Koblenz
Grippeimpfung: Angriffen aufs Immunsystem trotzen
Der Hausärzteverband Rheinland-Pfalz rät seinen Patienten, sich nicht nur gegen Covid-19, sondern auch gegen die echte Virusgrippe (Influenza) impfen zu lassen. Was uns im Winter erwartet, wissen die Experten nicht. Das Landesuntersuchungsamt (LUA) in Koblenz hat jedenfalls bislang keine Anhaltspunkte dafür, dass eine besonders heftige Grippewelle drohen könnte.
Prognosen zum Verlauf der Grippewelle seien schon in normalen Jahren kaum möglich, sagt LUA-Sprecher Achim Ginkel auf Anfrage. Mit Corona sei ein weiterer Unsicherheitsfaktor hinzugekommen. Ginkel verweist darauf, dass niemand den kompletten Ausfall der Grippesaison 2020/21 erwartet hatte. Dies sei ungewöhnlich gewesen. „An den neuen Zahlen“, sagt er, „kann man jetzt noch keine Entwicklung ablesen.“
Laut LUA wurden in Rheinland-Pfalz bislang nur vereinzelte Infektionen gemeldet: Im August waren es sechs Grippefälle, in den ersten beiden Septemberwochen kamen sechs weitere Erkrankungen hinzu. Einzelne Fälle gebe es gegen Ende des Sommers aber immer, so Ginkel.
Keine harmlose Erkrankung
Auch Torsten Buchheit, stellvertretender Vorsitzender der Bezirksärztekammer Pfalz und Vorstandsmitglied im Hausärzteverband, sieht in seiner Praxis in Münchweiler an der Rodalb (Kreis Südwestpfalz) derzeit noch keine starke Erkältungswelle. „Die echte Virusgrippe tritt aber üblicherweise erst ab Januar auf – mit einem Erkrankungsgipfel im Februar und März“, sagt Buchheit. Er empfiehlt die Grippeimpfung vor allem Risikogruppen: Schwangeren, Frauen und Männern mit chronischen Erkrankungen, Menschen ab 60 Jahren und dem medizinischen Personal.
Die Influenza, sagt er, sei keine harmlose Erkrankung, vor allem nicht für ältere Menschen. „Meine treuesten Impflinge sind die Patienten, die schon einmal eine echte Influenza durchgemacht haben. Sie wissen, wie schlimm die Krankheit ist, und stehen Schlange für die Impfungen“, so Buchheit. Der Facharzt für Innere Medizin befürchtet aber, dass jetzt eine gewisse Impfmüdigkeit auftreten könnte, nachdem es im letzten Jahr kaum Grippefälle gegeben hat.
Masken haben Ansteckung verhindert
Die niedrigen Fallzahlen während der Corona-Pandemie seien der hohen Influenza-Impfrate, dem Lockdown und den Hygienemaßnahmen wie Maskentragen, Händewaschen, Desinfektion und den Abstandsregeln zu verdanken gewesen, betont Buchheit. Diese Schutzmaßnahmen hätten gegen die Verbreitung der Coronaviren genauso gewirkt wie gegen andere Erkältungsviren. „Es ist aber definitiv nicht so, dass uns jetzt die Abwehrkräfte fehlen, nur weil wir in der letzten Saison eine Erkältung weniger hatten“, sagt er.
Das Immunsystem müsse täglich 300 bis 400 Angriffe abwehren und werde ständig trainiert. Da sei nichts zu befürchten. Trotzdem rate er den Ungeimpften, sich gegen schwere Erkrankungen wie Covid-19 und Influenza impfen zu lassen. Buchheits Ansicht nach muss in den Arztpraxen in den nächsten Wochen weiterhin jeder Patient mit Erkältungssymptomen auf Corona getestet werden.
Mehr Erkältungen registriert
Das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin registriert seit Ende August steigende Zahlen bei den Erkältungen: Die Fallzahlen seien bei Kindern und Erwachsenen höher als sonst um diese Jahreszeit. Laut LUA hat die Arbeitsgemeinschaft Influenza aber über eine „weltweit ungewöhnlich niedrige Influenza-Aktivität“ berichtet. Im letzten Monatsbericht heißt es, dass es auf der Südhalbkugel, wo um diese Zeit sonst Grippewellen beobachtet werden, keinen Anstieg der Influenza-Infektionen gibt. Bundesweit wurden seit Mitte August 52 Grippefälle registriert.