Im Nachhinein
Rheinquerung fürs Mittelrheintal: Über wenigstens eine Brücke willst du geh’n
Man kann der rheinland-pfälzischen Landesregierung sicher vieles vorwerfen, jedoch nicht, dass sie nicht gern groß denken würde. Womit hier weniger der Vorgang an sich, sondern vielmehr die Dimension gemeint ist. Man nehme beispielsweise Innenminister Roger Lewentz (SPD). Der besuchte Anfang August das Mittelrheintal, diese malerische Landschaft, die sich dadurch hervorhebt, dass sich dort der deutsche Schicksals- und Sehnsuchtsstrom anmutig durchs Mittelgebirge windet. Schnuckelige Städtchen säumen die Ufer, Wein stockt an den Hängen, Burgen krönen die Höhen, hach, es ist ein Traum.
Eine Brücke für St. Goar und St. Goarshausen
Eher ein Albtraum ist es hingegen – jedenfalls für die Bewohner des Tals –, dass sie nur schwerlich von einer Seite auf die andere hinüber kommen. Auf rund 80 Kilometern Länge gibt es zwischen Mainz und Koblenz zwar sechs Fährverbindungen, doch keinen festen, jederzeit benutzbaren Übergang. Schon lange braust daher ein Ruf wie Donnerhall am Rheingestade, das Land möge doch endlich für Brücken sorgen, wenigstens für eine. Ausgeguckt hat man sich dafür schon eine Stelle ziemlich in der Mitte der steglosen Strecke, wo ein Neubau das linksrheinische St. Goar mit dem rechtsrheinischen St. Goarshausen verbinden könnte. In Zeiten häufigen Niedrigwassers, wenn die Fähren zur Untätigkeit verdammt sind, ertönt der Brückenruf umso dringlicher.
Doch genau hier tut sich eine Kluft auf zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die schwerlich zu überbrücken ist. Denn das Postkartenidyll Mittelrheintal, mit dem sich vortrefflich Touristen locken lässt, steht als Welterbe Oberes Mittelrheintal unter dem Schutz (manche maulen: der Fuchtel) der Welterbe-Kommission der Unesco, also der Kulturorganisation der Vereinten Nationen. Mehr geht eigentlich nicht. Und dieses Gremium achtet scharfen Auges darauf, dass das Erscheinungsbild des gesegneten Landstrichs ästhetisch nicht durch eine Rheinquerung in Form eines Stahlbetondrumms verschandelt wird. Wie sollte bei dessen Anblick die schöne Loreley noch ihre betörenden Weisen von sich geben können?
Wenn, dann bitte: welterbeverträglich
Sind damit also alle Träume von einer Brücke passé? Mitnichten, und hier kommt nun wieder der Innenminister ins Spiel. Denn schon im Jahr 2010 haben sich die Welterbe-Wächter dazu breitschlagen lassen, eine Brücke zu akzeptieren. Sofern diese sich harmonisch in die Landschaft einfügt. Das Land hat dafür eigens das Wort „welterbeverträglich“ erdacht, um die Zielvorgaben zu beschreiben. Eine Brücke soll demnach so schlank und so niedrig wie möglich sein sowie in der Lage, rund 6000 Fahrzeuge pro Tag passieren zu lassen. Es gab sogar einen Architekten-Wettbewerb, aus dem ein filigraner Entwurf als Sieger hervorging, wonach sich das Bauwerk S-förmig über den Fluss gelegt hätte. Eine Augenweide. Ein wahrer Hingucker. Oder so ähnlich.
Jedenfalls erhofft sich Lewentz, wie er Anfang August in St. Goar erneut betonte, ein Monument, das selbst schon begeisterte Besucherströme anlocken könnte - ähnlich der Golden Gate Bridge in San Francisco, sagte Lewentz. Also von der Wirkung her, nicht vom Ausmaß. Wobei jeder weiß, dass mickrige Querungshilfen selten Eindruck machen.
Vorbild Tower Bridge?
Wie der Minister daher richtig erkannt hat, muss man größer denken. Wie wäre es mit dem Modell Harbour Bridge in Sydney (wozu allerdings ein passendes Opernhaus am Rhein fehlt). Oder Tower Bridge in London, die sich wegen ihrer aufklappbaren Fahrbahn durchaus als Vorlage für eine Rheinbrücke eignen würde. Sie wäre angesichts des vielen Schiffsverkehrs halt nur immer hochgeklappt, aber nett. Ein Bau wie die Köhlbrandbrücke im Hamburger Hafen oder die Pont de Normandie über die Seine bei Le Havre wäre natürlich beeindruckend, nur eben sehr ausladend. Ein Nachbau der Prager Karlsbrücke wiederum hätte zu viele Pfeiler, das ist nichts. Die Öresundbrücke? Nein.
Und die Rialto-Brücke in Venedig, nur größer? Spannend. Und so romantisch, das kann niemand ernsthaft verneinen. Aber falls es im Nachhinein nichts wird mit dem großen Wurf im Mittelrheintal: Es gibt noch eine Stelle am Rhein, die für weitgespannte Ziele richtig ist – Altrip. Spätestens, sobald die Brücken in Frankenthal, Ludwigshafen und Speyer die Biege machen, wäre ein fester Flussübergang dort praktisch. Wenn es ein Hingucker ist, umso besser.