Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Tödlicher Polizeieinsatz: Fehlt den Beamten die nötige Erfahrung mit psychisch Kranken?

Vor diesem Laden spielten sich der dramatische Vorfall ab, infolgedessen ein 47-Jähriger starb.
Vor diesem Laden spielten sich der dramatische Vorfall ab, infolgedessen ein 47-Jähriger starb.

Sind Mannheimer Polizisten für den Umgang mit psychisch kranken Menschen zu wenig geschult? Wohl eher nicht, wie eine Anfrage der RHEINPFALZ an das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit und Polizeipräsidium ergeben hat.

Der Polizeieinsatz am vergangenen Montag in der Mannheimer Innenstadt wirft auch Fragen dazu auf, wie Polizisten bei Einsätzen mit psychisch kranken Menschen umgehen sollen. Bei einem Polizeieinsatz am Marktplatz starb am Montagmittag ein 47-jähriger Patient des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI), nachdem zwei Polizisten versucht hatten, ihn festzunehmen. Ein Arzt des ZI hatte die Beamten zuvor um Hilfe gebeten. Der Mann habe eine Gefahr für sich selbst dargestellt, hieß es im Anschluss an den Vorfall von Seiten des ermittelnden Landeskriminalamtes Baden-Württemberg. Bereits am Dienstag gab es Kritik an dem Einsatzgeschehen. Die Mannheimer Bundestagsabgeordnete Gökay Akbulut (Linke) forderte, „Polizisten für den Umgang mit psychisch kranken Menschen zu schulen.“

Jeden Tag Einsätze mit psychisch kranken Menschen

Waren die Polizisten nicht gut genug auf die Situation vorbereitet? Fehlte ihnen etwa die Erfahrung im Umgang mit einer psychisch kranken Person? Eines steht jetzt schon fest: Eine Seltenheit sind solche Einsätze nicht. Allein im Jahr 2021 brachte die Mannheimer Polizei 600 psychisch auffällige Menschen in die Notaufnahme des ZI. Oftmals handelt es sich dabei um Personen, die stark unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen stehen, Wahnvorstellungen haben oder suizidgefährdet sind.

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In 100 Fällen bat das ZI selbst die Polizei um Hilfe, wie das Institut auf Anfrage der RHEINPFALZ mitteilte. Dies passiere unter anderem dann, wenn sich Patienten besonders bedrohlich verhielten und das ZI-Team die Lage nicht mehr deeskalieren könne. In solchen Fällen werde die Polizei zu Hilfe gezogen, um für die Sicherheit der Mitarbeiter und Patienten zu sorgen. Ebenso rücken Streifen an, wenn – wie am Montag geschehen – Patienten das ZI-Gelände verlassen und zurückgebracht werden sollen.

ZI: Arbeit mit Polizei „sehr gut“

Die Zusammenarbeit zwischen Einrichtungen wie dem ZI und der Mannheimer Polizei ist also gelebte Praxis. Die Klinik beschreibt sie als „sehr gut und hilfreich“. Dass Polizisten nicht ausreichend Erfahrung im Umgang mit psychisch Kranken haben, erscheint mit Blick auf die schiere Anzahl der Einsätze also wenig plausibel. Das Polizeipräsidium Rheinpfalz, in dessen Einflussbereich sich ebenfalls psychiatrische Einrichtungen wie das Pfalzklinikum in Klingenmünster befinden, betont auf Anfrage: „Sowohl der theoretische als auch der praktische Umgang mit psychisch kranken Personen sind Inhalte des Studiums an der Hochschule der Polizei.“ Darüber hinaus gebe es Fortbildungsveranstaltungen. Entsprechende Einsätze in den Dienststellen würden regelmäßig vor- und nachbereitet. In der zuständigen Polizeidirektion Bad Bergzabern gebe es sogar einen eigenen Beamten, der sich schwerpunktmäßig um Fälle im Pfalzklinikum Klingenmünster kümmere.

Auch in Mannheim arbeiten ZI und Polizei eng zusammen, wie Einrichtung und Präsidium unabhängig voneinander bestätigen. Zwischen dem ZI und den Beamten der nur wenige hundert Meter entfernten Polizeiwache in H 4 bestehe ein regelmäßiger Austausch, so ein Polizeisprecher. Vierteljährlich finden etwa Abstimmungsgespräche zwischen der Leitung des Polizeireviers Mannheim-Innenstadt und dem leitenden Oberarzt des ZI Mannheim statt. Dabei gehe es um die grundsätzliche Abstimmung in der Zusammenarbeit und bei der Nachbereitung von Einsätzen.

Erst vor Kurzem Polizeischulung im ZI

Besonders interessant: Erst im April intensivierten ZI und Polizeipräsidium ihre Zusammenarbeit. Polizisten der Innenstadtwache H 4 wurden dafür zu Schulungsbesuchen ins Zentralinstitut eingeladen. In den vergangenen vier Wochen besuchten vier Gruppen mit insgesamt zirka 50 Polizisten der H-4-Wache die benachbarte Klinik. Die Teilnehmer sollten die Abläufe im ZI besser verstehen und die Problemstellungen der unterschiedlichen Krankheitsmuster kennenlernen. Ob die zwei in den Vorfall verwickelten Beamten – beide sind inzwischen vom Dienst suspendiert – auch an den Besuchen teilnahmen, ist derzeit Gegenstand der Ermittlungen. Die Staatsanwaltschaft Mannheim wollte sich am Freitag mit Blick auf das laufende Verfahren nicht dazu äußern.

Ein weiteres Detail erscheint ebenso tragisch. Während der dramatischen Ereignisse am Marktplatz trafen sich zur gleichen Zeit Klinikspitze und Polizeipräsidium zu ihrer routinemäßigen Lagebesprechung.

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