Kusel / Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Polizistenmorde bei Kusel: Antworten auf bisher offene Fragen

Der Hauptangeklagte (rechts) neben seinem Anwalt Leonhard Kaiser (links) im Verhandlungssaal des Landgerichts Kaiserslautern.
Der Hauptangeklagte (rechts) neben seinem Anwalt Leonhard Kaiser (links) im Verhandlungssaal des Landgerichts Kaiserslautern.

Vor einem Jahr verurteilte das Landgericht Kaiserslautern den Mörder zweier Polizisten zu lebenslänglicher Haft. Die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern gibt jetzt Einblicke in die Ermittlungen.

Am 31. Januar 2022 erschoss Andreas S. zwischen 4.19 und 4.26 Uhr an einer einsamen Kreisstraße im Kreis Kusel einen Polizisten (29) und eine Polizeianwärterin (24). Die Beamten hatten den Bäcker- und Konditormeister aus dem Saarland beim raubzugartigen Wildern erwischt. Die Polizistenmorde von Ulmet haben sich im Gedächtnis der Pfalz eingegraben. Ein monströses Verbrechen, wie es die Region in Jahrzehnten nicht erlebt hat. Die RHEINPFALZ hat mit der Staatsanwaltschaft Kaiserslautern zentrale Fragen des Falls beleuchtet.

Der Personalausweis von Andreas S. blieb am Tatort zurück, weil er ihn nach den Morden nicht finden konnte. Wieso dauerte es trotzdem bis zum frühen Abend, bis die Polizei den Mörder fasste?
Die Polizei kannte zwar den Namen des Verdächtigen, wusste aber nicht, wohin er geflohen war. Die Polizei suchte gleichzeitig an mehreren Orten nach ihm. Gemeldet war der Bäcker im saarländischen Homburg. Als die Polizei in die Wohnung eindrang, war sie leer. Andreas S. hatte die Wohnung offenbar nie genutzt. Tatsächlich lebte er mit seiner Frau und den vier kleinen Kindern in Spiesen bei Neunkirchen. Dort war er auch nicht, seine Frau machte keine Angaben dazu, wo er sein könnte. Auch am Stammsitz der Familie im Kreis Merzig: keine Spur von ihm. Erst als ein Kamerad des Täters die Polizei informierte, dass sich Andreas S. in dessen Schlachtstube in Sulzbach aufhält, fasste die Polizei ihn gegen 17 Uhr.

Andreas S. floh in seinem zum Wildererauto umgebauten, weißen Renault Trafic vom Tatort. Schon nach drei Kilometern blieb der Wagen in Erdesbach liegen. Warum?
Beim Schusswechsel am Tatort durchdrang eine Kugel aus der Pistole des bereits angeschossenen Polizisten von vorn den Kühler des Renault. Das führte offenbar dazu, dass das Auto nach drei Minuten in Erdesbach den Dienst versagte.

Der Renault stand mit den Insassen Andreas S. und dessen Jagdhelfer Florian V. und 22 Hirschen und Rehen und einem Wildschwein zwei Stunden auf einem Parkplatz an der Bundesstraße. Zig Polizeiautos fuhren in der Zeit da vorbei zum Tatort. Wieso wurde Andreas S. dort nicht entdeckt?
Aus Sicht des Täters war es Glück. Aus Sicht der Polizei im Nachhinein vielleicht auch: Denn es ist nicht auszuschließen, dass es dann zu einer weiteren Schießerei gekommen wäre.

Am Tatort waren nur die beiden Wilderer und die beiden Polizisten, die ihren Einsatz mit dem Leben bezahlten. Wie war es möglich, die Morde eindeutig Andreas S. zuzuordnen?
Oberstaatsanwalt Stefan Orthen, der im Prozess die Anklage vertrat, sieht es so: „Dem Gericht gelang die Kunst, die Unmenge an Spuren wie Puzzleteile zu einem Bild zusammenzufügen, das eindeutig und stimmig ist.“ Und dieses Puzzlebild habe schließlich der Aussage des Jagdhelfers Florian V. entsprochen. Dieser habe diesen Tatablauf von Anfang an, also ab der ersten Vernehmung bei der Polizei am Abend des Tattags ohne Anwalt erzählt.

Im Prozess hatte Andreas S. gleichwohl behauptet, nicht er, sondern Florian V. habe die Polizistin getötet – und er den Polizisten, aber aus Notwehr. Könnte es nicht auch so gewesen sein?
Orthen sagt, im Prozess gehe es nicht in erster Linie darum, die Einlassungen des Angeklagten zu widerlegen. Gleichwohl habe man die Version von Andreas S. geprüft. Dieser hatte unter anderem von einem Drogendeal in der Tatnacht erzählt, in dessen Mittelpunkt Florian V. gestanden hätte. „Alles Quatsch“, so Orthen. Die Überprüfung der Handykommunikation und der Örtlichkeiten habe ergeben: Da war nichts. Hinzu kommen, so Orthen, Motiv und Fertigkeit: „Wer ist in der Lage, in einem so dynamischen Geschehen so schnell zu schießen?“ Das konnte nur der äußerst geübte Schütze Andreas S. gewesen sein und nicht Florian V., den noch nie jemand schießen sah.

Wie besonders und wie schwierig war der Prozess?
Der Leitende Oberstaatsanwalt von Kaiserslautern, Udo Gehring, nennt als erste Schwierigkeiten: „Zwei Verdächtige am Tatort, eine unübersichtliche Situation und dann muss zugeordnet werden, wer was gemacht hat.“ Die Auswertung der Spuren sei aufwendig und kompliziert gewesen. Und schließlich gebe es auch nicht alle Tage ein derart großes Interesse der Öffentlichkeit – und mit Lars Nozar einen Verteidiger, der den Prozessverlauf permanent in einem Podcast selbst kommentierte. Am Ende aber gelte: „Das war ein Verfahren, in dem alle Beteiligten ihr Bestes gegeben haben: Polizei, Gericht, Staatsanwaltschaft.“

Und die Verteidigung?
„Es ist die Aufgabe der Verteidigung, Zweifel zu säen. Es ist ihr am Ende nicht gelungen, das schlussendliche Puzzlebild überzeugend anzuzweifeln“, sagt Orthen.

Andreas S. ist rechtskräftig zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Das Gericht stellte die besondere Schwere der Schuld fest, sodass er nicht nach 15 Jahren auf freien Fuß kommen kann. Eine Sicherungsverwahrung bleibt ihm aber erspart. Warum?
„Er war nicht vorbestraft, schon gar nicht einschlägig“, nennt Orthen den Hauptgrund. Zudem bescheinigte ihm der Gutachter, kein Psychopath, sondern voll schuldfähig zu sein. Außerdem: „Man muss nicht davon ausgehen: Wenn der rauskommt, dann macht der so etwas gleich wieder. So war der nicht. Es hat sich nicht das Bild eines Monsters ergeben.“

Alles zu den Polizistenmorden finden Sie in zwei Blogs. Artikel, Fotos, Videos vom 31. Januar 2022 bis zum Prozessauftakt im Juni 2022 hier. Artikel, Videos, Fotos ab Prozessbeginn bis heute hier.

Der Tatort am Rande des Truppenübungsplatzes Baumholder. Der Renault der Wilderer stand bergauf links am Straßenrand. Das Zivilf
Der Tatort am Rande des Truppenübungsplatzes Baumholder. Der Renault der Wilderer stand bergauf links am Straßenrand. Das Zivilfahrzeug der Polizisten näherte sich von bergab und stoppte hier mitten auf der Straße. Keine zwei Minuten später fielen die ersten Schüsse.
Udo Gehring, Chef der Staatsanwaltschaft Kaiserslautern.
Udo Gehring, Chef der Staatsanwaltschaft Kaiserslautern.
Stefan Orthen leitete die Ermittlungen zu den Polizistenmorden.
Stefan Orthen leitete die Ermittlungen zu den Polizistenmorden.
Der Podcast Alles Böse startet wieder mit neuen Kriminalfällen aus der Pfalz.

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