Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Drive-in-Maikundgebung: Zustimmendes Hupen

60 oder 70 Wagen waren es, die auf dem Parkplatz vor der Eberthalle in Ludwigshafen standen. Aber nur die Mai-Redner auf der Büh
60 oder 70 Wagen waren es, die auf dem Parkplatz vor der Eberthalle in Ludwigshafen standen. Aber nur die Mai-Redner auf der Bühne durften an die frische Luft.

Die Maifeiern der Gewerkschaften in der Vorderpfalz waren in diesem Jahr „Drive-in-Kundgebungen“ – wegen Corona. Beobachtungen auf dem Kundgebungs-Parkplatz.

Es gilt ja immer das Positive zu sehen: Wenigstens darf man mal nach Herzenslust auf die Hupe drücken, als Ersatz fürs Händeklatschen, und das auch noch am Feiertag. Ansonsten, wenn nicht gehupt wird, liegt eine seltsame Stille über dem Parkplatz an der Ludwigshafener Eberthalle, für eine Großveranstaltung jedenfalls. Was den Ausnahmezustand zu Corona-Zeiten ziemlich deutlich illustriert: Maifeier der Gewerkschaften, heuer als Drive-in-Demo, zuvor ein kleiner Autocorso durch die Ludwigshafener Innenstadt. Ein Teil der Kollegen kommt aus Frankenthal, im Ludwigshafener Stadtteil Oppau hat man sich getroffen. So 60 oder 70 Wagen werden es sein, die um die Mittagszeit auf dem Parkplatz stehen, Aussteigen ist nach Möglichkeit zu unterlassen.

„Bissl gespenstisch“, sagt Parknachbar Hilmar Feisthammel, IG Metaller aus Frankenthal. Was soll’s, „es ist, wie’s ist“, sagt Feisthammel, und es ist eben Pandemie. „Wichtig ist, dass wir gesehen werden“, hat Rüdiger Stein, Regionsgeschäftsführer der DGB Region Vorder- und Südpfalz, schon einige Tage vor der Veranstaltung gesagt. In Speyer gibt’s ebenfalls einen Autocorso, wahrscheinlich wird auch da gehupt, und das war’s dann auch schon, zum Ersten Mai in der Region. Der DGB Westpfalz hat seine Veranstaltung abgesagt.

Von Solidarität und Tarifrunden

Ist momentan nicht ganz einfach, den Ersten Mai zu feiern, und es ist nicht ganz einfach, mit Gewerkschafts-Themen wie „Sozialstandards bei Saisonarbeitern“ in der öffentlichen Wahrnehmung durchzukommen, in Corona-Deutschland. „Solidarität ist Zukunft“ lautet das Gewerkschafts-Motto zum 1. Mai, und das ist zunächst mal schwer zu illustrieren bei einer Drive-in-Kundgebung, die jeden Teilnehmer aus Gründen des Infektionsschutzes in seinem Wagen isoliert. Was man als sinnbildlich für die Problemlage ansehen kann: Solidarisches gesellschaftliches Handeln tut gerade in der Pandemie not – und ist gerade in Zeiten der Pandemie schwer umzusetzen, zumal, wenn man gar nicht mehr zu Hause rauskommt.

Wie da die Problemlagen aussehen, klingt auf der Veranstaltung an: Für den Bereich Handel stehen eigentlich Tarifrunden an, rund 150.000 Beschäftigte arbeiten nach Gewerkschaftsangaben im Land alleine im Einzelhandel. Teile der Branche brummen, der Lebensmitteleinzelhandel beispielsweise – und Teile darben, weil sie monatelang nicht öffnen durften und dies jetzt auch nur unter strengen Vorgaben dürfen. Dazu kommt: viele Beschäftigte in der Branche haben keine Tarifverträge.

Von viel Lob und schlechter Bezahlung

Ein anderes, vielbehuptes Beispiel bringt Mairedner Roland Strasser, Landesleiter der IG BCE Rheinland-Pfalz/Saarland: Das der Pflegekräfte in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, hochgelobt und schlecht bezahlt. „Vom Klatschen wird man nicht satt“, sagt Strasser, vom Hupen zwar auch nicht, aber den Satz wollen die Teilnehmer dann wohl doch akustisch unterstreichen. Strasser weist dann noch auf die Ausgestaltung der Hilfs- und Konjunkturpakete hin, die „auch die Handschrift der Gewerkschaften“ trage. Das hat sich in der Pandemie nicht recht in die öffentliche Wahrnehmung eingegraben.

Es sei „ganz wichtig, in diesen Zeiten die Solidarität wieder in den Fokus zur rücken“, sagt die Ludwigshafener Sozialdezernentin Beate Steeg in ihrem Grußwort – und erkennt gleichzeitig, im fortgesetzten Ausnahmezustand, „eine Spaltung“ der Gesellschaft. Die lässt sich inzwischen auch bis auf die Betriebsebene runterdeklinieren, meint Metaller Feisthammel: „Der Zusammenhalt, der am Anfang da war, der bröckelt“, meint er.

Von Transformation und Krise

IG BCE-Mann Strasser stellt da wohl den richtigen Zusammenhang her: Man befinde sich in der Arbeitswelt „im größten Transformationsprozess seit der industriellen Revolution“, sagt er – und der fände zurzeit eben unter dem zusätzlichen Druck der Pandemie statt. Wie’s ausgeht, und ob die Krise die Gesellschaft endgültig sprengt oder zu einem neuen gesellschaftlichen Miteinander führt, das wird irgendwann mal in den Geschichtsbüchern stehen.

Die vermögen sowieso durchaus auch tröstliche Erkenntnisse zu vermitteln. Die beispielsweise, dass die Maifeier auch schon früher durchaus unter schwierigen Rahmenbedingungen stattgefunden hat. In Ludwigshafen ist man laut Klaus Jürgen Becker, Stadtarchivar in Ludwigshafen und Experte für die Geschichte der pfälzischen Arbeiterbewegung, sogar am 1. Mai 1945 auf die Straße gegangen. „Da wird in Norddeutschland noch geschossen“, meint Becker. Dann doch lieber Corona.

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