Idar-Oberstein
Nach dem Todesschuss „erschreckende Polemik zu Corona-Regeln“
Das großformatige Foto zeigt einen jungen Mann in bester Laune. Es zieht viele Blicke auf sich – kein Kunde der Tankstelle kommt daran vorbei. Aufgestellt ist das Bild samt Trauerflor neben dem Plexiglasschutz zwischen Tankstellen-Kasse und Snackbar. Gut einen Meter entfernt nur von der Stelle, an der der 20-Jährige am Samstagabend Opfer eines mutmaßlichen Mordes wurde. Die schier unfassbare Tat hat beileibe nicht nur die Menschen in Idar-Oberstein, im Kreis Birkenfeld, im Hunsrück erschüttert. Deutschland diskutiert über einen Gewaltexzess, den die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer am Mittwoch als „unfassbar zynisch und unfassbar schrecklich“ bezeichnet hat, und der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn von „Pandemie-Extremismus“ hat sprechen lassen, dem es entschieden die Stirn zu bieten gelte.
Auch Spitzenpolitiker der Republik melden sich nach und nach zu Wort, bemüht darum, das zu umschreiben, was da in der Edelsteinmetropole vor sich gegangen ist. Die Vokabeln gleichen sich: Von Entsetzen ist immer wieder die Rede, von einer schier unfassbaren Tat. Geschehen am Samstagabend: Am Samstagabend hat offenkundig ein 49-Jähriger im Verkaufsraum der Tankstelle einem dort als Kassierer beschäftigten Studenten einfach in den Kopf geschossen.
„Ein extremer Einzelfall“
Dem 20-Jährigen ist nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft zum Verhängnis geworden, dass er den Kunden – der dort Bier hatte kaufen wollen – auf den fehlenden Mund-Nasen-Schutz aufmerksam gemacht hat. Der 49-Jährige verschwand nach einem Wortgefecht. Fast zwei Stunden später kam er zurück. Zog eine Waffe und schoss dem jungen Mann in den Kopf.
„Ein Einzelfall“, so umriss am Mittwoch ein Sprecher die Einschätzung des Bundesinnenministeriums. Diese Bluttat zeige zwar „ein dramatisches Ausmaß an Verrohung in der Gesellschaft“. Doch so extrem sich die Verrohung nun Bahn gebrochen hat: Es ließen sich daraus keine „generalisierenden Rückschlüsse ziehen.
Mag es nun ein extremer Einzelfall sein, sei es jedenfalls einer, der „gesellschaftlichen Zündstoff“ berge, wie Sven Hummel, Stellvertretender Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, betonte. Das Verbrechen zeige, dass es „in der Gesellschaft beunruhigende Entwicklungen gibt“.
Zurzeit blickt besagte Gesellschaft auf Idar-Oberstein. Der Tatort stand noch am Mittwoch im Fokus mehrerer Fernsehkameras. Allzu spektakuläre Bilder gibt’s dort nicht einzufangen. Das kleine Meer an Blumen, Kerzen und Erinnerungsstücken an der Ecke des Gebäudes ist Motiv Nummer eins. In einer anderen Ecke parkt ein Streifenwagen. „Sensationsgier? Nö. Neugierige? Ja, vielleicht. Aber die Leute verhalten sich alle respektvoll, angemessen“, sagt ein Beamter.
„Erschreckende Polemik“
Das mag vor Ort so sein, gerade in einer überschaubaren Stadt, in der sich viele noch kennen. Im teilanonymen Netz allerdings geht’s wenig gesittet zu: „Erschreckend, welch laute Polemik zu Corona-Regeln sich in den sozialen Medien auf dem Grab dieses jungen Menschen austoben darf“, konstatiert Birkenfelds Landrat Matthias Schneider.
Er regt an, dass Stadt und Kreis eine Gedenkstele errichten. Die Stadt will eine Trauerfeier ausrichten – „wenn die Mutter das möchte“, wie Pressesprecher Michael Brill einschränkt. Der Mutter des Verstorbenen sollen auch die Spenden zukommen, die Tankkunden in das Kästchen werfen, das direkt unter dem Bild des jungen Mannes steht. „Keine Interviews“, lehnt die Kassiererin Fragen ab. Das Pächter-Ehepaar ist da – dunkel gekleidet, ins Gespräch vertieft in der verborgenen Sitzecke des Tankstellenshops. Auf dem Tisch liegt ein großer Kranz, die Schleife trägt die Aufschrift „Alex“. Das wäre ein Motiv für die Kameras draußen. Doch auch das Team eines großen Privatsenders respektiert das Drehverbot im Innern.
Zur Sache: Coronavirus hat Szene vereint
Für die Sozial- und Rechtspsychologin Pia Lamberty sind die Gegner der Corona-Politik nichts vollkommen Neues. „Dieses verschwörungsideologische Milieu war aus meiner Sicht vorher eher lose verstreut. In der Pandemie hatte man auf einmal ein gemeinsames Feindbild“, sagt Lamberty, die Geschäftsführerin beim Berliner Center für Monitoring Analyse und Strategie (CeMAS) ist. „Corona hat diese Szene vereint.“
Die Maske „ist eine Schutzmaßnahme und die wurde eben in der Pandemie zum absoluten Feindbild stilisiert von verschwörungsideologischen Kräften, von rechtsextremen Kräften“, erklärt Lamberty. „Sie ist nun ein Symbol einer scheinbaren Unterdrückung auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite eben auch eine Form, dass man sich selbst als scheinbaren Widerstandskämpfer inszenieren kann.“
Für viele fühlt sich die Stimmung seit Monaten aufgeheizt an. Zu Beginn der Pandemie hatten Soziologen die Idee, dass Corona die Menschen demütig machen und zusammenschweißen könnte. Davon spüren viele heute wenig. Ist die Gesellschaft gespalten in Corona-Leugner und andere? „Gesellschaften sind ja nie komplett vereint, es gibt ja immer Subgruppen. Und ich glaube, Corona hat das einfach noch mal sichtbarer gemacht“, sagt Lamberty.
Schon vor der Pandemie hätten sie und ihre Kollegen Studien gemacht: „Und da konnte man schon sehen, dass der Verschwörungsglaube mit einer gesteigerten Gewaltbereitschaft einhergeht.“ Die Angriffe auf die Presse, auf Impfeinrichtungen, Aggressionen im Supermarkt, in Arztpraxen, mobile Impfteams, die Polizeischutz brauchen – „da ist die ganze Zeit etwas in der Gesellschaft, was so aus meiner Sicht aber nie ernst genug genommen wurde“.