Im Nachhinein RHEINPFALZ Plus Artikel Wem der Hahn kräht

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Drei landwirtschaftliche Betriebe, 23 Bewohner, deutlich mehr Pferde, Kühe, Schweine, Schafe, Hunde und Hühner sowie reichlich Grün drumherum: Der Sankt Antoniushof im Landkreis Bad Kreuznach gehört zu jenen Flecken in Rheinland-Pfalz, die mit Fug und Recht als „ländlich“ bezeichnet werden dürfen. Bis vor Kurzem war über dieses Idyll nicht viel mehr zu berichten, als dass dort der Räuberhauptmann Schinderhannes auf der Flucht vor Gendarmen seine silberne Taschenuhr verloren haben soll und dass der Nachbarort – kein Scherz – „Hühnerhof“ heißt.

Ein Prachtkerl von einem Gockel

Inzwischen hat der Antoniushof eine gewisse Berühmtheit erlangt. Dafür haben so Medien wie RTL oder die britische „Times“ gesorgt. Zu danken ist dies Meister Eder. Nein, damit ist nicht der schrullige Schreinermeister mit dem Pumuckl gemeint. Die Rede ist von einem Gockel, genauer: von einem Prachtkerl von Gockel. Selbstbewusst trägt er den roten Kamm und ein Federkleid zur Schau, das kaum eine Farbe auslässt. „Er glänzt wie eine Speckschwarte“, beschreibt Karin Pfeifer-Rockenfeller ihren Hahn voller Stolz. „So glänzt nur einer, der artgerecht gehalten wird.“

Und der auch aus vollem Hals krähen darf, wäre noch anzumerken. Womit wir beim Kern der Geschichte angelangt wären. Meister Eder gehört nämlich zu jenen Hähnen, die es lieben, frühmorgens der Welt kundzutun, dass es sie gibt und dass dies ihr Hühnerstall und ihre Hennen sind. Und damit es daran auch ja keinen Zweifel gibt, wiederholt er sich gerne.

Kann Kikeriki krank machen?

Ein Nachbar von Karin Pfeifer-Rockenfeller freilich mag sich daran gar nicht ergötzen. Ihn mache das Kikeriki krank, gab er ihr schriftlich und schaltete einen Anwalt ein. Der Gockel solle verschwinden oder zumindest nachts schalldicht weggesperrt werden. Das lehnt seine Besitzerin ab: Auf dem Land gehöre das Krähen eines Hahnes „genauso dazu wie Kirchengeläut, Kuhglockengebimmel oder Lärm bei der Ernte“.

Ein Rechtsstreit wie der um Meister Eder ist heutzutage beileibe kein Einzelfall. Auch in Frankreich war das bis vor Kurzem so. Dort war ein gewisser Maurice, ein krähfreudiger Artgenosse von Meister Eder, vor den Kadi gezerrt worden. Sein Fall führte letztlich dazu, dass die Nationalversammlung Anfang 2020 „das sinnliche Erbe der Landschaft“ und damit die Geräusche und Gerüche auf dem Land in einem Gesetzentwurf unter Schutz stellte. Ein Jahr später gab auch der Senat dem Entwurf einstimmig seinen Segen. Seitdem ist im Land des gallischen Hahns Landlärm ein Kulturgut, das es zu hegen und zu pflegen gilt.

Hähne aller Länder vereinigt euch

Davon hat die in einem Dorf bei Frankfurt lebende Silvia Stengel erfahren. Ihr Hahn heißt Flecko 3 und wurde von Nachbarn ebenfalls als Krawall-Gockel gebrandmarkt. Nach dem Motto „Hähne aller Länder vereinigt euch“ hat sie eine Petition mit dem Titel „Ortsübliche Emissionen des Landlebens als kulturelles Erbe schützen“ gestartet. Das Ziel: Die Gerichte davor zu bewahren, dass sie sich mit noch mehr Klagen vom Typ Flecko 3 oder Meister Eder herumärgern müssen. Mehr als 58.000 Bürger haben bereits unterzeichnet, die Petition läuft noch bis Jahresende.

Meister Eder ist dank einer gütlichen Einigung schon jetzt fein raus. Er darf morgens etwas länger im Stall schlafen – werktags bis 6 Uhr und sonntags bis 7 Uhr –, um dann sein Kikeriki umso kräftiger ertönen zu lassen. Die Verbannung in einen schalldichten Raum ist vom Tisch. Wenn es im Sommer um 22 Uhr noch über 30 Grad warm ist, darf der Hahn draußen bleiben. Dem Nachbarn obliegt es, ein Thermometer aufzuhängen und es in Schuss zu halten, damit die Temperatur zweifelsfrei festgestellt werden kann.

Die Londoner „Times“ empfiehlt Ohrstöpsel

Übrigens: Die „Times“ hatte dem Kikeriki-gestressten Nachbarn empfohlen, sich seine Nachtruhe mit Hilfe von Ohrstöpseln zu sichern. Keine schlechte Idee. Meister Eder wird zwar demnächst acht Jahre alt, erfreut sich dank artgerechter Haltung und liebevoller Fütterung aber bester Gesundheit. Sollte er doch einmal in den Hühner-Himmel eingehen, will Karin Pfeifer-Rockenfeller für einen würdigen Nachfolger sorgen. Schon ihrer Hennen wegen.

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