Bauprojekten das Konzept der Prävention im Bauwesen konkret um – sei es beim elf Millionen Euro teuren Hochwasserschutz mitten im Ort, der die hochgefährdete Gemeinde vor Überflutungen bewahren soll, sei es bei der Schulsanierung.
Elmar Himmel (SPD), seit 2005 Bürgermeister, spricht von „nachhaltiger Finanzpolitik“, wenn die Gemeinde Malsch es beim Bauen eben nicht darauf anlege, den letzten Euro zu sparen, sondern auch den Lebenszyklus des Gebäudes, der Straße, der Brücke oder der Kanalleitungen im Blick hat: „Wir investieren das Geld in die Qualität, damit wir in den kommenden Jahrzehnten möglichst niedrige Sanierungskosten haben.“ Auch der Bürgermeister ist überzeugt, dass es nicht ausreicht, den alten Routinen zu folgen: „Die Fehler fangen schon bei den Leistungsverzeichnissen an.“ Leistungsverzeichnisse, das sind ausführliche Beschreibungen des konkreten Auftrags, die eine Kommune in ihrer Ausschreibung dokumentiert.
Besser etwas mehr bezahlen
Bauwerke werden je nach Nutzung unterschiedlich stark beansprucht. Trotzdem werde, sagt Himmel, im Leistungsverzeichnis in der Regel aus Kostengründen möglichst die niedrigste Baustoffqualität gewählt, was dann zu vorzeitigen Schäden führe, wenn das Bauwerk stärker belastet wird. Der Bürgermeister fragt: „Warum nicht gleich klipp und klar eine bessere oder beste Qualität verlangen und dafür etwas mehr bezahlen?“ So ließen sich frühzeitige Instandsetzungen vermeiden und die Lebenskosten reduzieren – zum Wohl der Gemeinschaft. Mit anderen Worten: „Wenn du als Kommune den Preis drückst, kriegst du nicht die Qualität, die du brauchst.“
Es fehlen: Personal und Sachverstand
Die zweite Säule der Prävention im Bauwesen, wie sie im KIT Innovation Hub propagiert wird, sei für ihn heikler, räumt der Bürgermeister ein: die Aufsicht über die Arbeit auf der Baustelle und die begleitende und kontinuierliche Kontrolle des fertigen Objekts. Man kann dafür externen Sachverstand einkaufen. Doch Himmel sieht das als ureigene Aufgabe der Kommune an. Nur: „Die öffentlichen Verwaltungen sind gar nicht mehr auf Augenhöhe, um alles kontrollieren zu können.“ Soll heißen: Durch „Bürokratieabbau“ und Verwaltungsreformen fehle es in den Rathäusern und Kreisverwaltungen schlicht an Personal, oft auch an Sachverstand, um die Arbeit auf den Baustellen so zu kontrollieren, wie es nötig wäre. „Nur wenn der Bauausführende stets jemanden sieht, der den Hut auf hat, wird die Qualität am Ende gut sein“, sagt Himmel.
Die Riesenchance erkannt
„Nein“, antwortet der Bürgermeister auf die Frage, ob es schwierig gewesen sei, den Gemeinderat davon zu überzeugen, für Projekte mehr Geld in die Hand zu nehmen. Gleich zu Beginn seien Mitglieder aller Ratsfraktionen zu einem Workshop mit Andreas Gerdes eingeladen worden – und der Professor habe die Kommunalpolitiker schnell für seine Ideen gewonnen. Viele ältere Gemeinderatsmitglieder hatten noch in Erinnerung, dass sie schon über Komplettsanierungen von maroden Objekten zu entscheiden hatten, die von ihnen selbst auf den Weg gebrachten worden waren. Die Kommunalpolitiker hätten aus dieser eigenen Erfahrung heraus schnell verstanden, dass sie umdenken müssen – und dass sich da gerade eine Riesenchance für sie auftut. Auch wenn sich der Erfolg der Kooperation erst in einigen Jahren zeigen wird, wenn eben keine teuren Sanierung notwendig sein werden, wovon alle Beteiligten fest ausgehen.
Inzwischen ist die Kooperation mit dem Team des KIT jedenfalls ein Selbstläufer, sagt Himmel. Wenn er heute ein Projekt im Gemeinderat vorstellt, bekomme er von den badischen Ratskollegen zu hören: „Isch de Gerdes schon g’fragt worde?“
Den Finger in die Wunde gelegt
Sie legen den Finger in eine offene Wunde“, sagt der Rheinhesse Klaus Faßnacht zur Fehleranalyse und zu den Vorschlägen von Gerdes und Gänßmantel. Faßnacht ist Referent für Vergaberecht beim Gemeinde- und Städtebund Rheinland-Pfalz und war lange für die Vergabe der Bauprojekte der Landeshauptstadt Mainz zuständig. Er bestätigt die Erkenntnisse aus Karlsruhe auf ganzer Linie: Wer auch nur ein kleines Straßenbauprojekt in Auftrag geben will, erstellt dafür, wie gefordert, ein „erschöpfendes“ 300-seitiges Leistungsverzeichnis. Darin werde dann jeder einzelne Griff zur Schaufel definiert und mit der Masse an Material multipliziert. „Aber die Qualität, die schreibt man nicht rein“, sagt Faßnacht. Dabei habe eine Kommune selbstverständlich die Möglichkeit und ausdrücklich auch das Recht, genau das zu bestellen, was sie haben wolle: „Das darf man schon immer.“
„Wirtschaftlich“ heißt nicht „billig“
Es sei also ein glatter Trugschluss, die deutschen Vergabeordnungen so zu interpretieren, dass stets die billigste Lösung gewählt werden muss. Tatsächlich laute die Vorgabe, die wirtschaftlichste Lösung zu wählen. Und das sei etwas ganz anderes. Da sei es selbstverständlich denkbar und sogar sinnvoll, Kriterien wie Qualität oder den Lebenszyklus, also die Haltbarkeit, mit einzubeziehen, was man natürlich auch bewerten könne, zum Beispiel mit einem Notensystem. „Wir haben das nur vergessen“, beklagt Faßnacht. Er hat festgestellt: „Nur, weil wir uns nicht die Mühe machen, die Qualität bei der Ausschreibung einzufordern, wird der Preis zum entscheidenden Kriterium.“ Das Resultat fasst der Referent des Gemeinde- und Städtebunds in einer alten Bauernregel zusammen: „Billig kauft man zweimal.“
Dann passiert es halt
Den zweiten Kritikpunkt von Gerdes und Gänßmantel – das mangelhafte Qualitätsmanagement – teilt Faßnacht ebenfalls. Er glaubt sogar: Bauleitung vor Ort auf der Baustelle finde in vielen Fällen so gut wie gar nicht mehr statt. Da könne dann die Ausschreibung noch so perfekt sein, das Material noch so hochwertig: Wenn den Bauausführenden irgendwann klar werde, dass ihnen vor Ort eh nie jemand auf die Finger schaue, dann „passiere“ es eben, dass die Qualität am Ende nicht passt. Das Riesenproblem dabei: Wenn die Kontrolle nicht auf der Baustelle stattfindet, dann fällt sie faktisch ganz flach. Denn: „Hinterher hackt das niemand mehr auf – bis es kaputtgeht.“
Info: Vordenker und Vormacher
Die Gruppe um den Bauchemiker Andreas Gerdes, das KIT Innovation Hub, arbeitet mit deutschen Flughäfen zusammen, die haltbarere Landebahnen bauen wollen. Unter den Partnern des Hub sind auch die Deutsche Bahn und Saudi-Arabien. Das Königreich will eine nachhaltige Trinkwasserversorgung in dem Wüstenland sicherstellen. Geforscht wird zudem an Schutzsystemen, die Algen- und Moosbildung an Baustoffoberflächen verhindern, ohne umweltschädlich zu sein. Das Hub hat zehn Mitarbeiter.
Internet: www.hub-bau.kit.edu