RHEINLAND-PFALZ RHEINPFALZ Plus Artikel Regierungsberater über Krankenhäuser: „Wir können die Lage beherrschen“

In den Krankenhäusern bleiben mehr Betten leer – nicht nur wegen des erfolgreichen Kampfs gegen das Coronavirus.
In den Krankenhäusern bleiben mehr Betten leer – nicht nur wegen des erfolgreichen Kampfs gegen das Coronavirus.

In den Kliniken sinkt die Anzahl der Corona-Intensivpatienten, dafür geraten die Häuser in wirtschaftliche Bedrängnis. Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft und Berater der Mainzer Landesregierung, fordert eine Lockerung der Auflagen. Was passieren muss, dass wieder geplante Eingriffe wie Knie- und Hüftgelenksoperationen möglich sind.

In der Woche vor Ostern war es soweit: Der Höhepunkt der ersten Coronawelle schwappte über Deutschlands Krankenhäuser, wie es die Forscher vorhergesagt haben. Das berichtete Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, am Freitag im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Nach seinen Angaben mussten rund 2000 Covid-19-Patienten beatmet werden, in rheinland-pfälzischen Kliniken waren es demnach bis zu 140 Frauen und Männer. Ein Dreifaches hätten die Kliniken stemmen können.

Weniger als zehn Prozent aller Intensivpatienten

Aktuell geht die Anzahl bundesweit und auch im Land zurück. Am Freitag lagen 103 Corona-Patienten in den Krankenhäusern im Land, davon mussten 75 beatmet werden, am Sonntag waren es 93 Patienten, von denen 64 an Beatmungsgeräten hingen. So weist es die Statistik der wissenschaftlichen Fachgesellschaft Divi (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e.V.) aus. Die Corona-Fälle machten weniger als zehn Prozent aller 710 Intensivpatienten aus, der Leerstand betrug 671 Intensivbetten. In einzelnen Kliniken waren die Kapazitäten vorübergehend ausgelastet, aber in jeder Region gab es ausreichend Ausweichmöglichkeiten.

System sei weiteren Infektionswellen gewachsen

Die Bilder aus Italien und die Gefahr, dass in Deutschland das Gesundheitssystem ebenfalls überlastetet werden könnte, haben ab Mitte März Maßnahmen wie die Kontaktsperre erzwungen, die das öffentliche Leben zunächst auf nahezu Null heruntergefahren haben. Gleichzeitig wurde das Gesundheitssystem für den Ernstfall gerüstet. Sämtliche planbaren Eingriffe wurden verschoben, Kapazitäten für Covid-19-Patienten frei gehalten und zusätzliche geschaffen. Kliniken haben Personal geschult, außerdem beschaffte das Land mehr als 100 Beatmungsgeräte.

Eines der größten Probleme, die Organisation von Desinfektionsmittel und Schutzausrüstung, ist nach Gaß’ Worten inzwischen gelöst. „Wir waren in Deutschland erfolgreich. Wir mussten nicht entscheiden, wer ein Bett kriegt und wer nicht“, sagt der Mediziner an der Spitze der Krankenhausgesellschaft. Beruflich ist er Leiter des Landeskrankenhauses in Andernach. Er ist zuversichtlich, dass das Gesundheitssystem weiteren Wellen der Covid-19-Erkrankung gewachsen sein wird.

Patienten trauen sich nicht mehr ins Krankenhaus

Nun aber stehen die Krankenhäuser nach seinen Worten vor einem anderen Problem: Viele Betten sind leer – und sie scheinen es auch zu bleiben. Denn nicht nur die Corona-Patienten bleiben aus, auch Menschen mit anderen schwerwiegenden Erkrankungen. „Die einen glauben, wir hätten keine Zeit für sie, die anderen fürchten, sich im Krankenhaus zu infizieren“, sagt Gaß. „Es ist leichter, sich beim Einkaufen anzustecken als im Krankenhaus.“ Die Covid-19-Patienten seien streng isoliert.

Bei der Aushandlung des Rettungsschirmes mit der Bundesregierung im März sei nicht erwartet worden, dass die Betten leer bleiben. Jetzt könnten sie Kliniken, insbesondere Maximalversorger, in wirtschaftliche Bedrängnis bringen.

Für jedes Bett, das für Covid-19-Patienten vorgehalten wird, erhalten die Kliniken 560 Euro pro Tag. Diese Regelung ist vorerst bis Ende September befristet. Erste Klinikkonzerne haben Pläne zur Kurzarbeit geschmiedet, allerdings stoßen sie dabei auf Widerstand. Laut Gaß hat die Bundesarbeitsagentur deutlich gemacht, dass Kliniken, die unter dem Rettungsschirm des Bundes stehen, keinen Anspruch auf Kurzarbeit haben. Einer der Konzerne, die das Instrument Kurzarbeit geprüft haben, war die Marienhaus-Gesellschaft, die unter anderem das Hetzelstift in Neustadt betreibt.

Hüftgelenk-Operationen möglich machen

Gaß schlägt einen anderen Weg vor: Kliniken sollen wieder mehr zum Normalgeschäft zurückkehren dürfen. Es geht dabei um geplante und nicht dringend notwendige Eingriffe. Operationen, bei denen beispielsweise Kniegelenke oder Hüftgelenke ersetzt werden, mussten zunächst auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Das ist in einer Corona-Verordnung des Landes geregelt. Gaß fordert eine Lockerung, doch im Mainzer Gesundheitsministerium wird noch nicht an einer neuen Verordnung gearbeitet, wie eine Sprecherin auf Anfrage sagte.

„Wir können die Lage beherrschen, selbst unter gelockerten Bedingungen“, sagt Gaß mit großem Selbstbewusstsein. Das Gesundheitssystem habe gezeigt, dass es ganz schnell reagiere, die Regelbehandlung herunterfahren und die Reserve aktivieren könne.

Für die Reha-Kliniken, denen mit Ausnahme der geriatrischen Krankenhäuser die Behandlung von Patienten ganz untersagt wurde, fordert Gaß ebenfalls Lockerungen. Wenn Menschen nach einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall nicht weiter behandelt würden, drohten Kollateralschäden.

Ein Kommentar zur Lage in den Krankenhäusern steht hier.

Gerald Gaß, Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft.
Gerald Gaß, Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft.
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