Ramstein-Miesenbach
Pfälzer Messung nährt Zweifel an Blitzer-Modell
An diesem Pfälzer Blitzer-Foto kann etwas nicht stimmen, sagen die Fachleute aus dem Saarland. Denn das Gerät behauptet: Der abgebildete Wagen habe die Messstation im Tempo-80-Bereich an der A6-Ausfahrt Ramstein-Miesenbach (Kreis Kaiserslautern) mit sechs Metern Seitenabstand passiert. Doch die Aufnahme zeigt, wie der Wagen über die linke der beiden Autobahn-Spuren rollt. Also befinden sich zwischen ihm und dem Kontrollapparat noch die rechte Fahrbahn und ein besonders breiter Seitenstreifen – macht eine Distanz von mindestens neun Metern.
Nachkontrolle ist schwierig
Für ein Tempomessgerät mag dieser offenkundige Irrtum ein lässlicher Fehler sein. Doch Fachleute werten solche Unstimmigkeiten als Hinweis darauf, dass auch bei der Bestimmung der Geschwindigkeit etwas schiefgegangen sein könnte. Eine Nachkontrolle ist aber schwierig. Wie genau die Computerprogramme ihrer Blitzer ihre Ergebnisse berechnen, behalten die Hersteller der Geräte als Betriebsgeheimnis für sich. Allerdings geht es in diesem Fall um einen Apparat, der – anders als viele andere – wenigstens die Ausgangsdaten seiner Kalkulation abspeichert.
Also haben Fachleute diese rund 28.000 Werte hergenommen und eine eigene Berechnung vorgelegt. Deren Ergebnis: Das Auto war um sechs bis sieben Kilometer in der Stunde langsamer als vom Blitzer behauptet – und damit allenfalls minimal zu schnell. Erfahren wird das der Inhaber dieses Wagens aber nie. Denn aufgespürt haben die Spezialisten des Saarbrücker Verkehrsgutachter-Büros VUT seinen Fall aus dem Januar 2021, als sie im Auftrag eines anderen geblitzten Fahrers dessen Messung überprüfen sollten und sich weitere Ergebnisse des Geräts vornahmen.
LED-Scheinwerfer pulsieren
Eine Erklärung für den mutmaßlichen Fehler dieses Blitzers haben die Experten gleich präsentiert: Es handelt sich um das Modell ES 3.0, das Bewegungen vor seiner Linse anhand von Helligkeitsveränderungen erkennt. Probleme gibt es der Theorie der Fachleute zufolge bisweilen, wenn Fahrzeuge mit bestimmten LED-Scheinwerfern vorbeifahren. Denn die leuchten nicht einfach gleichbleibend vor sich hin: In Wirklichkeit pulsieren sie – so schnell, dass der Effekt fürs menschliche Auge unsichtbar bleib, die Blitzer-Sensoren aber vielleicht doch verwirrt sind.
Belege für mutmaßliche Messfehler in diesem Zusammenhang haben Experten schon häufiger angeführt. Doch selten waren sie so deutlich wie in diesem Fall, sagt der für derartige Verfahren bekannte Anwalt Alexander Gratz aus dem saarländischen Bous. Dabei ist der seit 2019 an der Ramstein-Ausfahrt platzierte Blitzer nicht der einzige in der Pfalz mit Helligkeitssensoren: Es gibt zwei mobile Messgeräte der Polizei, die diese Technik nutzen. Und auch am Kreuz von A65 und B9 haben solche Apparate bislang gewacht, sie allerdings sollen nun wegen eines Software-Defekts ersetzt werden.
Ministerium: Kein Grund für Zweifel
Grundsätzliche Zweifel an den Lichtschranken-Blitzern will das rheinland-pfälzische Innenministerium aber nicht gelten lassen. Es beruft sich auf die Physikalisch-Technische Bundesanstalt, die neue Tempomessgeräte auf ihre Zuverlässigkeit hin überprüft. In einer seit 2018 wegen anhaltender Kritik mehrfach aktualisierten Stellungnahme beteuert die Behörde: LED-Scheinwerfer gab es schon, als die ES-Blitzer auf den Markt kamen. Also sei damals bereits geprüft worden, ob solches Licht die Anlagen verwirrt. Und später habe es weitere Untersuchungen gegeben.
Ergebnis: Es ließen sich „keine konkreten Anhaltspunkte“ für falsche Messwerte finden. Eine Auffälligkeit hat die PTB aber doch vermerkt: Bei Fahrzeugen mit pulsierenden LED-Leuchten steige der Anteil der Fälle, in denen die Blitzer ihre eigenen Ergebnisse als unstimmig erkennen und von sich aus aussortieren. Der Umkehrschluss der Behörde: Was die Apparate nach der eingebaute Selbstkontrolle noch für richtig halten, ist es auch.