Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Auswanderer in den USA: Alles babbelt pfälzisch – wieso eigentlich?

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?Schweiz-Pfalz -AmerikanerDie meisten Amischen stammen von Schweizern ab, die in die Pfalz geflüchtet sind. Heute sprechen sie eine Sprache, die sich aufs Pfälzische zurückführen lässt. Foto: Douglas Benedict/Imago Images

In Teilen der USA hat sich Anfang des 18. Jahrhunderts Pfälzisch als Alltagssprache etabliert, obwohl viele Einwanderer ursprünglich nicht aus der Pfalz stammten, sondern aus den Niederlanden und der Schweiz. Warum also setzte sich ausgerechnet das Pfälzische durch?

Kutztown, Pennsylvania. Hier schwätzt man noch die „Muttersprooch“, wie man auf vielen Autoaufklebern und Schildern lesen kann. Gemeint ist damit das Pennsylvania Dutch – das nichts mit Holländisch zu tun hat, wie der Name vermuten ließe, weil „Dutch“ auf Englisch „Niederländisch“ heißt. Das Pennsylvania Dutch ist eine Variante des Pfälzischen und „Dutch“ steht für „Deitsch“. Einmal im Jahr steigt in Kutztown das Kutztown Folk Festival, ein Jahrmarkt, der sich der Kultur der deutschen Auswanderer verschrieben hat. Wo die Pfalz liegt, wissen die wenigsten, dass ihre Sprache ein Dialekt des Deutschen ist, erst recht nicht.

Auswanderungswelle vor 300 Jahren

Der Sprachwissenschaftler Michael Werner ist Herausgeber der pennsylvanisch-deutschen Zeitschrift „Hiwwe wie Driwwe“ und beschäftigt sich schon seit fast 30 Jahren mit dem Thema, hält viele Freundschaften nach Kutztown. Er ist Brückenbauer zwischen den Pfälzern in der Pfalz und jenen Nachfahren der Einwanderer, die aus der Pfalz in die USA kamen. Anfang des 18. Jahrhunderts gab es eine große Auswandererwelle nach Amerika. In Kutztown siedelten viele Migranten aus der Pfalz. Wobei die Pfalz damals nicht dem Gebiet der heutigen Pfalz entsprach – auch die rechtsrheinischen Gebiete rund um Mannheim und Heidelberg gehörten dazu, ebenso Teile des heutigen Rheinhessen. Doch die Siedler, die damals nach Pennsylvania aufbrachen, waren nicht schon immer in der Pfalz heimisch gewesen. Die meisten waren religiös Verfolgte aus der Schweiz, aus Frankreich, aber auch Tiroler und Niederländer. Warum ausgerechnet das Pfälzische zur Alltagssprache der Menschen in Pennsylvania wurde und nicht eine Sprache, die zum Beispiel mehr schweizerdeutsche Einflüsse hat, ist für Michael Werner eines der größten Rätsel der Linguistik.

Das große Rätsel

Der Auswanderungswelle aus der Pfalz ging eine Einwanderungswelle in die Pfalz voraus, die ihre Ursache im Dreißigjährigen Krieg hatte. Davor hatten rund 300.000 Menschen in der Kurpfalz gelebt, danach nur noch 30.000, erklärt Werner. In der Pfalz war also viel Platz. Der Kurfürst suchte daher Menschen für sein Land. Und er war dafür bereit, über seinen Schatten zu springen und vielen, die woanders verfolgt waren, eine Heimstatt zu bieten. So kamen in die Pfalz Hugenotten, französische Protestanten, Tiroler und Schweizer, sogenannte Wiedertäufer, also Mennoniten, die verfolgt waren, weil sie die Kindstaufe ablehnten. Auch Waldenser, eine protestantische Gruppe, zogen in die Pfalz. „Es war schon ein Völkergemisch“, sagt Werner. Hinzu komme, dass schon im 16. Jahrhundert viele Niederländer in die Pfalz gekommen waren. In Frankenthal zum Beispiel gab es Gemeinden, in denen lange niederländisch gesprochen wurde.

Mister Penn lud persönlich ein

Die Einwanderer haben sich Werner zufolge vor allem in Einsiedlerhöfen niedergelassen. Heute könne man das noch an den Namen von Ortschaften wie Limburgerhof und Weierhof ablesen. „Dort bestand ja erst einmal keine Notwendigkeit, Pfälzisch zu reden.“ Als dann 1685 die Pfalz unter der neuen Linie Pfalz-Neuburg katholisch wurde und die liberalen Regeln nach und nach abgeschafft wurden, war das für viele der frisch Eingewanderten der Startschuss zum Weiterwandern. 1685 zogen die ersten schweizstämmigen Mennoniten aus Kriegsheim bei Monsheim aus nach Germantown, Pennsylvania. Es war William Penn, Gründer des US-Bundesstaats Pennsylvania, persönlich gewesen, der sie eingeladen hatte, bei einem Besuch vor Ort: Nachmittags sei er in Kriegsheim gewesen, habe dann in Frankenthal übernachtet und sei dann weiter nach Mannheim und Heidelberg gezogen, berichtet Werner. Dass die doppelten Migranten wirklich Pfälzisch sprachen, als sie die Pfalz verließen, glaubt er nicht: „Wenn die 1650 kamen und 1685 wieder auswanderten, ist das eine Generation. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die da schon die Sprache angenommen haben.“ Hinzu komme, dass sich letztlich alle amerikanischen Mennoniten und Amischen, die heute in Pennsylvania leben, auf vielleicht 50, 60 Familien zurückführen ließen.

Bobbli und Meedli

Warum nun steckt nicht mehr Schweizerdeutsch im Pennsylvaniadeutschen, der Sprache der Mennoniten, der Amischen, Protestanten? Warum hat sich das Pfälzische als Verkehrssprache der „Muttersproochler“ durchgesetzt? Es gebe zwar durchaus einzelne Begriffe, die klar aus dem Alemannischen stammten, sagt Michael Werner, etwa die Verkleinerungsform mit angehängtem „-li“ bei den Wörtern „Bobbli“ oder „Meedli“ (für Buben und Mädchen). Doch dabei handele es sich schlicht um Ausnahmen.

Epizentrum Mannheim

Der Mainzer Linguistik-Professor Werner Veith hat Werner zufolge 1968 das Pennsylvanische mit allen pfälzischen Mundarten verglichen und versucht, jene Mundart zu finden, die dem Pennsylvanischdeutschen am nächsten kommt. Veith sei zum Ergebnis gelangt, dass es die Sprache der Region ist, die sich rund 20 Kilometer um Mannheim erstreckt. Warum sich unter den Einwanderern in Amerika schließlich genau dieses vorderpfälzische Pfälzisch durchgesetzt habe, und zwar erst in Amerika, nicht schon in der Pfalz, liegt für Veith daran, dass diese Sprache dem Hochdeutschen am nächsten sei. Werner: „Es gab Schweizer, es gab Sachsen, es gab Niederdeutsche, die dort gesiedelt hatten. Aber deren Dialekt war weiter entfernt vom Hochdeutschen. Und deshalb hat sich Pfälzisch als Lingua Franca angeboten“, also als Alltagssprache, die alle am besten verstanden. Die Unterschiede zum pfälzischen Pfälzisch zeigen sich heute vor allem in französischen Lehnwörtern, die es in Pennsylvania nie gab. Die Franzosen kamen erst in die Pfalz, als die ausgewanderten (Neu-)Pfälzer längst weg waren. Ein „Alla hopp“ wird man also in Pennsyvania nicht zu hören bekommen.

Fünf Pfälzer Dinge, die es nach Pennsylvania geschafft haben:

1) Pennsylvaniadeutsche lieben die Elwetritschejagd über alles, erzählt Michael Werner, genauso wie die Pfälzer hierzulande. Und die Jagd läuft auf der anderen Seite des Ozeans auch genauso ab wie in der Pfalz. Mit Sack und Laterne gilt es, das Fabelwesen zu fangen. Wie genau sich die Elwetrische in die Schiffe der Auswanderer geschmuggelt haben, weiß keiner so genau. Aber offenbar scheinen sie die Felder rund um Kutztown genauso zu mögen wie die Wingerte in der Pfalz. 2) Auf der Speisekarte in Restaurants im Berks County in Pennsylvania findet man etwas, das zumindest in Deutschland jeder mit der Pfalz verbindet: den Saumagen, des verstorbenen Altkanzlers Leibgericht. In Pennsylvania wird er anders zubereitet als bei uns, denn da wird nicht ein Magen prall gefüllt und in Scheiben geschnitten, sondern jede Portion besteht aus einem Magen, der so dezent gefüllt ist wie bei uns eine Scheibe. Eine wahre Delikatesse ist der „Seimaage“ dort. 3) Zugegeben: Die pennsylvanische Version des Belznickels sieht schon etwas beängstigend aus. Nicht so wie die pfälzische Version, die eher an den Heiligen Bischof Nikolaus angelehnt ist. Offenbar wurde der pennsylvanische Belznickel mit Knecht Ruprecht vertauscht. Aber ganz so böse, wie er ausschaut, ist der Belznickel drüben nicht. Zumindest, wenn die Kinder brav waren. Dann bekommen sie auch wie bei uns Geschenke. Und das ist doch die Hauptsache. 4) Hierzulande sorgen sie für bittere Grabenkämpfe zwischen den Regionen der Bundesrepublik. Kreppel, Berliner, Fastnachtsküchelcher oder doch Pfannkuchen? In Pennsylvania gibt es sie auch. Durchgesetzt hat sich der pfälzische Name. Also fast, denn das „Kichelche“ lassen sie weg. „Fastnachts“ nennen die „Muttersproochler“ das Gebäck, das man auch „iwwer the ocean“ rund um die närrischen Tage isst. Verkleiden und Prunksitzung feiern haben sie aber weggelassen. 5) Scheierstee – die Scheunenzeichen. Früher hat man sie an Gebäuden aufgehängt, um die bösen Geister zu vertreiben. In Goethes „Faust“ kommt auch ein solches Zeichen vor, als Mephisto nicht aus dem Zimmer kann, nachdem er als Pudel zu Faust kam. In Pennsylvania hat sich die englische Bezeichnung „Hex Sign“ durchgesetzt. Es ist heutzutage das markanteste Erkennungszeichen der Häuser der „deitschen“ Bevölkerung in Pennsylvania.

Am Sonntag Ehrung für Michael Werner

Der promovierte Linguist Michael Werner wird am Sonntag für seine Verdienste um die pfälzische Sprache und Literatur mit der Hermann-Sinsheimer-Plakette der Stadt Freinsheim ausgezeichnet (11 Uhr, von-Busch-Hof, Freinsheim). Die Ehrung ist dem Schriftsteller und Publizisten Hermann Sinsheimer gewidmet, der als Sohn der Stadt vor den Nazis nach Großbritannien fliehen musste. Die Laudatio hält der Plakettenträger von 2018, RHEINPFALZ-am-SONNTAG-Redakteur Michael Konrad.

Wird am Sonntag mit der Hermann-Sinsheimer-Plakette geehrt: der Linguist Michael Werner.
Wird am Sonntag mit der Hermann-Sinsheimer-Plakette geehrt: der Linguist Michael Werner. Foto: Benss
Hat es aus der Pfalz nach Pennsylvania geschafft (1): die Elwetritsch.
Hat es aus der Pfalz nach Pennsylvania geschafft (1): die Elwetritsch. Foto: M. Franck/W. Rupp
Hat es aus der Pfalz nach Pennsylvania geschafft (2): der Saumagen.
Hat es aus der Pfalz nach Pennsylvania geschafft (2): der Saumagen. Foto: Tourist-Info Wachenheim
Hat es aus der Pfalz nach Pennsylvania geschafft (3): der Belznickel.
Hat es aus der Pfalz nach Pennsylvania geschafft (3): der Belznickel. Foto: Benss
Hat es aus der Pfalz nach Pennsylvania geschafft (4): das Fastnachtskichel.
Hat es aus der Pfalz nach Pennsylvania geschafft (4): das Fastnachtskichel. Foto: dpa
Hat es aus der Pfalz nach Pennsyövania geschafft (5): der Scheierstee.
Hat es aus der Pfalz nach Pennsyövania geschafft (5): der Scheierstee. Foto: Benss
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