Pfalz
Pfälzisch-elsässische Grenze: Erleichterungen beim Übertritt
Samstagmorgen, Tag eins der beschlossenen Grenzerleichterungen zu Frankreich. Zwei Mannschaftsbusse der Bundespolizei stehen am Rand der Grenze von Schweigen-Rechtenbach nach Wissembourg, die Polizisten sind entspannt, kontrolliert wird niemand. „Alle Grenzstellen sind jetzt offen, wir kontrollieren nur sporadisch“, informiert einer der Beamten. Das bedeutet, dass Pendler keine großen Umwege mehr fahren und wahrscheinlich keine Wartezeiten an den
Die RHEINPFALZ am SONNTAG hat sich an der Grenze mit Ortsbürgermeister René Richert aus dem elsässischen Riedseltz und seinem Amtskollegen Matthias Ackermann aus dem südpfälzischen Birkenhördt verabredet. „An dieser Stelle sind vor 23 Jahren die Schlagbäume gefallen“, erinnert sich Richert. Die beiden haben Mitte April ein Manifest für die deutsch-französische Freundschaft initiiert. Anlass waren Diffamierungen bis hin zu Sachbeschädigungen und Anzeigen gegen die Elsässer, die noch in Deutschland arbeiten durften. „Was haben sie hier zu suchen, sie schleppen die Pest ein“, sei nur eine der Bemerkungen in einem Geschäft in Bad Bergzabern gegenüber den französischen Nachbarn gewesen. „Populismus ist ansteckend wie ein Virus“, findet René Richert, der seinen Kollegen und Freund Matthias Ackermann zum ersten Mal nach acht Wochen wiedersieht.
Pendler dürfen wieder zur Arbeit
Die große Frage lautet: Was dürfen die Bürger von „hiwwe unn driwwe“ nach den Grenzerleichterungen und was nicht? Auch Richert muss erst mit dem Chef der Gendarmerie telefonieren. Dann sagt er, aus Deutschland dürfe jetzt wieder jeder einreisen und es gelte im Land das, was für die Franzosen auch gelte: nicht mehr als 100 Kilometer weit vom (deutschen) Wohnort aus dürfe ins Land gefahren werden. Allerdings: Auf der Internetseite der deutschen Vertretung in Frankreich hieß es auch gestern noch, für die Einreise nach Frankreich werde eine internationale Einreisebescheinigung benötigt, auf der man einen triftigen Grund nennen muss.
Für die Elsässer gilt: René Richert ist ab Montag wieder Pendler und darf wieder in seiner Firma in Bruchsal arbeiten. Auf dem Weg dorthin darf er auch einkaufen, was jetzt für alle Pendler gilt. Zudem dürfen sich Paare wieder sehen, Familienbesuche sind gestattet. Wer in seine Zweitwohnung möchte oder seinen Schrebergarten in Deutschland auf Vordermann bringen will, der darf das jetzt ebenfalls tun. Einfach so rüberfahren in die Pfalz – das ist dagegen nicht erlaubt.
Große Resonanz auf Manifest der Bürgermeister
„Es ist auf beiden Seiten großer Unmut über die ganze Situation aufgekommen“, erzählt der elsässische Bürgermeister. Eine deutsche Familie im Elsass, die er kenne, habe sehr darunter gelitten, ihre 90-jährige Mutter nicht besuchen zu dürfen. Eine Geschäftskollegin habe sich eine Ferienwohnung in Deutschland gemietet, um bei ihrer im Sterben liegenden Mutter sein zu können, weil sie Panik hatte, vor geschlossenen Grenzen zu stehen oder in Quarantäne zu müssen. „Da habe ich Gänsehaut bekommen“, sagt René Richert.
Beide Bürgermeister sind glühende Verfechter Europas und freuen sich über die Resonanz auf ihr Manifest „Die Grenzen schließen sich, aber nicht unserer Herzen“, das inzwischen Hunderte unterschrieben haben. Es ist ein emotionaler Appell für Solidarität zwischen den Völkern, gerade auch in Zeiten von Corona. „Der Schaden ist da, ich sehe ihn auch als Folge eines Mangels an Kommunikation, man hätte es den Menschen mehr erklären müssen“, sagt Matthias Ackermann. „Das Wichtigste ist, dass die Menschen wieder zusammenkommen“, findet sein elsässischer Kollege, es gebe auch Diffamierungen seitens der Elsässer. Er freut sich, dass das Manifest jetzt auch an 500 Bürgermeister im Département Bas-Rhin mit der Bitte um Solidarität geschickt wird.
Endgültige Entscheidung wohl erst Mitte Juni
„Derf ich jetzt riwwer, ich will mei Freindin b’suche“, fragt eine Dame aus der Pfalz. Ja, sie darf, heißt es. Sie strahlt und wird dann zornig, als sie erzählt, dass in ihrem Ort ein französisches Auto angespuckt worden sei. Die beiden Bürgermeister verabreden sich für demnächst zum Kaffee in Riedseltz. Die Bundespolizei ist abgefahren. Freie Fahrt also. Einig sind sich beide, dass man schon jetzt die Grenzen wieder ganz öffnen könnte. Aber die Entscheidung soll wohl erst ab 15. Juni fallen.
Der Parkplatz am Penny-Markt in Schweigen ist an diesem Samstagvormittag voll wie seit Wochen nicht mehr. „Das sind alles Familienbesuche“, lautet die Antwort auf die Frage, ob nun auch wieder Elsässer kommen. „Sie dürfen nicht, aber sie kommen“, freut sich auch der Besitzer des „Zollheisels“, wenige Meter vor der Grenze.