Fussball, ganz unten
Neun Freunde sollt ihr sein
Es ist ja nun nicht so, dass hier keiner sportlichen Ehrgeiz hätte. Maurice Brüseke jedenfalls wirkt kurz nach dem Abpfiff einigermaßen angefressen. Dabei gibt’s an der Bilanz des frühen Nachmittags zunächst wenig zu mäkeln: Gerade 2:1 gewonnen. In der ersten Halbzeit durchaus gut gestanden. Knapp 45 Minuten kontrolliert aus der Abwehr nach vorne und über die Außen gespielt. Den Gegner eigentlich im Sack gehabt. Und eine zunächst weitgehend ungefährdete Zwei-Tore-Führung herausgeschossen. So weit das Positive zum Sieg des SV Heuchelheim-Klingen über die zweite Mannschaft von Kapellen-Drusweiler, und so weit die Phrase, sorry, aber ohne geht’s nicht: Das Erfolgsrezept von Fußball beruht auch darauf, einen Sprachcode zur Verfügung zu stellen, mit dem ganz unterschiedliche Menschen sehr schnell Gemeinschaft herstellen können.
„Der Alltag ist hart“
Brüseke also könnte zufrieden sein, ist er aber nicht: Zu viele Wechsel in der zweiten Halbzeit, meint er, hätten die Ordnung auf der Platz durcheinandergebracht, es hätten noch mehr Gegentore fallen können als das 1:2 um die 55. Minute. Vereinskollege und Sportkamerad Kevin Leonhardt verweist noch auf die „sechs Abwehrspieler, die heute nicht da waren“. Je nun, „der Alltag in der Kreisliga D ist hart“, sagt Brüseke ironisch. Über dem Platz zwischen Hang und Wingert geht inzwischen ein mittelschwerer pfälzischer Herbstregen nieder. Ob man die – wenn das jetzt richtig gezählt ist – zwei Bälle, die Richtung Weinberge gesemmelt wurden, heute noch rausholt, ist fraglich. Normalerweise bringen die Winzer das Spielgerät unter der Woche freundlicherweise am Vereinsheim vorbei.
Absteigen geht nicht
Es ist Graswurzelarbeit, die hier stattfindet, und die ist an diesem ersten Sonntag im Oktober mit dem zweiten Heuchelheimer Saisonsieg belohnt worden: Die Kreisliga D ist die niedrigste Spielklasse im Fußball, absteigen kann man nicht mehr, weil weiter unten nichts mehr kommt. Der SV tritt dabei als einziger Verein in seiner D-Klasse mit der ersten Mannschaft an – die Gegner mit ihren Reserveteams, die ersten Mannschaften spielen weiter oben. Wenn’s dumm läuft, holt man sich eine Packung, 0:17 gegen die TSG Jockgrim III beim nächsten Spiel. Kommt eben so, „wenn man mit Ach und Krach elf Leute zusammenkriegt – und dann zwei Verletzte hat und mit neun Leuten weiterspielt“, meint Brüseke. Und der Gegner weiter ohne Pardon zu geben seine Führung ausbaut. Es ist ja nicht so, dass hier keiner sportlichen Ehrgeiz hätte.
Acht Leute beim Training – wenn es gut läuft
Könnte nun natürlich Anlass zum Verströmen von preiswertem Spott geben. Oder man bleibt sportlich fair und nimmt den Südpfälzer Sportverein als das, was er wohl ist: Als Beispiel für ehrenamtliches Engagement, das alles andere als selbstverständlich ist. Als Beispiel für die Schwierigkeiten kleiner Vereine, jenes Ehrenamt mit einem organisatorischen Rahmen zu versehen. Und letztlich als Beispiel für den demografischen Wandel, der das Land anders beutelt als die Stadt. Wozu man am besten erst mal zehn Tage vors Spiel gegen Kapellen-Drusweiler zurückgeht – zum Training am Mittwochabend.
Eine Handvoll Spieler werden heute auflaufen, an einem Abend, der warm beginnt und kühl endet. „Wenn’s gut läuft, kommen acht Leute zum Training“, sagt Brüseke, der vor der Übung mit Leonhardt am Mittelkreis zusammensteht und den Ablauf durchspricht. Womit die beiden Akteure zusammenstehen, die dafür verantwortlich sind, dass in Heuchelheim überhaupt wieder Ligafußball gespielt wird: Brüseke und Leonhardt, die sich seit dem Kindergarten kennen, haben die Fußballabteilung vor fünf Jahren neu gegründet. Der Verein hatte jahrelang keine erste Mannschaft gemeldet.
Dritter Neuanfang binnen weniger Jahre
Man hat zuerst mit allem gekickt, was laufen konnte, dann mit Uni-Kommilitonen, und nachdem die weitgehend wieder weg sind, der Arbeit nachgezogen, fängt man zum dritten Mal von vorne an. Muss man wollen, zumal, wenn man wie Brüseke in Koblenz wohnt und arbeitet, und zwei, drei Mal die Woche in seinen Südpfälzer Heimatort zurückfährt.
Und dort wird zurzeit eben noch Mangelverwaltung betrieben: Trainings- oder Punktgeld wird in den höheren Klassen sogar der Kreisliga wohl durchaus bezahlt, kann sich der SV aber nicht leisten. Wenn er bei einem Spieler der A-Klasse nachfragt, ob er nicht in Heuchelheim kicken will, kriegt Brüseke meist die Frage „Was könnt ihr mir bieten?“ zu hören. Und die Antwort: einen idyllisch gelegener Platz, bei dem man Fehlpässe gelegentlich aus dem Wingert fischen muss, scheint wohl nicht bei jedem zu fruchten.
Keine Lust auf die „Alten Herren“
Beim Spiel gegen Kapellen-Drusweiler wird unter anderem Matthias auflaufen, der spielt eigentlich bei den Heuchelheimer Alten Herren (AH) und war ursprünglich für den Thekendienst eingeteilt. Bei Training und Spiel wird Peter aus Offenbach auf dem Platz stehen, der ist 53 Jahre alt, hat aber keine Lust auf die AH und hilft lieber in Heuchelheim aus. „Es ist schon ein Phänomen, dass so ein kleiner Sportverein noch alleine existiert“, sagt Peter, „ansonsten gibt’s ja immer mehr Spielgemeinschaften.“
Es kommt „schon öfter vor, dass Vereine zusammengehen“, sagt Franz-Josef Kolb vom Südwestdeutschen Fußballverband. Breiter gespreizte Interessen bei jungen Menschen spielen da sicher eine Rolle, hat ja schon der selige Gerd Müller beklagt („früher gab’s halt nichts anderes“). Und insgesamt gibt’s halt weniger junge Menschen, was sich allerdings nach Kolbs Beobachtung regional ganz unterschiedlich abbildet: „In den Städten wird es mehr, auf dem Land wird es weniger.“ Insofern ist der Amateurfußball Spiegel der Strukturfragen im ländlichen Raum.
Trainer beim „Anfangsverein“
Muss man eben mit dem arbeiten, was man hat. So wie Trainer Tamer Kar, der beim Training am Mittwoch seine Spieler zu Einzelgesprächen an die Seitenlinie rufen wird. Es ist im Prinzip ein „Anfangsverein“, den Kar nach eigenen Worten trainiert – und der muss sich eben auch mit der Tatsache rumschlagen, dass es immer weniger Anfänger und immer mehr Alternativen zur Leibesertüchtigung gibt. „Das größte Problem: Die sportlichen Aktivitäten bei den Jugendlichen sind nicht mehr so da“, sagt der Trainer. Man addiere zum Grundproblem das Thema Corona und einen Trainingsbeginn etwa drei Wochen vor Saisonstart – und die durchwachsenen Ergebnisse einer laut Kar „sehr gemischten Truppe“ in Heuchelheim werden verständlicher.
„Ich sag’ mal: 30 Prozent meiner Spieler können ihre Position spielen“, sagt Trainer Kar und muss selbst grinsen. Wird nicht einfach, der dritte Neuaufbau in Folge, zumal eben ein Element fehlt: „Es geht immer ums Geld“, sagt Kar.
„Ich kann kein Geld bieten“
„Ich kann kein Geld bieten“, sagt Maurice Brüsekes Vater Christian, der Vorsitzende des SV Heuchelheim-Klingen, „und wir haben auch nicht so die perfekte Infrastruktur.“ Um das vorbildlich gepflegte Grün kümmert sich ein Rentner, ehrenamtlich. „Ein Sportverein lebt schon von Einzelpersonen, die sich engagieren“, meint Christian Brüseke, „das ist auf keinen Fall ein Selbstläufer.“ So um die 250 Mitglieder hat der Verein – also eigentlich nicht schlecht für eine Gemeinde wie Heuchelheim mit gut 800 Einwohnern.
Von denen sich allerdings nur eine Handvoll zum Match gegen Kapellen-Drusweiler verirrt, um den zweiten Saisonsieg ihrer Mannschaft zu bejubeln. Anwesend sind einige weibliche Anhänger, Luisa und Leni aus Schwegenheim beziehungsweise Billigheim-Ingenheim beispielsweise, man wird sich trotz überschaubarer Fußballbegeisterung zu unterhalten wissen. „Wir haben immer viel zu erzählen“, sagt Luisa. Sabrina sitzt einige Meter weiter, Freund Jeremy fungiert momentan als Linienrichter. „Hauptsache, es macht ihm Spaß “, sagt Sabrina, „es ist ja nicht jedes Wochenende ...“ Hinter jedem großen Mann steht eine große Frau mit Engelsgeduld.
Fliegende Wechsel
Sportskamerad Jeremy also bedient die Fahne, ansonsten hat der Verband fürs heutige Spiel einen Hauptschiedsrichter spendiert, nicht selbstverständlich: Oft pfeifen Aktive aus den beteiligten Vereinen das Spiel in der untersten Klasse, mangels Offiziellen. Faires Spiel im Übrigen, kaum Unterbrechungen. Ob jede Auswechslung auf dem Spielberichtsbogen landen wird, da schau’n wir mal: Bis zur B-Klasse dürfen ausgewechselte Spieler wieder eingewechselt werden, um die 30 Wechselbewegungen sind so möglich. Was fast zu einer Art „fliegendem Wechsel“ wie beim Eishockey führt. Und im vorliegenden Fall eben auch dazu, dass dem SV Heuchelheim-Klingen wegen der vielen Wechsel in der zweiten Halbzeit etwas die Linie abhandenkommt, was wiederum Maurice Brüseke aufregt.
Die dritte Halbzeit
Bisschen dritte Halbzeit gibt’s dann schon noch. Trainer Kar wird erst mal von einem seiner Spieler um zwei Euro angehauen, fürs Bier. „Jetzt hol dir erst mal was“, sagt Kar, Seele von Mensch, der. Und ansonsten ist nach dem Spiel vor dem Spiel: „Step by Step“ will Brüseke weiter Vereinsaufbau betreiben, mehr „Spieler aus der Region kriegen“. Ein Fernziel hat er auch: „In sechs Jahren, bei der 100-Jahr-Feier (des Vereins, d. Red.), eine Liga höher spielen“, Kreisklasse C dann also. Es ist ja nicht so, dass hier keiner sportlichen Ehrgeiz hätte.